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NBA-Chef David Stern Der Herr des Rings

25.10.2011 ·  Die komplette Saison der amerikanischen Basketball-Profiliga steht auf dem Spiel. Die ersten Wochen mit einigen Spielen sind schon gestrichen. Zentrale Figur im Tarifstreit ist NBA-Commissioner David Stern.

Von Jürgen Kalwa, New York
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© REUTERS Herr des Basketballs: NBA-Commissioner David Stern

Es war ein sonniger Sonntagnachmittag im Mai 1985 in Manhattan, als sich die Vertreter der sieben schlechtesten Mannschaften der NBA auf den Weg zum Waldorf Astoria machten. Ihr Ziel: der Ballsaal im 19. Stock, wo die Basketball-Profiliga zum ersten Mal ein kurzes Spektakel für die Livekameras des Fernsehens anberaumt hatte - die sogenannte „Draft Lottery” mit einer gläsernen Trommel und sieben Umschlägen. Eine Tombola, mit der sich das sportliche Schicksal ihrer Klubs verband.

Die Fernseh-Bilder von damals zeigen einen Wirtschaftsprüfer, der die Couverts in die Trommel fallen lässt, aber seltsamerweise einen ganz bestimmten so hineinschiebt, dass der an einer Querstange aneckt. Und sie zeigen einen Mann mit großer Brille und ernstem Gesicht bei seinem ersten größeren Auftritt im Fernsehen: David Stern, der Commissioner der NBA, ein Mann mit einem strengen Gesicht.

Er bläst kurz die Wangen auf, atmet aus und zieht mit einem Griff den Umschlag aus der Mitte des Stapels, dem der Wirtschaftsprüfer den kleinen Hieb mitgegeben hatte. Darin: das Logo der New York Knicks, einer der Glamour-Klubs in der Liga. Die Knicks gewannen an diesem Tag das Recht, den Center Patrick Ewing zu verpflichten, den damals besten Collegespieler der Vereinigten Staaten, und sie waren damit wieder im Aufwind. Für die NBA sah die Zukunft plötzlich ebenfalls besser aus. Sie schloss wenig später einen attraktiven Fernsehvertrag ab.

Listiger Strippenzieher?

Seit dieser „Lotterie” existiert ein oft geäußerter, aber nie bewiesener Verdacht: dass die ganze Show abgekartet war und dass David Stern einen Hang hat, den Geschäften in seinem Amtsbereich als eine Art Schicksalsfee ein wenig nachzuhelfen. So wie Jahre später, als er eine interne Untersuchung ins Leere laufen ließ, die klären sollte, ob Star-Profi Michael Jordan an einer teuren, aber nicht ganz ungefährlichen Spielleidenschaft leidet, aufgrund der er Hunderttausende von Dollar verzockt hatte.

Jordan entkam dem Reiz-Thema, indem er ohne nachvollziehbaren Anlass die NBA verließ und zum Baseball wechselte. Gut für Stern, der einen Weg gefunden hatte, einem massiven Skandal aus dem Weg zu gehen.

David Stern, Nachkomme einer russischen Emigrantenfamilie, aufgewachsen in New York und New Jersey, ein studierter Historiker und approbierter Rechtsanwalt, hat Mutmaßungen, er sei ein listiger Strippenzieher, stets weit von sich gewiesen. Keiner anderer Ligachef in Nordamerika kann auf eine derartige Amtszeit zurückblicken. Stern regiert seit 27 Jahren in den Büros der NBA im Olympic Tower in Manhattan gleich neben der St. Patrick’s Kathedrale als unumstrittener Boss und Moralrichter.

„Es muss einen besseren Weg geben, als den Betrieb abzuschalten”

Er weist Spieler, Schiedsrichter und notfalls auch Klubbesitzer in die Schranken, sobald das kostbarste Gut auf dem Spiel steht, das die Liga besitzt: ihr guter Ruf als Sportorganisation, in der hochtalentierte Athleten Abend für Abend zirzensische Leistungen bringen und in der, natürlich, alles mit rechten Mitteln zugeht. So hat er Mark Cuban, Eigentümer der Dallas Mavericks und Arbeitgeber von Dirk Nowitzki, im Laufe der Jahre zu Geldstrafen von mehr als 1,5 Millionen Dollar vergattert, weil der sich hartnäckig über die Leistungen der Schiedsrichter beschwerte und ihnen unterstellte, den Ausgang von Spielen zu beeinflussen.

