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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Nach der EM „Der Handball stirbt den Heldentod“

 ·  Der deutsche Nachwuchs ist Weltmeister, doch die Vereine setzen lieber auf Stars aus dem Ausland. Nun steckt das Nationalteam in einer Krise. Dabei müsste sich der Verband nur mehr am Fußball orientieren.

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© dapd Gescheitert: Die deutsche Nationalmannschaft in Serbien

Das Handball-Leistungszentrum am Stadtrand von Großwallstadt ist ein funktionales, sachliches Gebäude. Aber oben in der dritten Etage, dort, wo Manfred Hofmann sein Büro hat, brodelt es gewaltig. Der frühere Weltklassetorwart des TV Großwallstadt ist heute zuständig für die Ausbildung in der Nachwuchsakademie und für die TVG-Juniorenteams. Er hat eine verantwortungsvolle Aufgabe, fühlt sich aber auf verlorenem Posten. Unterstützung bei der Nachwuchsarbeit vom Deutschen Handballbund (DHB) oder den Landesverbänden?

„Eine Katastrophe", sagt der Weltmeister von 1978. „Alle Jahre wieder, wenn die Nationalmannschaft bei einem Großturnier scheitert, geht das Geschrei nach der Nachwuchsarbeit los", entrüstet sich Hofmann aus Erfahrung: „Dann wird eine Task Force gegründet, dann kreißt der Berg und gebiert eine Maus."

Was aber nötig sei, um nach fünf mageren Jahren wieder international erfolgreich zu sein, so Hofmann, sei ein nachhaltiges Nachwuchskonzept, wie es seit einem Jahrzehnt im deutschen Fußball existiert: intensive Talentsichtung, Leistungszentren aller Profivereine und flächendeckende Jugendstützpunkte des DFB.

Doch bis auf weiteres beschäftigt sich der Handball mit sich selbst. Die Task Force wird dabei wieder einiges aufzuarbeiten haben, nachdem die DHB-Auswahl am vorigen Mittwoch nicht nur das Halbfinale der Europameisterschaft verpasste, sondern zum ersten Mal auch die Teilnahme an Olympischen Spielen.

Die Forderungen werden nach der EM-Schlappe von Serbien dieselben sein wie immer in den vergangenen Jahren, wenn das Aushängeschild des deutschen Handballs sein Ziel verfehlte: Deutsche Spieler sollten mehr Einsatzzeiten bekommen in der Bundesliga. Die Talente müssten stärker eingebunden werden in den Profibetrieb. Eine Quotenregelung zugunsten einheimischer Spieler mag zwar am Widerwillen der Klubs scheitern, aber ein Umdenken sei bitter nötig. Von der „Chance zu einem Neubeginn mit Blick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio" spricht Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Nach dem siebten Platz bei der EM hat sich der DHB „Eliteförderung" vorgenommen. Die Idee ist nicht neu, ebenso der Mann, der sie federführend begleiten soll: der frühere Bundestrainer und ewige Mahner Heiner Brand. „Vor allen Dingen müssen wir die individuellen Fähigkeiten unserer jungen Elite-Spieler fördern", sagt DHB-Präsident Ulrich Strombach - wohlwissend, dass sich die Liga bestenfalls langsam in diese Richtung bewegt. Vor allem große Vereine kaufen lieber fertige Spieler, als Talente auszubilden.

„Wir müssen den Mut haben, die jungen Deutschen reifen zu lassen und sie auf ein hohes Level zu bringen, auf dem sie mit den ausländischen Spielern konkurrieren können", sagt Volker Zerbe, früher Nationalspieler und heute Geschäftsführer des TBV Lemgo.

Die Ostwestfalen gehören zu jenem Häuflein Bundesligaklubs, das zunehmend auf die Jugend setzt - teilweise aus Überzeugung, teilweise, weil es finanziell nicht mehr anders geht: Einheimische Talente sind eben leichter und billiger zu haben als ausländische Stars.

„Wer will schon Pascal Hens sein?“

Zuletzt verging kaum eine Woche, in der Lemgo nicht die Verpflichtung eines deutschen Jungspunds vermeldete. Des sportlichen Risikos dieser Investitionen in die ungewisse Zukunft sind sich die TBV-Funktionäre dabei durchaus bewusst: „Aufgrund fehlender Erfahrung und körperlicher Voraussetzungen werden die Jungs noch keine entscheidende Rolle im Bundesliga-Alltag spielen können", sagt Geschäftsführer Zerbe. Mit anderen Worten: Bis auf weiteres bleiben die Jungen Ergänzungsspieler - anders als im Profifußball, der schon viele Schritte weiter ist, so dass auch die Nationalmannschaft von der Jugendbewegung profitiert.

