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Muhammad Ali 70 Der Gepriesene

 ·  Mannskind, Held, Narr oder einfach Champion des Volkes: Muhammad Ali, der größte Preisboxer der Geschichte, ist auch mit 70 Jahren in seinem schwersten Kampf eine beeindruckende Figur.

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© dpa

Der Boxer-Darsteller Sylvester Stallone hat den Boxer Muhammad Ali ein „Mannskind“ genannt. Eine schlichte Personenbeschreibung, die einiges für sich hat. Als Erwachsener ist er ein Kind geblieben: verspielt, naiv, raffiniert, wenn er was erreichen wollte, gutgläubig. Heute münden alle Versuche, diesen Mann zu charakterisieren, in Superlative. Da war einer, der den Faustkampf so interpretiert hat, wie es zuvor keiner konnte und je können wird. Er hat Feuilletonisten, Dichter und Denker zu Elogen auf einen Sport verführt, den sie ohne die Existenz Alis entweder ignoriert oder gegeißelt hätten. Als zivilisatorische Entgleisung.

Der Ruf nach einem generellen Boxverbot hatte nie eine realistische Chance, erhört zu werden. Die Schwärmerei für einen Athleten mit seinem Charisma ließ keinen Raum für Zwischentöne. Nur am Ende seiner Karriere im Ring ist Muhammad Ali zu einem ganz gewöhnlichen Boxer geworden: Weil selbst er nicht beizeiten aufhören konnte und wollte wie so viele vor ihm. Der Preis: Symptome der Parkinson-Krankheit.

Er war ein Apoll in Bronze. In der Frühzeit seiner Laufbahn boxte er mit einer Leichtigkeit, die den Faustkampf nicht mehr wie gewohntes Boxen aussehen ließ. Söhne, die den Wecker stellten, um keinen Auftritt Alis im Fernsehen zu verpassen, gewannen ihre Mütter nicht unbedingt für die Boxerei, aber auch die begriffen: Dieser Ali hatte etwas, was keiner sonst zu bieten hatte - die Leichtigkeit des Seins. Ein Provokateur der Szene, der ein unerreichtes Solo spielte. Er war das, was er von sich behauptete: „Ich bin jung, hübsch und schnell.“ Ein Rapper, lange bevor es Rapper gab.

Zum 70. Geburtstag: Muhammad Ali

Ein Provokateur, ein PR-Profi in eigener Sache, der den Strippenziehern des Preisboxens die Stirn bot. Ein Überflieger, den Gegner wie Sonny Liston oder George Foreman für übergeschnappt hielten, bis sie ihm von Angesicht zu Angesicht im Ring gegenüberstanden. Auf Youtube sind Bilder aus einer Epoche abzurufen, in der WM-Duelle noch auf 15 Runden angesetzt waren, der Träger der WM-Krone im Schwergewicht sich tatsächlich als „King of the World“ fühlen durfte - hofiert und verehrt.

„Joe hat das Beste aus mir herausgeholt“

Nach den „Jahrhundertkämpfen“ gegen Sonny Liston (1964) und George Foreman (1974) sollte es noch eine Steigerung geben: Die „Jahrtausendschlacht“ mit Joe Frazier (1975). „Joe hat das Beste aus mir herausgeholt, und unseren besten Kampf hatten wir in Manila“, erinnerte sich Ali später. „In dem Kampf spürte ich, dass etwas mit mir geschehen ist. Etwas anderes, als ich es in früheren Kämpfen gespürt hatte.“ Es war jene Nacht, von der gesagt wurde, dass jeder weitere Treffer zum Tod hätte führen können. Die Tage der spielerischen Siege waren längst Vergangenheit. Inzwischen selbst gegen ausgewählte Gegner. Im Alter von 36 Jahren verkündete Ali seinen Rücktritt und wurde im Oktober 1980 mit seinem Comeback gegen Larry Holmes rückfällig. Die Gage lockte, die Leere nach dem Boxen schreckte. Holmes demontierte das Idol seiner Generation und fühlte sich so elend dabei, als verstoße er gegen alle Gesetze der Brüderlichkeit.

