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NBA „Ein Negativabzug der Gesellschaft“

26.11.2004 ·  Die Risse in der glitzernden NBA-Fassade sind tief und häßlich. Enthemmte Gewalt und rassistische Konflikte lassen sich in der amerikanischen Basketball-Profiliga nicht länger verdrängen.

Von Tom Krome
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"Das eigentliche Thema der NBA ist jenes, dem sie sich niemals stellt", schrieb der amerikanische Autor David Shields schon vor Jahren in seinem der amerikanischen Basketball-Profiliga gewidmeten Buch "Black Planet". Die jüngsten Ereignisse bringen es nun auf den Tisch. Und die Reaktionen sind massiv, weil der unterschwellig gärende Konflikt so lange verdrängt wurde.

"Die NBA ist wie ein Negativabzug unserer Gesellschaft", heißt es bei Shields weiter. "Ein vorwiegend weißes Publikum, das über die hohen Ticketpreise schimpft, schaut schwarzen Millionären dabei zu, wie sie eine Menge Spaß haben. Das ganze ist wie eine Studie über die rassischen Spannungen in unserer Gesellschaft." Den großen Knall, der in den Vereinigten Staaten die Generaldebatte auslöste, gab es schließlich vor einer Woche bei dem Spiel der Detroit Pistons gegen die Indiana Pacers. Seitdem laufen die Szenen immer wieder über die Fernsehschirme. Minutenlange, völlig enthemmte Gewalt zwischen Spielern und Zuschauern. Im Hintergrund die fassungslose Stimme des Fernsehkommentators: "Was ist los? Was ist hier bloß los?"

Die Situation schien geklärt

Das ist die Frage. Es begann mit einem einzigen Foul, es endete in der übelsten Massenschlägerei in in der Geschichte des amerikanischen Basketballsports. 46 Sekunden vor Schluß war die Partie in Detroit beim Stand von 97:82 für Indiana schon längst entschieden, als Ron Artest von den Pacers Ben Wallace (Detroit) von hinten in den Rücken stieß. Es war ein schmutziges, ja niederträchtiges Foul.

Die schlimmsten Verletzungen im Basketball passieren dann, wenn ein Spieler in der Luft die Körperbeherrschung verliert und unkontrolliert auf den Boden schlägt. Viele konnten daher Ben Wallace gut verstehen, als er nach dem Pfiff der Schiedsrichter auf Artest zustürmte und ihn mit beiden Armen am Hals griff. Doch Mitspieler trennten die beiden schnell, die Situation schien geklärt. Dann aber wurde Artest von einem vollen Plastikbecher aus der Zuschauermenge getroffen.

„Die Spieler dürfen nicht die Kontrolle verlieren“

Innerhalb von Sekunden kippte das Spiel ins Chaos. Artest und zwei seiner Mitspieler stürmten ins Publikum und begannen, sich mit den Fans zu prügeln. Auf dem Feld schrien sich Athleten, Trainer und Assistenten von beiden Teams an, ein Zuschauer warf einen Stuhl aufs Spielfeld. Als Sicherheitsleute und Polizei nach gut fünf Minuten die Pacers aus der Halle drängten, ging ein Schauer von Getränken, Popcorn und anderen Gegenständen auf sie nieder.

Zwei Tage später verhängte NBA-Chef David Stern die härtesten Strafen der Ligageschichte. Artest wurde für den Rest der gerade erst angelaufenen Saison gesperrt, seine Teamkameraden Stephen Jackson and Jermaine O'Neal für 25 und 30 Begegnungen. Sechs weitere Spieler von Indiana und Detroit müssen insgesamt 12 Partien aussetzen. "Wir müssen klarstellen, daß es Grenzen in unserem Spiel gibt", sagte Stern. "Und eine unverrückbare Grenze ist die zwischen den Zuschauern und dem Spielfeld. Die Spieler dürfen nicht die Kontrolle verlieren und ins Publikum gehen."

„Ist der Sport zu schwarz geworden?"

Das war am Sonntag. Tags darauf lobten ihn die Kommentatoren für sein rasches und entschiedenes Durchgreifen. Dann begannen die Diskussionen. Auf allen Kanälen, in allen Zeitungen verbreiten sich die Experten über die Lage der Liga. Und die meisten sind sich einig: Sie ist ernst. "Es geht hier um ein Thema, das NBA-Insider seit langem meiden, weil sie fürchten, die Wahrheit könnte zu schmerzhaft sein", schreibt Harvey Araton von der New York Times. "Es beginnt mit der Frage: Ist dieser Sport zu schwarz geworden für das vorwiegend weiße Publikum?" Damit ist die Diskussion dort, wo die Liga sie auf keinen Fall haben will. Auch viele Fans freilich lehnen solche Gedanken strikt ab. Denn wenn es auch stimmt, daß mehr als 80 Prozent der NBA-Spieler schwarz sind, so ist es auch richtig, daß das durchschnittliche Gehalt in der Liga bei rund fünf Millionen Dollar liegt. "Ich kann das Rassismus-Gejammere nicht mehr hören", sagte in dieser Woche ein Anrufer in einer Radiosendung. "Welche Sorgen bitte kann jemand haben, der finanziell für alle Zeit ausgesorgt hat?"