„Wo sind bei uns die Götzes oder Hummels, die schon als Teenager die Liga aufmischen?", fragt der Großwallstädter Nachwuchsförderer Hofmann. Der Triumph bei der Heim-WM 2007 habe die Probleme überdeckt, meint der 64-Jährige: „Wir haben keine Vorbilder. Wer will heute schon ein Pascal Hens sein?"

Dass an Talenten (noch) kein Mangel herrscht im größten Handballverband der Welt, davon zeugen die Erfolge der vergangenen Jahre. Jeweils zweimal wurden die deutschen Junioren Welt- und Europameister - unter dem Trainer Martin Heuberger, der sich im vorigen Sommer vom DHB-Nachwuchs verabschiedete und den Chefposten beim A-Nationalteam übernahm. Ob Heuberger als neuer Bundestrainer nun ein gutes Wort für den Nachwuchs einlegt, nachdem sein Vorgänger Brand jahrelang mit dem Ligaverband HBL im Clinch lag?

Auf der Bank hat noch keiner das schnelle Spiel gelernt

Einer wie Cornelius Maas gibt sich keinen Illusionen hin. „Seine Macht ist eingeschränkt, weil er den Vereinen nicht vorschreiben kann, diesen oder jenen spielen zu lassen", sagt der Zwanzigjährige, der im vorigen Jahr unter Heuberger Junioren-Weltmeister wurde und als einer der wenigen beim TV Großwallstadt den Sprung zum Bundesligaspieler geschafft hat.

Nach auskurierter Schulterverletzung bekommt der Rückraumspieler regelmäßig Einsatzzeiten beim Tabellenzehnten der Bundesliga - allerdings längst nicht so viele, wie er gerne hätte. Die Zwickmühle, in der die Klubs stecken, ist ihm bewusst. „Die Trainer müssen die Vereinsziele erreichen, da passt ein unkonstanter, junger deutscher Spieler nicht in erster Linie rein. Aber wir lernen nur im Spiel, schnell und dynamisch zu sein und im Bruchteil einer Sekunde eine Lücke in der Abwehr zu erkennen."

Maas ist ein Beispiel, wie der Handball seinen Nachwuchs zu rekrutieren vermag. Aus der Jugend seiner Heimatstadt Darmstadt wurde er nach Großwallstadt geholt und im dortigen Leistungszentrum weiter gefördert. Mit einem Doppelspielrecht ausgestattet, lief er zunächst im Männer-Team des benachbarten Zweitligaklubs Tuspo Obernburg auf und lernte langsam, sich gegen ältere und kräftigere Gegenspieler durchzusetzen. Es folgten erste Bundesligaeinsätze beim TVG. „Es gibt Spieler, die haben ihre Nische gefunden", sagt Maas, der sich „das ungemein hoch gesteckte Ziel" gesetzt hat, später zum A-Nationalteam zu gehören.

Kirchturmdenken und Heldentod

Ein paar Ideen, um den Nachwuchs voranzubringen, wurden in den vergangenen Jahren umgesetzt: Der Ligaverband vergibt ein Jugendzertifikat für exzellente Nachwuchsarbeit, der DHB gründete eine Bundesliga für A-Junioren, manche Vereine folgten dem Modell des SC Magdeburg und gründeten Leistungszentren. Dort wird mittlerweile weniger Wert gelegt auf intensives Krafttraining, sondern verstärkt auf Technik und Taktik, um in der Zukunft die spielerischen Mängel zu beheben, wie sie bei Heubergers EM-Team offenbart wurden.

Dabei, beklagt sich der Großwallstädter Akademieleiter Hofmann, fehle es aber an nachhaltiger Unterstützung der Verbände. Statt Bundesstützpunkte zu gründen und dort die Besten jedes Jahrgangs zu versammeln, schicke der DHB an zwei Abenden pro Woche einen Trainer nach Großwallstadt, damit er mit den Nationalspielern übe.

Und der bayerische Landesverband konnte nicht sicherstellen, dass die TVG-Junioren länger als eine Saison in der Männer-Oberliga mitspielten: Der erfolgreiche Nachwuchs aus Mainfranken war dem älteren Liga-Establishment ein Dorn im Auge. Im deutschen Handball herrsche „Kirchturmdenken", so Hofmann. Seine düstere Prognose: „Ohne erfolgreiche Nationalmannschaft wird unsere Sportart verkümmern. Der deutsche Handball stirbt den Heldentod, und keiner merkt's."

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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