Für die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein der Schwarzen nicht nur in Amerika hat Ali vielleicht mehr erreicht als Martin Luther King und Barack Obama zusammen. Nach jenem 25. Mai 1964, an dem er erstmals Weltmeister wurde, legte er seinen Sklavennamen Cassius Clay ab, trat zum Islam über und bestand fortan darauf, Muhammad („Der Gepriesene“) zu sein. Er schloss sich den Black Muslims an, die in den Vereinigten Staaten in etwa so kritisch gesehen wurden wie die Hamas in Israel. Trotzdem wurde Ali ein Champion des Volkes. Die Vereinigten Staaten, in den sechziger Jahren noch ein Land der Rassentrennung, veränderten sich, auch weil sich seine Menschen veränderten. „Die Probleme meiner Leute sind auch meine Probleme“, sagte Ali. Er hinterfragte die Rolle der Vereinigten Staaten im Vietnamkrieg, verweigerte den Wehrdienst. Für seinen Kreuzzug nahm er in seinen besten Jahren die Aberkennung seines WM-Titels und eine Sperre in Kauf.

Nicht mehr ganz so jung, nicht mehr ganz so hübsch und nicht mehr ganz so schnell kehrte der Stilist auf die sportliche Bühne zurück. Ein intuitiver Boxer, der notgedrungen die Defensive kultivierte, aber immer noch unberechenbar war und die Illusion aufrechterhielt, in seiner Einmaligkeit auch einmalig lang Champion bleiben zu können. Am 11. Dezember 1981, einer für alle peinvollen Vorstellung gegen Trevor Berbick, hatte Ali ein Einsehen. Zu spät für seinen wachen Geist, seinen Körper, der Schläge von brachialer Gewalt absorbierte, „die eine Mauer zertrümmert hätten“. Ein Zitat von Frazier.

Respekt und Zuneigung

Frazier ist schon mal vorausgegangen in die ewigen Jagdgründe der Preisboxer. Die Kameras lieferten beklemmende Bilder von Ali während der Trauerfeierlichkeiten für Frazier. Seit Jahren ist keine Konversation mehr möglich mit Ali. Geblieben ist ihm eine Popularität über alle Sprachlosigkeit hinweg. Er erfährt heute Respekt und Zuneigung, die Bewunderung gilt nicht mehr seinem Kampfrekord, sondern der Art, wie einer offenkundig seinen Frieden mit seinem Schicksal geschlossen hat, ohne eine Spur von Selbstmitleid.

Seinen letzten Auftritt vor Milliarden von Augenzeugen hatte Muhammad Ali 1996 in Atlanta, als er mit zitternder Hand das Olympische Feuer entzündete. Diesen Moment der Erhabenheit habe er so empfunden, verriet seine Ehefrau Lonnie (die vierte übrigens), als hätte er ein viertes Mal die Weltmeisterschaft in der Klasse aller Klassen gewonnen.

Ali ist seinem Schatten begegnet

Es war jener Augenblick, als er Millionen zu Tränen rührte. Ein Mannskind, Narr und Held zugleich, eine Zumutung und ein Vergnügen, smart statt finster wie so viele andere in diesem Gewerbe. Wer ihn heute fragen sollte, wie er in Erinnerung bleiben will, wird keine Auskunft bekommen. Vor Jahrzehnten, als Muhammad Ali noch der Sprache mächtig war, hat er David Remnick geantwortet, der mit seinem Buch „King of the World“ dem Aufstieg eines amerikanischen Helden ein Denkmal setzte: „Als ein schwarzer Mann, der den Weltmeistertitel gewann, der humorvoll war und jeden gut behandelte. Als einen Mann, der nie auf andere herabblickte, die zu ihm aufblickten, und anderen half, soweit es in seiner Macht stand - finanziell und auch in ihrem Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. Und ich werde es keinem verübeln, wenn die Leute vergessen, wie hübsch ich war.“

Ali wird an diesem Dienstag 70 Jahre alt. Der Schlaf wird ihn stundenweise übermannen. „Der Schlaf“, auch ein Satz von Ali, „ist die Vorstufe des Todes.“ Er ist sicher, seinem Schatten begegnet zu sein. Damals, beim „Thrilla in Manila“.

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Jahrgang 1943, Sportredakteur.

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