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Nawal el Moutawakel : „54,61 Sekunden haben ein Erdbeben ausgelöst“

Nawal El Moutawakel: „Wir müssen die Jugend des Planeten erreichen“ Bild: dpa

Sie war 22 Jahre alt, als sie 1984 erste Olympiasiegerin aus einem muslimischen Land wurde. Heute gilt die Marokkanerin Nawal el Moutawakel als mächtigste Frau des olympischen Sports.

          Die Marokkanerin Nawal el Moutawakel gilt als mächtigste Frau des olympischen Sports. Sie war 22 Jahre alt, als sie in Los Angeles 1984 über 400 Meter Hürden erste Olympiasiegerin aus Afrika und aus einem muslimischen Land wurde. Heute leitet sie die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Vergabe Olympischer Spiele und ist Ratsmitglied des Welt-Leichtathletikverbandes. Sie gilt als Kandidatin für die Nachfolge von IOC-Präsident Jacques Rogge.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als Sie Olympiasiegerin wurden, ordnete König Hassan II. an, dass alle Mädchen, die an diesem Tag geboren werden, Ihren Namen tragen. Gibt es eine Generation Nawal in Marokko?

          Ja, die gibt es. Es ist sehr schön, das zu erleben. Genauso gibt es viele Jungen, die nach Saïd Aouita benannt sind. Ich bin stolz, dass ich 1984 den Mädchen die Tür öffnen durfte.

          Haben Sie die Tür zu mehr als dem Sport geöffnet?

          Zu allen Facetten des Lebens in unserem Land, Wirtschaft, Politik. Marokkanische Frauen steuern Passagierflugzeuge, sitzen im Parlament und in der Regierung, sind Botschafter.

          Welche Rolle spielt der Sport im demokratischen Frühling der arabischen Welt?

          Sport ist universell. Jeder hat das Recht, Sport auszuüben und Sport zu organisieren, wenn er dazu gewählt ist. Sport gehört jedem einzelnen und allen. Man kann ihn niemandem wegnehmen. Heute sehen wir, dass es ein kollektives Bewusstsein davon gibt. Die Menschen verstehen seine Werte: Freundschaft, Exzellenz, Chancengleichheit. Die Sportorganisationen erneuern sich als Erste.

          Nehmen Sie für sich in Anspruch, nicht nur die Mädchen befreit zu haben, sondern auch die arabische Welt zu verändern?

          Ich nenne es eine kleine Evolution und eine kleine Revolution. Was diese 54,61 Sekunden von Los Angeles für ein Erdbeben ausgelöst haben! Als ich gewonnen hatte, fragte alle Welt, wer diese Frau aus Marokko sei, die ohne Schleier lief. Ich wurde nach meiner Religion und nach meinem familiären Hintergrund gefragt. Ich war ja nicht vom Himmel gefallen. Mein Vater war Judoka, meine Mutter spielte Volleyball. Alle meine fünf Brüder und Schwestern liefen 400 Meter Hürden. Unsere Familie war verrückt nach Sport. Ich war zur richtigen Zeit im richtigen Alter am richtigen Ort. Der Ostblock nahm nicht teil. Die 400 Meter Hürden waren neu für Frauen. Das war meine Chance.

          Die gescheiterte Bewerbung von Doha um die Leichtathletik-WM versuchte, genauso wie es die Olympiabewerbung von Qatar für 2020 tut, mit dem Argument zu überzeugen, sie bilde für die olympische Bewegung das Tor zur arabischen Welt. Ist das mehr als Rhetorik?

          Ob Qatar die Tür zur arabischen Welt geöffnet hat? Ja! 1997 hat mich Primo Nebiolo, der damalige Präsident des Welt-Leichtathletikverbands, nach Qatar geschickt. Sie sagten: Wir haben das Geld, wir haben die Entschlossenheit, wir wollen einen Grand Prix veranstalten. Aber ihr habt keine Frauen! Stellen Sie sich vor: Ich mitten im Stadion, drum herum 40.000, 50.000 Männer, und ich versuchte, den Ablauf zu organisieren. Das war außerordentlich schwierig. Aber ich lernte, dass diese Leute sehr bald größeren Ehrgeiz entwickeln würden. Alles, was ich verlangte, wurde sofort erfüllt. Das Hotel war erstklassig, die Anlagen waren erstklassig. Und sie waren bereit, zuzuhören und zu lernen. 1998 war ich wieder dort. Ich spürte, dass alles in gegenseitigem Verständnis und völliger Harmonie vonstattenging.

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