Am Abend zuvor hatten sich die Kampfhähne auf beiden Seiten noch einmal öffentlich behakt. „Warum betreffen all eure Lösungen nur die Spieler?” fragte Dwyane Wade von den Miami Heat auf Twitter in knappen Worten den Commissioner der NBA, den Chef der Basketball-Profiliga. „Was haben die Besitzer an bedeutenden Zugeständnissen gemacht?” Die Antwort kam wenig später unter dem Kürzel @NBA und trug die unsichtbare Handschrift von David Stern, der über das Soziale Netzwerk eine bisschen Werbung für die starre Haltung der Liga im Tarifstreit machen wollte: „Das Geschäft & System im vorigen Tarifvertrag begünstigten die Spieler - Mannschaften verloren 300 Millionen im letzten Jahr.”
Dieses Ereignis - genannt „Twitterview” - am Tag, bevor sich die Spielergewerkschaft zum letzten und ultimativen Verhandlungsvorschlag der Arbeitgeber äußern würde, war symptomatisch für den Schaukampf, den beide Seiten seit zwei Jahren austragen. Dabei geht es nicht nur um defizitäre Bilanzen und eine undurchsichtige Buchhaltung, sondern auch um die Sympathien beim Publikum, das pro Jahr auf unterschiedlichen Kanälen mehr als vier Milliarden Dollar in die Kassen der NBA spült. Was wirkt da stärker als die Unterstellung, dass sich die Spieler einer wirtschaftlichen Konsolidierung der Liga verweigern?
Spieler stehen geschlossen beeinander
Die offizielle Reaktion der Gewerkschaft am Montagmittag in einem Hotel in Manhattan machte zumindest eines klar: Diese Generation der Spieler ist geschlossen und nicht willens, den massiven Forderungen der Klubbesitzer weiter nachzukommen. Der nächste Schritt: Die Gewerkschaft löst sich auf und wandelt sich in einen schlichten Berufsverband um, was den Mitgliedern nach amerikanischem Arbeitsrecht die Möglichkeit einräumt, die Basketball-Liga auf der Basis des Kartellrechts zu verklagen und Schadensersatzansprüche geltend zu machen.
Gewerkschaftsgeschäftsführer Billy Hunter sprach für die anwesenden Spieler-Obleute von allen 30 Klubs, als er erklärte: Man habe „genug nachgegeben”. Gewerkschaftspräsident Derek Fisher verlieh dem Entschluss Nachdruck: „Das ist die beste Entscheidung für die Spieler.” Kaum hatten die Profis das Hotel verlassen, schoss der eloquente NBA-Commissioner David Stern übers Fernsehen zurück und gab diesem Duell um die Verteilung von Millionen eine neue sprachliche Dimension - die des Atomkriegs. Die Gewerkschaft sei „offensichtlich versessen auf Selbstzerstörung”, sagte er. Der Liga stehe ein „nuklearer Winter” bevor.
Vorbild Eishockey
Tatsächlich steht nun zum ersten Mal die gesamte Saison 2011/12 auf dem Spiel, von der bislang nur die ursprünglich für November angesetzten Begegnungen gestrichen worden waren. Gut möglich, dass der Komplettausfall stets der Wunsch einer Gruppe von Klubbesitzern war, die erlebt hatten, wie solch eine Radikalmaßnahme 2004/05 in der National Hockey League gewirkt hatte.
Nach einem Jahr waren die Mitglieder der Eishockey-Spielergewerkschaft mürbe und akzeptierten alles, was die Liga durchsetzen wollte. Eishockey-Commissioner David Bettman lobte neulich den Effekt massiver Gehaltskürzungen für die dreißig Klubs in Kanada und den Vereinigten Staaten: „Wir sind stärker zurückgekommen. Das Geschäft ist noch nie besser gewesen.”
Nowitzki verzichtet wohl auf Deutschland
So wie bei den Eishockeyprofis, die damals zu einem erheblichen Teil bei europäischen Klubs überwinterten, wo sie allerdings weitaus geringere Besoldungen in Kauf nehmen mussten, steht nun ein Exodus der NBA-Spieler bevor. Auch Bundesliga-Klubs scheinen bereit, tief in die Tasche zu greifen, um Stars wie Dirk Nowitzki, der im Juni mit den Dallas Mavericks Meister geworden war, oder Kevin Durant von den Oklahoma City Thunder zu verpflichten und dem Basketballsport in Deutschland ein paar Glanzlichter aufzusetzen.
Nowitzki ließ Anfang der Woche durchblicken, dass er sich womöglich gegen einen Wechsel in seine Heimat entscheidet, wo Bayern München, Alba Berlin und Baskets Bamberg auf ihn hoffen. „Wenn ich mich für einen der Vereine entscheide, sind die beiden anderen traurig. Das will ich nicht.“
Was er eigentlich von dem taktischen Geplänkel zwischen Liga und Gewerkschaft hält, das ihm in dieser Saison eine Gehaltszahlung von 18 Millionen Dollar kosten kann, hat der Würzburger bislang nicht durchblicken lassen. Die Gemengelage ist wohl zu schwierig. Denn sein Arbeitgeber in Dallas, Mark Cuban, gehört Berichten zu Folge zu den Hardlinern jener Klubbesitzerfraktion, die den Spielern eine wirtschaftliche Lektion erteilen will.
„Habe bitte Geduld”
Als sich Nowitzki am Wochenende auf Twitter zu Wort meldete, wo er unter dem Namen @swish41 eine Gemeinde von 300.000 Lesern erreicht, wirkte er wie ein Mensch ohne Sorgen, der sich aus den Fragen der Fans jene Themen herausfischt und beantwortet, die keine Kontroversen auslösen: Seine Vorliebe für die Dallas Cowboys („großartiger Sieg”) etwa oder die Frikadellen-Kette In-N-Out Burger („keine Frage”).
Diplomatisch wich er der Bitte um den Ratschlag eines Anhängers aus, der wissen wollte, was er denn nun tun solle, während er auf den Anpfiff der nächsten Saison wartet: „Habe bitte Geduld”. Das fällt dem Publikum zunehmend schwerer.