Die Betroffenen allerdings sehen das anders. "Die Mehrzahl der Leute glaubt, daß der Rassismus verschwunden ist, weil ein paar Schwarze Millionen von Dollar kassieren, damit sie auf dem Feld herumlaufen", schreibt der langjährige NBA-Spieler Charles Barkley in seiner Biographie. "Das ist Blödsinn." Dann erzählt der heutige TV-Kommentator diese Geschichte: In einer Bar in Philadelphia wurde Barkleys weiße Ehefrau Maureen von einem fremden Mann angesprochen. "Wie geht es Charles", fragte er. "Wie geht es dem Baby?" Dann spuckte er ihr ins Gesicht und sagte: "Wie gefällt Dir das, Nigger-Lover?"

Kriegsfilme vor wichtigen Spielen

Szenen wie diese sind keine Ausnahmen. Anders als im Football oder Baseball sind die Zuschauer in NBA-Arenen so nah am Geschehen, daß die Spieler oft jedes Wort und jede Beschimpfung hören können. Hier wird der NBA ihre Popularität zum Fluch. Dank täglicher Berichterstattung sind den Fans manchmal die intimsten Details aus dem Privatleben der Spieler bekannt. Und nicht wenige nutzen diese Informationen auf die übelste Art. 1995 stieg Vernon Maxwell von den Houston Rockets in die Zuschauerränge, um einem Fan in Portland einen Faustschlag zu verpassen. Laut Zeugenaussagen hatte der Fan sich über Maxwells Tochter lustig gemacht. Sie war kurz zuvor tot geboren worden.

Die Risse in der glitzernden NBA-Fassade sind tief und häßlich. Eine Saison hat 82 Spiele, in denen die Spieler oft bei bis zu vier Partien pro Woche in vier verschiedenen Städten beschimpft werden. Und auch was sie von ihren eigenen Trainern zu hören bekommen, ist dem Sportsgeist nicht eben förderlich. Magic Johnson schreibt in seiner Biographie, sein Trainer Pat Riley habe bei den Los Angeles Lakers Geldstrafen gegen jeden Spieler verhängt, der einem Gegner vom Boden aufhalf. Vor wichtigen Spielen zeigte er seinem Team Kriegsfilme. "Pat hat uns so heiß gemacht, daß wir auf sein Kommando getötet hätten", heißt es in dem Buch über den weißen Trainer.

„Die Frage ist, was den Männern am College beigebracht wird"

Und wenn Charles Barkley erzählt, er sei beim Training für die Olympischen Spiele 1984 von seinem - ebenfalls weißen - Trainer Bobby Knight oft als "fettes Schwein" beschimpft worden, so ist das für dessen Verhältnisse eine geradezu liebevolle Behandlung. Knight ist im amerikanischen Basketballsport eine fast mythische Figur. Seit 1971 gewann er an der Indiana University drei Meisterschaften und mehr als 700 Spiele und gilt manchen als bester College-Trainer, den es je gab. Dabei prügelte Knight sich schon 1981 mit einem Fan, warf 1985 aus Protest gegen eine Schiedsrichterentscheidung einen Stuhl aufs Feld und trat 1993 während einer Auszeit seinen eigenen Sohn. Der ehemalige Indiana-Spieler Richard Mandeville erzählt diese Episode aus einer Halbzeit: "Neben unserer Umkleide ist eine Toilette. Knight kam raus, seine Hose hing aber noch an den Knöcheln. Er hat sich dann den Hintern abgewischt, uns das Toilettenpapier hingehalten und gesagt: So habt ihr gerade gespielt."

Knight wurde im September 2000 entlassen, nachdem er einen Spieler am Hals gewürgt hatte. Sechs Monate später stellte ihn die Texas Tech University ein - mit einer kräftigen Gehaltserhöhung. Inklusive Nebenverdiensten kommt Knight auf mehr als eine Million Dollar pro Jahr. Sein Fall ist deshalb interessant, weil es sich hier um einen College-Trainer handelt. Viele Kritiker der NBA bemängeln, daß die Spieler zu früh das College verlassen und deshalb unreif in die Profiliga kommen. "Aber die Frage ist doch, was den jungen Männern am College eigentlich beigebracht wird", sagt Murray Sperber, ein Geschichtsprofessor in Indiana und Autor des Buches "Bier und Spiele" über den amerikanischen Collegesport. "Bobby Knight ist noch immer einer der angesehensten Trainer des Landes. Das spricht doch Bände."

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