Home
http://www.faz.net/-gub-144zw
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Musik beim Marathonlauf Abba bis zur Erschöpfung

25.10.2009 ·  Popmusik macht gute Laune und kann die Leistung von Läufern steigern. Doch Wissenschaftler warnen die Jogger: Rhythmen lenken von Körpersignalen ab. Die Euphorie führt so weit, dass eine Überbelastung unbemerkt bleibt.

Von Thomas Klemm
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Drei Tage lang wähnte sich Jennifer Goebel am Ziel ihrer Wünsche. Die Amerikanerin war beim Lakefront Marathon in Milwaukee nach 3:02,50 Stunden zwar nur als Zweite über die Ziellinie gelaufen; aber weil die einzige Frau, die schneller gewesen war, unmittelbar nach dem Rennen disqualifiziert wurde, hatte Jennifer Goebel die Siegprämie von 500 Dollar einstreichen dürfen. Die Freude über Zeit und Geld endete jedoch jäh, als in den Tagen nach dem Marathon ein Foto auftauchte, mit dem auch der Siebenundzwanzigjährigen ein Regelverstoß nachgewiesen wurde: Sie hatte während des Rennens vor drei Wochen einen iPod am Bund ihrer Laufhose befestigt – für die Veranstalter Grund genug, die Leichtathletin umgehend zu disqualifizieren.

„Das ist doch lächerlich“, sagte die Bestrafte, die nur im letzten Drittel des Rennens ein wenig Rockmusik und Techno gehört haben will. „Wenn sie mich disqualifizieren, dann müssten sie es auch mit jedem anderen tun, der einen iPod besitzt.“ Tatsächlich liegt die Läuferin mit ihrer Einschätzung nicht falsch. In den Vereinigten Staaten ist es laut Regel 144.3 des Leichtathletikverbandes USATF seit zwei Jahren verboten, elektronische Geräte wie MP3-Player bei offiziellen Wettbewerben zu verwenden. Gilt Musik während des Wettkampfs womöglich als Doping, weil sie leistungssteigernd wirken könnte? Ist ein iPod etwa so schlimm wie Epo?

Auch Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie und Sportpädagogik an der Universität Halle-Wittenberg, findet die Disqualifikation der Marathonläuferin „ein bisschen lächerlich“. Stoll, der als Psychologe zum deutschen Olympiateam in Peking gehörte und selbst vierzig Marathonrennen absolviert hat, weiß jedoch aus eigener Erfahrung um die aufputschende Wirkung von schnellen Beats. „Man kann sich mit Musik beim Laufen von Schmerzen ablenken oder seine Emotionen positiv beeinflussen. Doping würde ich das aber nicht nennen.“ Offiziell hat die USATF den Gebrauch von MP3-Playern untersagt, weil Läufer mit Knöpfen im Ohr Durchsagen der Rennleitung nicht mitbekämen und Unfälle verursachen könnten. Aber auch einen Wettbewerbsvorteil könnten sich laufende Musikhörer verschaffen.

Die subjektive Bewertung der Belastung ist wichtiger als die absolute

Seit der Verbreitung tragbarer Abspielgeräte wie dem Walkman und dem MP3-Player hat sich auch unter Joggern der Glauben verstärkt, dass ein Mensch durch Musik zu einem besseren Läufer würde. Das subjektive Laufgefühl kann die Wissenschaft im Grunde bestätigen. „Jede körperliche Aktivität wird aus dem Hirn begründet und initiiert“, erklärt Helge Knigge vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln. Wenn äußere Reize wie Musik aufgenommen, verarbeitet und positiv bewertet würden, so Knigge, könne diese Motivation die Leistung steigern. Die Neurowissenschaft habe nachgewiesen, dass „die subjektive Bewertung der Belastung wichtiger ist als die absolute“.

Bei dem Versuch, leistungsfördernde Effekte von Musik zu messen, hat Costas Karageorghis von der Londoner Brunel-Universität die meiste Aufmerksamkeit erregt, weil seine Studie das persönliche Empfinden vieler Hobby-Athleten bestätigt. Karageorghis untersuchte dreißig Freiwillige, die er auf dem Laufband zu Rock- und Popmusik trainieren ließ. Bei den anschließenden Befragungen stellte er fest, dass die Versuchsteilnehmer meinten, ihre Ausdauerfähigkeit um durchschnittlich 15 Prozent gesteigert zu haben; vorausgesetzt, sie hätten die richtige Musik gehört. Ein mittleres Tempo von 120 bis 140 Schlägen pro Minute müsste es laut Karageorghis sein, um länger laufen zu können. Darum müssten die Stücke, abhängig von Alter, Gesundheit und Geschmack des Sportlers, sorgfältig ausgewählt werden, so Karageorghis: „Punk-Songs sind aber ebenso ungeeignet wie Rock-Balladen.“

„Punk-Songs sind aber ebenso ungeeignet wie Rock-Balladen“

Die Londoner Probanden hätten sich auf Lieder wie „Mercy“ von Duffy, „Dancing Queen“ von Abba, Glenn Freys „The Heat is on“ oder „Don’t stop me now“ von Queen einigen können. Auch Songs von Madonna und den Red Hot Chili Peppers sollen die Motivation erhöht haben. Weil aber die Tests nicht repliziert, also von unabhängigen Forschergruppen bestätigt wurden, können sie kaum als streng wissenschaftlich gelten. Weil zudem nicht vorab die absolute Leistungsfähigkeit der Testläufer festgestellt wurde, ist die angeblich durch Musik erzielte Steigerung eine eher vage Größe. Sportpsychologe Stoll hält die Ergebnisse daher für „höchst spekulativ“.

