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NBA Kobe allein in L.A.

11.11.2004 ·  Der Basketballstar der Los Angeles Lakers hat sich durchgesetzt: Seit dem Weggang seines Intimfeindes Shaquille O'Neal dreht sich alles um Aufbauspieler Kobe Bryant.

Von Tom Krome, Los Angeles
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Kobe Bryant stand allein auf dem Feld. Vier Stunden waren noch Zeit bis zum ersten Spiel der neuen Saison, und die meisten seiner Teamkameraden bei den Los Angeles Lakers saßen zu Hause oder in ihren Autos. Bryant nahm einen Ball, führte ihn bis vor den Kopf und warf ihn mit einer lehrbuchhaften Bewegung in den Korb.

Er holte ihn zurück, warf abermals und traf. Und wieder und wieder. Keine Fernsehkamera war in der Nähe, um das Schauspiel einzufangen. Das Staples Center, die Spielstätte der Lakers in der National Basketball Association (NBA), war nahezu leer - nur ein paar Helfer fegten noch die Gänge. Auf dem Feld aber bewegte sich Bryant in seinem goldfarbenen Trikot völlig ungestört - der vielleicht beste Spieler der Welt in einer Welt nur für sich. Genau das hatte sich Bryant immer gewünscht - und genau so ist es nun gekommen. Das einzige, was in dieser Saison bei den Lakers zählt, ist Kobe Bryant.

Sonnengott O'Neal, Wunderkind Bryant

Wer verstehen will, was die Los Angeles Lakers von Kobe Bryant halten, muß wissen, was sie für ihn aufgaben. Im Juli trennte sich der Klub von Shaquille O'Neal, dem besten Center der Liga. Ihm zahlten sie in den vergangenen acht Jahren mehr als 120 Millionen Dollar. Einen Monat zuvor hatte Trainer Phil Jackson sein Amt niedergelegt, nachdem die Klubführung ihm erklärt hatte, man werde seinen Vertrag nicht verlängern. Jackson, mit neun Titeln und 175 Play-off-Siegen der erfolgreichste Trainer der NBA-Geschichte, erhielt in fünf Jahren bei den Lakers 30 Millionen Dollar Gehalt - plus zwei Millionen Dollar Bonus für jede der drei Meisterschaften, die er in dieser Zeit gewann. Neben O'Neal und Jackson mußten acht weitere Spieler den Klub verlassen.

Die Lakers, die zu den erfolgreichsten Teams der NBA-Geschichte zählen, haben eine Zäsur gemacht. Warum sie das taten, ist mit sportlichen Gründen nicht zu erklären. Doch jeder Amerikaner, der sich auch nur ein bißchen für Basketball interessiert, kann ein Lied aus der Seifenoper singen, die sich in den vergangenen Jahren bei den Lakers abspielte. Kobe Bryant war das Wunderkind, das vor Begeisterung über sein eigenes Talent sämtliche Mitspieler vergaß. Shaquille O'Neal mimte den Sonnengott, der keinen anderen neben sich duldete. Und Phil Jackson gefiel sich in der Rolle des Basketball-Gurus so sehr, daß er vor kurzem ein neues Buch mit Memoiren vorlegte - sein drittes.

Siebenjahresvertrag über 136 Millionen Dollar

Im Frühjahr vergrößerte sich der Riß im Team so sehr, daß Klubbesitzer Jerry Buss jede Hoffnung auf Besserung aufgab und einen Neustart ausrief. Wie fast alles in der NBA war auch dies eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. O'Neal verlangte für einen neuen Fünfjahresvertrag rund 150 Millionen Dollar, Jackson wollte 25 Millionen Dollar für zwei Jahre. Beides hätte sich allenfalls dann ausgezahlt, wenn die Lakers um die Meisterschaft spielen würden.