In all den Jahren seiner Amtszeit hat Stern, so hat er mal in einem Interview gesagt, nur eines bedauert: jenen ewig langen Tarifstreit von 1998, als die Klubbesitzer zum ersten Mal in der Geschichte der Liga die Spieler aussperrten und ein Drittel der Saison ausfallen ließen. „Es muss einen besseren Weg geben, als den Betrieb abzuschalten”, räsonierte er vor einer Weile. „Das war schrecklich.”

Schleppende Verhandlungen

Es kann nicht schrecklich genug gewesen sein. Denn seit diesem Sommer befindet sich die NBA exakt am gleichen Punkt. Wieder sollen die Profis gezwungen werden, einen Rahmentarifvertrag zu akzeptieren, der ihre Verdienstmöglichkeiten einschränkt. Wieder wurden sie ausgesperrt. Und wieder steht eine komplette Saison auf dem Spiel, die ersten Wochen mit einigen hundert Spielen hat Stern bereits gestrichen. Mit dem Ausdruck des Bedauerns, gewiss. Aber solche Äußerungen aus dem Mund von Stern wirken auf Amerikas Sportanhänger zunehmend wie rhetorische Floskeln.

Die Verhandlungen laufen seit Monaten schleppend und erzeugen den Eindruck, als habe der taktisch versierte NBA-Chef gegen Ende seiner Karriere nur ein Ziel: der Spielergewerkschaft und ihren 450 Mitgliedern, die im Schnitt 5 Millionen Dollar pro Jahr verdienen, eine teure Lektion zu erteilen. Als Architekt der Boom-Jahre der NBA, in denen er eine angeschlagene Liga binnen relativ kurzer Zeit mit Hilfe von Stars wie Michael Jordan, Magic Johnson und Larry Bird zu einem profitablen Unternehmen ausbaute und bei den Olympischen Spielen 1992 mit dem Dream Team auf eine globale Plattform hievte, will er schließlich ein Vermächtnis hinterlassen: einen profitablen Sportkonzern, der 4,2 Milliarden Dollar im Jahr Umsatz erwirtschaftet, und der das Aushängeschild einer Sportart ist, die nach Fußball und Cricket auf Platz drei der Mannschaftssportarten in der Welt rangiert. Allein 300 Millionen Chinesen verfolgen die Spiele der NBA über das Internet.

Heikle Mischung

Zu Beginn der Ära Stern Mitte der achtziger Jahre sah das alles noch ganz anders aus. Da musste die Liga mit den alten rassistischen Klischees kämpfen; eine Liga, deren Spieler fast ausschließlich schwarz sind und dessen zahlungskräftiges Publikum überwiegend weiß ist. Die dumpfen Vorurteile konnte die NBA nie ganz abschütteln. Denn angeheizt von den Ambitionen von Firmen wie Reebok, die gerne Spieler für ihre Werbespots verpflichten, die Rebellion, Unangepasstheit und Narzismus ausstrahlen, setzte sich in den letzten Jahren das Bild einer Generation von mit Tätowierungen übersäten Stars durch.

Eine heikle Mischung, geprägt von der Streetball-Kultur aus den Ghettos und dem Gangster-Glamour der Hip-Hop-Musik. Angereichert mit heiklen Zwischenfällen, bei denen NBA-Spieler mit Schusswaffen erwischt wurden. Stern zog 2005 aus Sorge um das Erscheinungsbild die Notbremse und verhängte eine Kleiderordnung, die sich an die Regeln der Geschäftswelt anlehnte. Zumindest am Tag eines Spiels sind nun Sakkos und Hosen mit Bügelfalten Pflicht.

Schiffbruch mit Alleingängen

Mit manchen Alleingängen erlitt der Commissioner allerdings Schiffbruch. So wie 2006, als er diktatorisch einen neuen Ball aus Synthehik-Material einführte, der das traditionelle Spielgerät aus Leder ablösen sollte. Stern, der in jungen Jahren Basketball gespielt hatte, entschied nach persönlichen Tests: „Er mag in manchen Situationen ein wenig anders reagieren.” Aber der Vorteil liege auf der Hand: Die Außenhaut aus Mikrofaser sorge dafür, dass jeder Ball exakt gleich sei. Monate später zog er ihn angesichts der anhaltenden Proteste der Profis wieder aus dem Verkehr.