Den Zweifeln zum Trotz hat Karageorghis aus seiner Studie ein Geschäftsmodell entwickelt. Mit dem Vermarktungsriesen IMG sowie Sony Ericsson als Hauptsponsor hat der Universitätslehrer in London einen Halbmarathon auf die Beine gestellt. „Run to the beat“ hieß das Event, 12.500 Läufer machten mit, das Teilnehmerfeld war laut Veranstalter jünger, weiblicher und weniger lauferfahren als bei ähnlichen Rennen. Die Läufer passierten elf Musik-Stationen, an denen sie von Takten, die von Karageorghis ausgewählt wurden, angetrieben wurden. Nach dem Erfolg in London will Karageorghis die Laufveranstaltung nun auf das europäische Festland exportieren.

Die Herzfrequenz erhöht sich, der Blutdruck steigt, die Atmung fährt hoch

Dabei ist es bei offiziellen Marathonrennen in Städten wie Köln oder an diesem Sonntag in Frankfurt längst gang und gäbe, an einigen Streckenabschnitten Musikgruppen zu postieren, die den Läufern den Takt vorgeben. Dadurch erführen die Athleten eine „Euphorisierung“, erklärt der Kölner Wissenschaftler Knigge. Die positive Bewertung dieses Zustands wirke sich direkt auf im Hirnstamm befindliche Zentren wie die Medulla oblongata aus. Die Folgen: Die Herzfrequenz erhöht sich, der Blutdruck steigt, die Atmung fährt hoch – eine „archaische Regulation“, so Knigge, die die Leistungsbereitschaft steigere. Jedoch könne die Euphorisierung dazu führen, so mahnen Wissenschaftler, dass ein Marathonläufer Anzeichen von Überbelastung nicht mehr wahrnimmt. „Wenn ich Musik höre, die zu schnell ist, und ich wegen des Rhythmus zu schnell anlaufe, dann bin ich nach zwanzig Kilometern weg vom Fenster“, sagt Sportpsychologe Stoll. Er rät daher davon ab, sich bei einem Marathon von den Takten der Musik ablenken zu lassen und nicht mehr auf die Signale des Körpers zu achten. „Ab Kilometer 25, 30 musst du in dich hineinhorchen. Mit Musik geht das gar nicht.“

Aber genau diese Ablenkung ist es, die Freizeitläufer anstreben; sie wollen durch Musikbegleitung ihren inneren Schweinehund überwinden und die gefühlte Laufzeit verkürzen. Nach einer Studie des Sportartikelherstellers Nike lassen sich drei Viertel aller Jogger von Musik anspornen. Um aus diesem Massenphänomen Kapital zu schlagen, bietet Nike mit Apple Lauf-Soundtracks an. Von diesen Zusammenstellungen für jedermann hält der Kölner Wissenschaftler Knigge indes wenig. „So etwas kann nur funktionieren, wenn die Musik für jeden Einzelnen angepasst wird.“ Als Knigge bei seinen Lauf-Seminaren an der Sporthochschule die Studierenden bat, eigene Musikstücke auszuwählen, war er anfangs überrascht: „Für die einen waren meditative Themen sehr geeignet, um das Laufen leichter zu machen; für die anderen waren es hochrhythmische Stücke.“

Schlimmer, als mit Musik zu laufen, ist überhaupt nicht zu laufen

Wer aber beim Joggen seinen Gedanken freien Lauf lassen oder Probleme lösen wolle, so Knigge, der solle auf ablenkende Musik verzichten. Auch die Ohren werden es einem danken: Gehörschäden aufgrund zu lauter und zu langfristiger Lauf-Musik nehmen zu. Nach einer australischen Untersuchung hört jeder vierte Jogger seine Lieblingslieder zu laut.

Schlimmer, als mit Musik zu laufen, ist nur eine Sache: überhaupt nicht zu laufen. Knigge und Kollegen haben beim vorigen Köln-Marathon vierzig zuvor inaktive Probanden nach einem halben Jahr Vorbereitung auf die Halbmarathon-Distanz geschickt, um festzustellen, wie sehr sich die Hirnfunktion durch regelmäßige körperliche Aktivität verändert. Das Ergebnis: Die Hirnfunktion ist messbar besser. „Durch das Laufen fühlt man sich besser und steigert das Selbstwertgefühl“, sagt Knigge. Aus diesem Grund warnt der Kölner Sportwissenschaftler davor, dass sich Läufer von einem kleinen Musikgerät abhängig machen. „Ein echtes Problem ist es“, sagt Knigge, „wenn die Leute nicht laufen, weil ihr MP3-Player kaputt ist oder sie ihn verlegt haben.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Sportredakteur.

1899 Hoppenheim

Von Michael Horeni

Wer eine Viertelmilliarde in sein Hobby steckt, will mehr als den besten Platz im Stadion. Doch Dietmar Hopp wird derzeit zum Problem für seinen Klub TSG Hoffenheim. Mehr 1