Da O'Neal und Bryant jedoch kaum im selben Raum sitzen können, ohne sich anzugiften, schien diese Möglichkeit ausgeschlossen. So tauschte Klubchef Buss fast das gesamte Team aus, holte mit Rudy Tomjanovich einen willfährigen Trainer und stattete Bryant mit einem Siebenjahresvertrag über 136 Millionen Dollar aus - mehr ist nach den Tarifregeln der NBA nicht erlaubt. Heute gibt es keinen Zweifel mehr: Die Lakers sind das Team von Kobe Bryant.

Profivertrag mit 17 Jahren

Der 26 Jahre alte Aufbauspieler hat diesen Tag herbeigesehnt, seit er denken kann. Bryant sagte einst, er habe schon mit fünf Jahren beschlossen, der beste Basketballspieler zu werden. Ausgeschlossen ist das nicht. Der Sohn eines NBA-Spielers lebte acht Jahre in Italien, wo sein Vater seine Karriere ausklingen ließ. In der Fremde rückte die Familie enger zusammen - und Kobes einzige Freunde waren seine beiden Schwestern und sein Basketball. Der Legende nach ließ er schon als Elfjähriger die Mitspieler seines Vaters beim Training schlecht aussehen.

Doch obwohl sich Kobe sportlich immer weiter entwickelte, blieb er ein Außenseiter. Als die Bryants in die Vereinigten Staaten zurückkehrten, lachten seine Schulkameraden das 14jährige Talent aus, weil er mit merkwürdigem Akzent sprach. Kobe wiederum kannte die Rapper nicht, von denen der Rest der Klasse schwärmte. Irritiert wandte sich der Teenager ab und seinem Vertrauten zu: dem Basketball. Bald machte landesweit das Gerücht von einem Spieler die Runde, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Als Kobe 17 war, gaben ihm die Los Angeles Lakers einen Profivertrag.

„Ich habe es satt, Nebendarsteller von Shaq zu sein.“

Acht Jahre später: Es hat sich nichts geändert. Bryant läßt sich nicht in eine Gruppe einfügen - sein Talent erlaubt ihm die Außenseiterrolle. Nach den jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen ihm und den anderen Lakers hat die Klubführung Bryant nun jeden Wunsch erfüllt, das Team ganz auf ihn zugeschnitten. Viele Spieler sind an dieser Verantwortung schon zerbrochen - Bryant scheint nicht anders glücklich werden zu können. Trainer Jackson schreibt in seinem Buch, Bryant sei besessen von der Idee, der Beste zu sein. Drei Titel mit den Lakers und Shaquille O'Neal seien ihm nicht genug - er wolle eine Meisterschaft, die nur seine Handschrift trägt. Jackson zitiert Bryant mit den Worten: „Acht Jahre sind genug. Ich habe es satt, Nebendarsteller von Shaq zu sein.“

Nun waltet Bryant in Los Angeles als Alleinherrscher. In den ersten fünf Partien der neuen Saison spielte er 210 von 240 möglichen Minuten und erzielte 29,2 Punkte pro Spiel - beides sind Bestwerte in der Liga. Am Dienstag legte Bryant beim 106:98-Sieg gegen New Orleans 31 Punkte nach - von den ersten fünf Spielen haben die Lakers nun drei gewonnen. Zwar glaubt niemand daran, daß der Klub in dieser Saison eine Titelchance hat. Trotzdem schwant den anderen 29 Teams in der NBA schon Böses: Bryant gilt als einer der besten, wenn nicht der beste Spieler der Liga. Er ist aber erst 26. Zum Vergleich: Als Michael Jordan 1991 seine erste von sechs Meisterschaften gewann, war er 28. „Ich habe schon viele Spieler trainiert. Hakeem Olajuwon, Charles Barkley, Clyde Drexler...ich meine, das waren echte Profis“, sagt Lakers-Trainer Tomjanovich: „Aber Kobe spielt einfach auf einer anderen Ebene. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so hart an sich arbeitet. Bei einem bin ich mir sicher: Kobes beste Jahre liegen noch vor ihm.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2004, Nr. 264
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