Home
http://www.faz.net/-gtl-6x99l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Nach der EM „Der Handball stirbt den Heldentod“

Der deutsche Nachwuchs ist Weltmeister, doch die Vereine setzen lieber auf Stars aus dem Ausland. Nun steckt das Nationalteam in einer Krise. Dabei müsste sich der Verband nur mehr am Fußball orientieren.

© dapd Gescheitert: Die deutsche Nationalmannschaft in Serbien

Das Handball-Leistungszentrum am Stadtrand von Großwallstadt ist ein funktionales, sachliches Gebäude. Aber oben in der dritten Etage, dort, wo Manfred Hofmann sein Büro hat, brodelt es gewaltig. Der frühere Weltklassetorwart des TV Großwallstadt ist heute zuständig für die Ausbildung in der Nachwuchsakademie und für die TVG-Juniorenteams. Er hat eine verantwortungsvolle Aufgabe, fühlt sich aber auf verlorenem Posten. Unterstützung bei der Nachwuchsarbeit vom Deutschen Handballbund (DHB) oder den Landesverbänden?

Thomas Klemm Folgen:

„Eine Katastrophe", sagt der Weltmeister von 1978. „Alle Jahre wieder, wenn die Nationalmannschaft bei einem Großturnier scheitert, geht das Geschrei nach der Nachwuchsarbeit los", entrüstet sich Hofmann aus Erfahrung: „Dann wird eine Task Force gegründet, dann kreißt der Berg und gebiert eine Maus."

Mehr zum Thema

Was aber nötig sei, um nach fünf mageren Jahren wieder international erfolgreich zu sein, so Hofmann, sei ein nachhaltiges Nachwuchskonzept, wie es seit einem Jahrzehnt im deutschen Fußball existiert: intensive Talentsichtung, Leistungszentren aller Profivereine und flächendeckende Jugendstützpunkte des DFB.

Doch bis auf weiteres beschäftigt sich der Handball mit sich selbst. Die Task Force wird dabei wieder einiges aufzuarbeiten haben, nachdem die DHB-Auswahl am vorigen Mittwoch nicht nur das Halbfinale der Europameisterschaft verpasste, sondern zum ersten Mal auch die Teilnahme an Olympischen Spielen.

Die Forderungen werden nach der EM-Schlappe von Serbien dieselben sein wie immer in den vergangenen Jahren, wenn das Aushängeschild des deutschen Handballs sein Ziel verfehlte: Deutsche Spieler sollten mehr Einsatzzeiten bekommen in der Bundesliga. Die Talente müssten stärker eingebunden werden in den Profibetrieb. Eine Quotenregelung zugunsten einheimischer Spieler mag zwar am Widerwillen der Klubs scheitern, aber ein Umdenken sei bitter nötig. Von der „Chance zu einem Neubeginn mit Blick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio" spricht Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Erfolg mit der Jugend, Misserfolg mit den Männern: Martin Heuberger © dapd Vergrößern Erfolg mit der Jugend, Misserfolg mit den Männern: Martin Heuberger

Nach dem siebten Platz bei der EM hat sich der DHB „Eliteförderung" vorgenommen. Die Idee ist nicht neu, ebenso der Mann, der sie federführend begleiten soll: der frühere Bundestrainer und ewige Mahner Heiner Brand. „Vor allen Dingen müssen wir die individuellen Fähigkeiten unserer jungen Elite-Spieler fördern", sagt DHB-Präsident Ulrich Strombach - wohlwissend, dass sich die Liga bestenfalls langsam in diese Richtung bewegt. Vor allem große Vereine kaufen lieber fertige Spieler, als Talente auszubilden.

„Wir müssen den Mut haben, die jungen Deutschen reifen zu lassen und sie auf ein hohes Level zu bringen, auf dem sie mit den ausländischen Spielern konkurrieren können", sagt Volker Zerbe, früher Nationalspieler und heute Geschäftsführer des TBV Lemgo.

Die Ostwestfalen gehören zu jenem Häuflein Bundesligaklubs, das zunehmend auf die Jugend setzt - teilweise aus Überzeugung, teilweise, weil es finanziell nicht mehr anders geht: Einheimische Talente sind eben leichter und billiger zu haben als ausländische Stars.

„Wer will schon Pascal Hens sein?“

Zuletzt verging kaum eine Woche, in der Lemgo nicht die Verpflichtung eines deutschen Jungspunds vermeldete. Des sportlichen Risikos dieser Investitionen in die ungewisse Zukunft sind sich die TBV-Funktionäre dabei durchaus bewusst: „Aufgrund fehlender Erfahrung und körperlicher Voraussetzungen werden die Jungs noch keine entscheidende Rolle im Bundesliga-Alltag spielen können", sagt Geschäftsführer Zerbe. Mit anderen Worten: Bis auf weiteres bleiben die Jungen Ergänzungsspieler - anders als im Profifußball, der schon viele Schritte weiter ist, so dass auch die Nationalmannschaft von der Jugendbewegung profitiert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Handball-Bundesliga Ungemütliche Zeiten für den HSV

Kein Geld, keine Erfolge, keine Aussichten: Nach dem Pokal-Aus beim Zweitligaklub und der Auftaktpleite in der Liga will Trainer Michael Biegler mit dem HSV Hamburg in eine neue Ära starten. Aber wie? Mehr Von Frank Heike, Hamburg

28.08.2015, 17:55 Uhr | Sport
Rugby Südafrika sucht schwarze Talente

In Südafrika war Rugby lange ein Sport für wohlhabende Weiße - doch zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid und dem ersten WM-Titel will das Land zunehmend schwarze Spieler in der Nationalmannschaft sehen. Ab 2019 soll jeder zweite Springbok" ein Nicht-Weißer sein. Mehr

14.08.2015, 15:22 Uhr | Sport
Bundesliga-Start Handball-Aufschwung Ost

Drei Teams aus den neuen Bundesländern spielen künftig in der Handball-Bundesliga. Einem Klub wird gar der große Coup zugetraut. Und der Oberbürgermeister von Aschersleben wird wohl das wichtigste Amt im DHB übernehmen. Mehr Von Rainer Seele

20.08.2015, 09:35 Uhr | Sport
Die Lilien sind da Aufsteiger Darmstadt freut sich auf die Bundesliga

Sie sind zwar Außenseiter, aber die Spieler von SV Darmstadt 98 fühlen sich bereit für die Herausforderung, die kommende Saison in der Bundesliga zu kicken. Mit den Neuverpflichtungen wie Peter Niemeyer oder Junior Diaz hat Trainer Dirk Schuster seine Lilien verstärkt. Mehr

07.08.2015, 13:13 Uhr | Sport
Der Bundesliga weit voraus Die unglaubliche Finanzkraft der Premier League

Englische Fußballvereine locken Stars mit neuen Rekordsummen: Manchester United bietet angeblich 290 Millionen Euro für einen Spieler. Bundesligaklubs können nicht mithalten – und könnten in Zukunft weiter zurückfallen. Mehr Von Thilo Neumann

27.08.2015, 16:12 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 30.01.2012, 12:17 Uhr

Im Rausch des Geldes

Von Michael Horeni

Der gesamte De-Bruyne-Deal dürfte sich auf gut 150 Millionen Euro belaufen. Mit Ethik muss man dem Fußball nicht kommen. Aber es ist schlicht obszön, wie hier Vermögen verschwendet wird. Mehr 86 56