03.05.2007 · Der deutsche Radrennstall T-Mobile hat auf Doping-Vorwürfe reagiert und lässt die Zusammenarbeit mit den ins Gerede geratenen Mannschaftsärzten Heinrich und Schmid ruhen. Sie sollen beim Vorgänger-Rennstall Telekom an organisiertem Doping beteiligt gewesen sein.
Von Rainer SeeleDie Meldung kam am Donnerstag zur Mittagszeit, und sie kündete von dem vorläufigen Ende einer langjährigen Beziehung: Der Radrennstall T-Mobile lässt die Zusammenarbeit mit den ins Gerede gekommenen Mannschaftsärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmid bis auf weiteres ruhen. Das ist das Ergebnis von weiteren Beratungen am Mittwoch.
Heinrich und Schmid sollen in den neunziger Jahren an systematischem Doping beim damaligen Team Telekom beteiligt gewesen sein - jedenfalls behauptet dies der frühere Telekom-Betreuer Jef D'hont in einem soeben erschienenen Buch. Die Freiburger Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen Heinrich und Schmid; sie reagierte damit auf eine Anzeige des Heidelberger Dopingexperten und Molekularbiologen Werner Franke wegen Verdachts auf Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz und wegen versuchter Körperverletzung.
„Sattelfester Bericht“ erst in sechs bis zwölf Monaten
Der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier sprach von einem Anfangsverdacht, er leitete deswegen die Untersuchungen gegen Heinrich und Schmid ein. Der amerikanische Teamchef von T-Mobile, Bob Stapleton, begrüßt diese Entwicklung. Er ließ mitteilen: „Wir gehen davon aus, dass die zuletzt gegen die Universitätsklinik Freiburg erhobenen, nicht nachgewiesenen Behauptungen dadurch lückenlos aufgeklärt werden können.“
Er ging schließlich in seinen Äußerungen sogar noch ein Stück weiter. Stapleton sagte: „Wir hoffen, dass die unabhängigen Experten die Vorwürfe gegen die Universitätsklinik Freiburg entkräften können.“ Diese Bemerkung bezog sich darauf, dass die Freiburger eine externe Gutachterkommission einsetzen wollen, um den Fall Heinrich/Schmid zu klären.
„Prinzip der Unschuldsvermutung“
Derzeit wird über die Besetzung dieses Gremiums diskutiert. Es wird sich sehr lange mit der heiklen Angelegenheit beschäftigen müssen, davon ist auch Matthias Brandis überzeugt, der Leitende Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Freiburg. Er glaubt, dass ein „sattelfester Bericht“ erst in sechs bis zwölf Monaten vorliegen werde.
Der Versuch, Klarheit zu erlangen, wird auch von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) anerkannt. „Nur die Offenlegung aller Fakten macht die Bemühungen des Sports glaubwürdig, das Dopingproblem ernsthaft zu bekämpfen“, sagte Armin Baumert, der Vorstandsvorsitzende der Nada. „Es sind massive Vorwürfe, die den Ruf des Sports in Gefahr bringen. Die Sportmedizin in Freiburg betreut schließlich zahlreiche Sportlerinnen und Sportler aus Bundes- und Landeskadern.“
Schmid und Heinrich weisen Vorwürfe zurück
Obwohl Heinrich und Schmid von dem Belgier D'hont massiv beschuldigt werden, lässt Brandis für beide vorläufig das „Prinzip der Unschuldsvermutung“ gelten. „Ich muss mich“, sagte Brandis, „schützend vor meine Mitarbeiter stellen.“ Er will wissen, dass etwa der Name Heinrichs in der flämischen Originalfassung von D'honts Erinnerungen gar nicht vorkomme, „erst in der deutschen Übersetzung“. Sowohl Schmid als auch Heinrich wiesen die Angriffe von D'hont zurück, sie scheinen allerdings auf eine Klage gegen den Belgier verzichten zu wollen.
Die beiden Freiburger Sportmediziner sollen Radprofis des Teams Telekom in den neunziger Jahren mit dem Medikament Erythropoietin (Epo) versorgt haben, aber auch mit Wachstumshormon. Rolf Aldag, damals Rennfahrer beim Team Telekom und jetzt Sportdirektor bei T-Mobile, habe davon gewusst, sagte D'hont zu Wochenbeginn. Aldag, der gerade in Südafrika in Urlaub ist, dementierte dies.
Die Branche hat sich selbst angeschlagen
Derweil sagte Telekoms ehemaliger Kommunikationschef Jürgen Kindervater, dass das Team in den neunziger Jahren viel in den Kampf gegen Doping investiert habe. „Wir haben Geld ohne Ende eingesetzt, um aufzupassen“, sagte er. „Wir haben im Hintergrund viel getan, ohne davon laut in der Öffentlichkeit zu berichten. Wir hatten unser eigenes Kontrollsystem neben dem offiziellen, um möglichst hohe Barrieren zu errichten.“
Offenbar waren sie nicht hoch genug. Kindervater verteidigte auch die Entscheidung, Ärzte nicht unmittelbar beim Team anzustellen, sondern auf externe Mediziner von der Universität Freiburg zu vertrauen: „Wir haben damit die größtmögliche Distanz geschaffen.“ Und damit aber auch Verantwortung abgegeben.
„Niemand ist damit zerstört worden“
T-Mobile, das sich eines neuen, rigiden Anti-Doping-Programms rühmt, will sich nun auf alle Fälle um mögliche Alternativen zur Uniklinik Freiburg kümmern. Damit solle, sagte Stapleton, „die bestmögliche medizinische Versorgung“ für die Fahrer garantiert werden. Die Bonner halten sich zugute, in der neuen Affäre konsequent vorgegangen zu sein und erst einmal eine gute Lösung gefunden zu haben.
„Wir haben innerhalb von drei Tagen gehandelt, schneller geht's nicht“, sagte Christian Frommert, Leiter der Kommunikationsabteilung von T-Mobile. „Niemand“, sagte er, „ist damit zerstört worden.“ Schließlich habe man auch ein Radteam „mit guten jungen Leuten“ und müsse aufpassen, „dass die nicht geschädigt werden“. Die Gefahren sind auf alle Fälle allgegenwärtig, die Branche sorgt immer wieder selber dafür - mit der Folge, dass sie längst schwer angeschlagen ist.