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Nahrungsergänzungsmittel : Schneller Weg zu teurem Urin

Bei der Wahl zum Sportler des Jahres in Deutschland 2000, eine Veranstaltung von Journalisten, drückte man den Gästen eine Dose Kreatin in die Hand Bild: Lisowski, Philip

Wie wirken Nahrungsergänzungsmittel und wem nutzen sie - außer den Herstellern? Sportverbände werben für fragwürdige Produkte, trotz der potentiellen Begünstigung einer Doping-Mentalität.

          Ende Oktober hat der Frankfurt-Marathon 25.000 Sportler in Bewegung gesetzt. Vom Spitzenmann auf Weltrekord-Niveau bis zum Greis. Alle wollten sie so schnell und gesund wie möglich ins Ziel. Viele haben deshalb tief in die Tasche gegriffen, Pillen wie Pülverchen, Tabletten oder Dragees herausgekramt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Kein Doping, saubere Sachen, wie die fröhlichen Schlucker gerne beteuern: Vitamine, Mineralien, das ganze Programm der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie. Ein Milliardenmarkt in der Sportnation Deutschland. Angeblich greift jeder dritte Bundesbürger zu, glaubt trotz der bundesweiten Einführung der Banane und aller Arten von Lebensmitteln in Hülle und Fülle an eine Art Unterernährung in der Republik. Als wäre Gesunderhaltung und Leistungssteigerung über sogenannte Energie-Drinks oder Powerriegel möglich, wie Werbetexte suggerieren.

          Dabei hat einer der bekanntesten Insider der Leistungsmanipulation, der 1995 verstorbene Doping-Fahnder Manfred Donike, schon vor gut 17 Jahren von einer grotesken Fresssucht im deutschen Spitzensport berichtet. Als er auf den Konsum von Kreatin, eines Energieträgers für die Muskeln, selbst im Feldhockey angesprochen wurde, sagte der Rheinländer mit Blick auf viele der gepriesenen, erlaubten Mittel: „Es gibt keinen schnelleren Weg, teuren Urin herzustellen.“

          Horst Pagel lacht: „Guter Spruch.“ Über den Rest der Geschichte hat sich der Physiologe der Universität zu Lübeck sein Bild gemacht und eine vernichtende Kritik geschrieben. Nahrungsergänzungsmittel (NEM), „halten nicht, was sie versprechen, sind teuer und unberechenbar“. Nicht in jedem Detail folgen andere Experten diesem Urteil. Hans Braun vom Fachbereich Ernährung des Instituts für Biochemie an der Sporthochschule Köln sieht bei Kreatin-Einnahme je nach Individuum durchaus die Möglichkeit eines Wirkungspotentials. „Für sechs Sekunden“, sagt Pagel und lächelt.

          Denn in der Kernaussage sind sich die Wissenschaftler einig. Wer gesund und nicht schwanger oder Alkoholiker ist, hat die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in Westeuropa nicht nötig. Schließlich dürfen NEM laut des deutschen Lebensmittel- und Futtergesetzbuches nichts anderes sein als Lebensmittel. Eine ausgewogene Kost aber bietet schon alles, was der Körper braucht. Auch der eines Spitzensportlers. Allenfalls bei intensiven Ausdauerbelastungen über eine Stunde hinaus erscheint ein Ausgleich - etwa während eines Marathon-Rennens - unter Umständen sinnvoll. „Wir folgen dieser These, falls kein ärztlich festgestellter Mangel herrscht“, sagt Braun.

          Drei Viertel der Kinder konsumieren NEM

          Nur durchgesetzt hat sie sich nicht. Aus einer Studie der Kölner geht hervor, dass bis zu 80 Prozent befragter Nachwuchssportler (von 14 Jahren an) schon einmal ein Nahrungsergänzungsmittel konsumiert haben, manche bis zu 17 Produkte in den letzten vier Wochen vor der Befragung (2006/2007). Selbst drei viertel der Kinder (Zehn- bis Vierzehnjährige), konsumierten mindestens ein NEM.

          Dass die versprochene Wirkung kaum belegt ist, mag man hinnehmen. Hinweise auf mögliche Nebeneffekten aber alarmieren. Während man sich mit Nahrungsmitteln vom Wochenmarkt kaum eine Überdosis Eisen zuführen kann, ist das mit Hilfe konzentrierter Präparate möglich. Langfristiger Einsatz von Mineral- und Spurenelementen begünstigt Knochenbrüchigkeit, steigert das Herzinfarktrisiko oder die Bildung von Nierensteinen. Selbst Vitamin C, als Lebenselixier gepriesen, soll bei extremer Dosierung Krebserzeugend wirken können.

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