Sterns Arbeitsstil - halb Patriarch, halb Wohltäter - ist geprägt von einem enormen Gedächtnis und einer besonderen Haltung. „Mancher würde sagen, ich bin eine Nervensäge von Mikromanager”, hat er mal gewitzelt. Jemand, der andere gerne intellektuell einschüchtert. In den Anfangsjahren als Commissioner putzte er Mitarbeiter gerne runter. „Du hast dich so groß wie eine Ameise gefühlt, wenn du irgendetwas falsch gemacht hast”, klagte ein ehemaliger NBA-Angestellter.

Die Spieler sollen blechen

Im Umgang mit der Spielergewerkschaft schimmern solche Persönlichkeitsmerkmale immer wieder durch. „Er ist ein sehr kluger Mensch”, sagte Gewerkschafts-Präsident Derek Fisher von den Los Angeles Lakers neulich. „Er versucht, strategisch und energisch zu sein und die Sachlage zu Gunsten der Klubbesitzer auszulegen.” Dazu gehört vor allem die unüberprüfbare Behauptung, dass die NBA-Klubs in den kleineren Städten in der zurückliegenden Saison, einer der erfolgreichsten in der 65-jährigen Geschichte, zusammen 300 Millionen Dollar Verluste eingefahren haben.

Und dass die Spieler dieses Defizit nun mit massiven Gehaltskürzungen abtragen sollen. Konkret geht es neben einer zwingenden Gehaltsobergrenze (bei 45 Millionen Dollar pro Team) um die Verteilungformel: Die Spieler forderten zuletzt 52,5 Prozent der jährlichen Milliarden-Einnahmen. Die von den Teambesitzern angebotene 50:50-Lösung lehnten sie vehement ab. Eigner und Profis haben in New York im Beisein des staatlich bestellten Vermittlers George Cohen schon über viele Stunden verhandelt - ohne Annäherung oder gar Einigung.

20 Millionen Jahresgehalt

Nicht jeder Spieler reagiert auf Sterns Selbstbewusstsein und seinen Verhandlungsstil so gelassen wie Fisher. Bei einer Sitzung Ende September gingen Dwayne Wade vom Meisterschafstzweiten Miami Heat die Nerven durch, und er drohte damit, den Raum zu verlassen: „Zeig nicht mit deinem Finger auf mich”, brüllte er Stern an. „Ich bin kein Kind.”

Stern reagierte gelassen auf den Anwurf und wandte sich statt dessen wieder einmal direkt an die Öffentlichkeit. Mit jener näselnden Stimme und dem New York Akzent, griff er zu einem alten Trick aus dem Arsenal der Propaganda. Die vielen namenlosen, schlechter bezahlten Spieler wüssten gar nicht genau, was eigentlich am Verhandlungstisch ablaufe, behauptete er in einem Radiointerview. „Sonst hätten sie ein völlig anderes Bild. Und sie würden sagen: ,Lasst uns an unsere Arbeitsplätze zurückkehren.‘“ Im selben Atemzug attackierte er Gewerkschafts-Geschäftsführer Billy Hunter, der zusammen mit Fisher für die Spieler spricht. Der würde immer wieder die Angebote und die Motive der Arbeitgeberseite falsch darstellen.

In der Öffentlichkeit kommen solche Aussagen dieser Tage nicht gut an. Denn Stern ignoriert geflissentlich, dass es unter den reichen Klubbesitzern und den verlustreichen Teams keine Einigung darüber gibt, wie man die Gesamteinnahmen untereinander fair verteilen kann. Die Liga leidet auch an einem Ungleichgewicht der Erträge. Zumindest einer Gefahr ist Stern schon im Sommer entkommen, als ein NBA-Profi via Twitter lauthals fragte, weshalb es keinen Lärm um dessen Gehalt gebe, wo der doch den Spielern viele Millionen Dollar abpressen wolle.

Der 69-jährige, der dem Vernehmen nach inklusive Bonuszahlungen, normalerweise rund 20 Millionen Dollar Jahr nach Hause bringt, war darauf vorbereitet. Er verzichtet solange auf eine Entlohnung, wie in der Liga nicht gespielt wird.

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