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NBA Ein Wahnsinn namens Lin

20.02.2012 ·  Von den Colleges übersehen, von den Medien gefeiert, von den Fans geliebt: Der ungewöhnliche Aufstieg eines Basketball-Stars mit chinesischen Wurzeln lässt die Knicks vom ersten NBA-Titel seit 1973 träumen.

Von Jürgen Kalwa, New York
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© dpa Groß im Big Apple: Jeremy Lin ist die Sensation des New Yorker Winters

Vor zwei Wochen ist das Vokabular der englischen Sprache um einen neuen Begriff erweitert worden: „Linsanity”. Ein Wortspiel aus dem Nachnamen von Jeremy Lin, dem Spielmacher (Point Guard) der New York Knicks, und dem englischen Wort „insanity” (Wahnsinn). Die Kreation geistert seitdem als Überschrift für ein vielschichtiges Phänomen durch Berichte über die amerikanische Profi-Basketballliga NBA. Griffig genug für geschäftstüchtige Amerikaner wie Andrew Slayton, der seit ein paar Tagen auf seiner Website linsanity.com die passenden T-Shirts verkauft. Jeder möchte von einer Geschichte profitieren, die es in der sechzigjährigen Geschichte der NBA noch nie gegeben hat.

Jeremy Lin, der in Palo Alto geborene 23-jährige Sohn taiwanesischer Eltern, ist eine sportliche Sensation. „Er inspiriert”, sagte Dirk Nowitzki am Sonntag, nachdem er beim Spiel im Madison Square Garden den 1,91 Meter großen Mann mit der Nummer 17 zum ersten Mal aus nächster Nähe gesehen hatte. Lin hatte mal wieder jede Menge Punkte erzielt - 28 um genau zu sein - und seine Nebenleute mit sage und schreibe vierzehn Assists bedient und auf diese Weise dazu beigetragen, dass die Knicks den Meister aus Dallas mit 104:97 nach Hause schickten.

Lins Gala-Einlage: Der Dreier im letzten Viertel über den Kopf von Nowitzki hinweg. ein Wurf, der die rasante Entwicklung eines Außenseiters zum Dreh- und Angelpunkt einer aufstrebenden Mannschaft illustriert. Dem zollte der Würzburger hinterher ohne Zögern Respekt: „Er ist zäh. Er weiß, wie man sich bis zum Korb durchkämpft und hat ein paar schwere Würfe verwandelt.”

Rassistische Untertöne

Vieles an dem Weg des Aufbauspielers ins Scheinwerferlicht ist ungewöhnlich. Da ist nicht nur der ethnische Aspekt, der bereits ein paar rassistische Untertöne produziert hat. Wie in jener Überschrift auf der Website des Fernsehsenders ESPN: „Chink in the armour” stand da ein paar Stunden lang, was soviel bedeutet wie „Kratzer im Lack”. War es gedankenloses Wortspiel oder Gehässigkeit? „Chink” ist ein in den Vereinigten Staaten gebräuchliches Schimpfwort für Chinesen.

Die eigentliche Wahnsinn besteht darin, dass das Ausnahmetalent in der in den Vereinigten Staaten intensiv verfolgten und extrem analysierten Sportart Basketball bis vor kurzem niemandem aufgefallen war. Jeremy Lin äußerte schon früh folgende Vermutung: „Ich denke, mein ethnischer Hintergrund hat das Denken der Trainer beeinflusst. Ich wäre sonst anders behandelt worden.”

So hatten ihn die Scouts der besten Collegemannschaften schlichtweg ignoriert. Deshalb war er in der sportlichen Diaspora von Harvard gelandet, jener Elite-Uni, auf der Basketball nur Nebensache ist. Er war auch 2010 nach dem Studienabschluss in Wirtschaftswissenschaften von den Draft-Experten der NBA übersehen worden und landete zunächst mit einem bescheidenden Vertrag bei den Golden State Warriors in Oakland. Vermutlich auch, weil der Klub in ihm eine Art von Identifikationsfigur für die chinesische Minderheit in San Francisco und Umgebung sah. Lin war von Anfang so etwas wie Kult, notierte die San Jose Mercury News. Als er zum ersten Mal eingewechselt wurde, feierten ihn die Zuschauer mit Begeisterung.

Kreativer Kopf und Vollstrecker

Doch die Erwartungen der Warriors sollten sich nicht erfüllen, und sie ließen ihn im Dezember wieder ziehen. Für die New York Knicks war er zunächst nicht mehr als ein preiswerter Ersatzmann. Doch der Klub, deren teuerste Stars Amare Stoudemire und Carmelo Anthony nach wenigen Spielen in der wegen eines Tarifstreits mit Ansetzungen vollgestopften Saison ausfielen, hatten schon bald keine andere Wahl. Lin musste ran. Und er verblüffte. Mit ihm, als dem kreativen Kopf und Vollstrecker, der gegen Kobe Bryant und Los Angeles Lakers stattliche 38 Punkte erzielte, gewann das Team sechs Begegnungen.

Woanders wäre eine solche Leistung in einer mittelmäßigen Mannschaft wahrscheinlich untergegangen. Aber in New York, der Medienhauptstadt des Landes, schwappte die Begeisterung aus der Halle sogleich in die Schlagzeilen der Boulevard-Blätter und produzierte auf diese Weise Reaktionen bis ins ferne China. Dessen berühmtester Basketballer, Center Yao Ming, hatte Ende der letzten Saison seine neunjährige NBA-Karriere bei den Houston Rockets beendet.

Bastelarbeit für den Trainer

Im Madison Square Garden, wo man seit den glorreichen siebziger Jahren vergeblich darauf hofft, dass die Knicks mal wieder Meister werden, steht die wirklich interessante Phase jedoch noch bevor. Lin hatte ohne die verletzten Stoudamire und Anthony sehr viel Gestaltungsfreiheit, um sich mit seien teilweise recht eigenwilligen Dribblings zu profilieren.

Doch der Einzelplatz im Rampenlicht ist Vergangenheit: Nach Stoudamire, der gegen Dallas eine schwache Leistung bot (13 Punkte, 7 Rebounds), ist nun auch Anthony zurückkehrt - die Parte gegen die Nachbarn aus New Jersey verloren die Knicks am Montagabend prompt 92:100. Ohne Anthony hatten sie sechs von sieben Spielen gewonnen. Die Rollen im Team müssen neu verteilt werden.

Immerhin: Trainer Mike D’Antoni dürfte diese Bastelarbeit liegen. Er ist Anhänger eines schnellen Angriffsstils, bei dem die Gegner quasi überrannt werden, wofür sich Lin bestens eignet. Lin verfügt über einen intuitiven Blick für die engen Gassen zwischen den Verteidigern und für den Nebenmann. Der so plötzlich ins Rampenlicht Getretene versucht derweil, mit dem neuen und ständig wachsenden Erwartungsdruck zurechtzukommen. Aber dafür scheint er die besten Voraussetzungen mitzubringen.

„Das alles macht bescheiden”, sagte er neulich. „Es ist ein Privileg und eine Ehre. Ich bin wirklich stolz darauf, Chinese zu sein. Und auf meine Eltern und deren Herkunft.” Als wiedergeborener Christ versäumte er es nicht, noch einen wichtigen Satz hinzuzufügen: „Ich danke einfach Gott für diese Gelegenheit.”

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