Von allen 50 amerikanischen Bundesstaaten ist Alaska das schlechteste Sprungbrett für eine sportliche Karriere. Die langen Winter sind dunkel und drücken auf die Stimmung. Und die Entfernungen zwischen den wichtigen Städten sind so groß, dass es schwierig ist, halbwegs anspruchsvolle Wettbewerbe zu organisieren. Umso besser, wenn man einen Vater hat, der als ambitionierter Basketballtrainer an der Highschool engagiert ist und das Talent seines Sohnes erkennt und fördert. Es war die eine große Chance, die der junge Mario Chalmers als Teenager hatte. Und er nutzte sie. Sie brachte ihm ein Stipendium an der Universität Kansas ein und dort den Gewinn der amerikanischen Collegemeisterschaft. Und dieser Erfolg öffnete die Tür zu einer Karriere in der Profiliga NBA - für den 25-jährigen Aufbauspieler der Miami Heat und für seinen Vater Ronnie, der sein Manager wurde. Alaska ade.
Am Dienstag saß der Sechsundfünfzigjährige in der ausverkauften American Airlines Arena zwischen den 20.000 aufgewühlten Zuschauern und sah mit Begeisterung, wozu sein Zögling imstande ist. Mario Chalmers schaffte beim 104:98-Sieg der Heat über Oklahoma City Thunder 25 Punkte. Dank dieser fabelhaften Leistung gingen die Miami Heat in der Finalserie der NBA 3:1 in Führung und können nun bereits an diesem Donnerstag in eigener Halle den Titel gewinnen, den ihnen im vergangenen Jahr Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks weggeschnappt hatten.
Er setzt die „großen Drei“ gekonnt in Szene
Chalmers’ Rolle in der Mannschaft ist es nicht, im Scheinwerferlicht zu stehen, sondern die drei ausgewiesenen Stars LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh mit Bällen zu füttern. Und als Blitzableiter für deren Frustration zu dienen. James etwa brüllt den mit seinen 1,88 Meter vergleichsweise kurzgewachsenen Chalmers gerne in aller Öffentlichkeit an, wenn der mal einen Fehler gemacht hat. Chris Bosh streichelt ihm gerne gönnerhaft über den Schopf. Und Dwyane Wade erklärte nach dem Spiel, worin das Problem besteht.
Der Mann im Schatten der Superstars verfügt über ein Selbstbewusstsein, das fast so groß ist wie Alaska. „Egal wie hart wir mit ihm ins Gericht gehen, er denkt wirklich, dass er der beste Spieler in dieser Mannschaft ist. Das ist ein Geschenk und ein Fluch.“ Allerdings gab Wade, der am im vierten Finalspiel mit einer enormen Energieleistung und 25 Punkten seinen eigenen Teil zum Sieg beitrug, zu: „Heute Abend war es ein Geschenk. Denn er macht sich nie selbst fertig. Er glaubt immer an sich: ,Gib mir den Ball. Ich kann was daraus machen.’ Das war riesig.“
Das Team steht seit der Ankunft von James und Bosh vor knapp zwei Jahren unter enormem Erwartungsdruck und lebte bislang eine Art Zweiklassengesellschaft aus. Auf der einen Seite: die sogenannten „großen drei“, für die der Klub den größten Teil der nach den Salary-Cap-Regeln der NBA zur Verfügung stehenden Gehaltssumme ausgibt. Auf der anderen der ganze Rest des fünfzehn Spieler umfassenden Kaders, der sich angesichts des Rummels um die Topspieler wie Staffage vorkommen, aber in einem Mannschaftsspiel wie Basketball einen wichtigen Beitrag leisten muss. Sie sind so etwas wie der X-Faktor - jene unbekannte, aber essentielle Größe, ohne die sich talentierte Mannschaften wie Oklahoma City nicht bezwingen lassen.
Die Nebenleute beweisen Qualität
Im vergangenen Jahr brachten Dirk Nowitzkis Nebenleute bei den Dallas Mavericks diese Qualität ins Spiel und überwanden so in den Play-offs jeden ernsthaften Widerstand und selbst eine Fingerverletzung und eine Fieberattacke ihres wertvollsten Spielers. In dieser Saison gelingt dies den Randfiguren in Miami, während etwa James Harden von den Thunder, der „beste sechste Mann“ in der abgelaufenen Saison, sich mit seinen zahllosen Fehlwürfen als einer der Hauptgründe dafür erweist, weshalb Oklahoma City in der Serie zurückliegt.
Die Heat haben nicht nur Chalmers, sondern auch noch Shane Battier, inzwischen 33 und ein ungewöhnlicher Basketballprofi, der in seiner Zeit bei den Houston Rockets mal von der Zeitung „New York Times“ in einem ausführlichen Porträt als „Null-Statistik-All-Star“ gepriesen wurde. Ein Spieler, der in der auf Zahlen und Datenmaterial fixierten Sportart wegen seiner nicht messbaren Qualitäten meistens nur wenig Beachtung fand.
Er deckt, er stört, er irritiert den Gegner
Battier ist der Typ Terrier, der gewöhnlich die Besten der gegnerischen Mannschaft deckt und sie nachhaltig stört und irritiert. Umso wichtiger war sein Beitrag in den ersten Begegnungen der Finalserie, in denen er sich immer wieder jenseits der Drei-Punkte-Linie freilief und den Ball zielsicher im Netz versenkte. So erzielte er beachtliche 17 Punkte in der zweiten Partie - ein entscheidender Baustein für den Sieg der Heat.
Anders als Chalmers gibt sich Battier extrem bescheiden. Und das, obwohl auch er einst - mit Duke - die amerikanische Collegemeisterschaft gewonnen hatte. Sein Motto: „Du kannst dich glücklich schätzen, in der NBA zu sein. Und noch glücklicher, in der Finalserie zu spielen. Davon träumt jedes Kind.“ Vom Titel gar nicht zu reden.