01.07.2010 · Das sommerliche Wechseltheater um den begehrtesten Basketball-Profi LeBron James bietet auch Deutschlands NBA-Star eine große Chance: Dirk Nowitzki erklärt sich zum „Free Agent“ und schafft sich neue Spielräume.
Von Jürgen KalwaDie Aktion begann vor ein paar Wochen mit einem Internet-Video, in dem der medienbewusste Bürgermeister Michael Bloomberg einen der populärsten amerikanischen Sportler ganz direkt ansprach: „C'mon LeBron. Schreib das nächste Kapitel in der Basketballgeschichte von New York City.“ Die Werbe-Kampagne hat seitdem viele Unterstützer gefunden. Von Fernsehmoderatoren bis zum Immobilien-Magnaten und Selbstdarsteller Donald Trump, von Broadway-Produzenten bis zum sprichwörtlichen Mann auf der Straße - fast jeder erweckt neuerdings den Eindruck, als ob die Finanzhauptstadt der Welt derzeit nur ein Problem hätte: den besten Spieler in der NBA zu den New York Knicks zu locken.
Was die Lebensqualität und den weiteren Ausbau des umsatzträchtigen Images des 25-jährigen LeBron James angeht, hat man am Hudson sicher viel zu bieten. Mehr jedenfalls als in Cleveland, wo James seit sieben Jahren bei den Cavaliers seinem Job nachgeht und in jener Zeit mehrfach mit dem Versuch scheiterte, den Meistertitel zu gewinnen. New York allerdings hat nicht die besten Karten im Wettbewerb um „King James“. Gleich mehrere Clubs buhlen um die Dienste des Mannes, der zuletzt über ein Jahreseinkommen von rund 40 Millionen Dollar aus Gehalt und Werbegeschäften verfügte. Jede der Mannschaften könnte einen begnadeten Alleskönner wie James gut gebrauchen. Aber nicht alle verfügen über jene Voraussetzung, die aufgrund der komplizierten Tarifbestimmungen der NBA Bedingung Nummer eins ist: genügend Luft unter der Salaray-Cap-Grenze, um die Millionen zu bezahlen, die ein solcher Spieler verlangen kann.
Nowitzki warf seinen Namen am Mittwoch in den Korb
Offiziell können die Verhandlungen mit den interessierten Teams an diesem Donnerstag beginnen. Doch schon vor dem 1. Juli blühten die Spekulationen über die Kandidaten, zu denen neben den New York Knicks, den New Jersey Nets, den Los Angeles Clippers und den Miami Heat auch die Chicago Bulls gehören. Der Manager von James verneinte zwar, dass sich sein Klient auf eine Reise in all die Städte begeben werde. Trotzdem wollen die Gerüchte über eine LeBron-Tour nicht verstummen. Denn das Interesse an der Angelegenheit in den Staaten ist größer als das für die Fußball-WM und die derzeit laufende Baseball-Saison. Am Dienstagabend strahlte der Sportsender ESPN sogar eine einstündige Sondersendung aus, in der vier namhafte Kommentatoren nichts anderes einbrachten als ihre von keinem Wissen getrübten persönlichen Ansichten darüber, wo James sportlich landen werde.
Auslöser für die Aufregung ist allerdings nicht allein die anhaltende Ungewissheit um die Karriere-Entscheidung eines „kleinen Flügels“, der mit seinem Zug zum Korb und dem Auge für gut postierte Nebenleute ganze Spiele im Alleingang entscheiden kann. Ein Wechsel von LeBron James zu einem anderen Club ermöglicht auch anderen Spielern in ähnlicher Lage, sich sportlich neu zu orientieren. Zu ihnen gehört neben Chris Bosh (zuletzt Toronto Raptors) und Dwayne Wade (bislang Miami Heat) auch der deutsche Nationalspieler Dirk Nowitzki, der in seinen zwölf Jahren bei den Dallas Mavericks nie das große Ziel erreichen konnte: den Gewinn der NBA-Meisterschaft.
LeBron James fehlte bislang ein adäquater Spielpartner
Nowitzki warf seinen Namen am Mittwoch in den Korb, als er die Optionsklausel in seinem noch bis 2011 laufenden Vertrag nutzte und sich zum sogenannten „Free Agent“ erklärte. Er verzichtet damit vorerst auf (garantierte) 21,5 Million Dollar, aber schafft sich neue Spielräume. Nowitzkis Entscheidung machte Mavericks-Chefmanager Donnie Nelson sichtlich nervös. Der buchte gleich für diesen Donnerstag einen Flug nach Deutschland, um den Würzburger davon zu überzeugen, in Dallas zu bleiben. Die Argumente dürften Nowitzki allerdings bekannt vorkommen. Das Vereins-Management war in den vergangenen Jahren trotz aller Neuverpflichtungen und der Bereitschaft, viel Geld auszugeben, nicht in der Lage, Nowitzki eine Gruppe von Mitspielern zu besorgen, mit denen er um den Titel hätte spielen können. In diesem Jahr scheiterte die Mannschaft wieder in der ersten Play-off-Runde.
Die Konstellation könnte für den 32-jährigen Franken nicht besser sein. Denn auch LeBron James fehlte bislang ein adäquater, herausragender Spielpartner zum Erfolg. Zu den Klubs mit den finanziellen Mitteln, gleich zwei teure Spieler der Extraklasse unter Vertrag zu nehmen, gehören unter anderem die Chicago Bulls. Das Team lebt seit den Tagen des legendären Michael Jordan sportlich irgendwo zwischen Mittelmäßigkeit und Punktelieferant und verpflichtete vor kurzem mit Tom Thibodeau einen neuen Cheftrainer, der als Assistent bei den Boston Celtics zu den Architekten einer Meistermannschaft mit hochempfindlichen Egos gehörte.
In Dallas versuchte derweil Nowitzkis Mannschaftskamerad Jason Kidd dessen Entscheidung zu deuten: „Manchmal möchte ein Spieler einfach das Gefühl haben, dass ihn andere haben wollen. Das wird ihm sehr viel Aufmerksamkeit einbringen. Aber wir haben alle das Gefühl, dass er nicht woanders hingeht.“ Mehr als ein Gefühl ist es allerdings nicht.