Früher, als Extrembergsteiger noch als Helden galten und der Alpinismus als Mittel, Ruhm und Ehre der Nation zu mehren, da wurden Berge nicht bestiegen, sie wurden bezwungen. Ganz so, als wäre da der Bergsteiger in der einen Ecke und der Berg in der anderen, und aus der dann einsetzenden Rangelei ginge der Bergsteiger als strahlender Sieger hervor. Nirgendwo wurde dieses Pseudoduell so stilisiert, nirgendwo gab es so viele Bezwinger, Erstürmer und Eroberer wie am höchsten Berg der Welt, am Mount Everest.
Der Everest nahm das gelassen, es blieb ihm ja nicht viel anderes übrig, schließlich wurde er über die Jahre mittels Tausenden Metern von Fixseilen „in Ketten gelegt“, wie der Montifex Maximus Reinhold Messner es nannte. Und das war nicht der einzige Exzess. Das Everest-Basislager etwa ähnelt inzwischen in der Frühjahrssaison einer Kleinstadt mit hochmoderner Infrastruktur, inklusive eigener Bäckerei.
So dient der Everest heute eher als individueller, denn als kollektiver Ego-Booster - gelegentliche Rückfälle in nationale Ruhmsucht nicht ausgeschlossen. Die Chinesen ließen es sich 2008 nicht nehmen, das olympische Feuer aus Anlass der Spiele in Peking, für die der Everest nun wirklich nichts konnte, mit immensem Aufwand auf den Gipfel zu schleppen, zusammen mit vier satellitengestützten Fernsehkameras.
Und nun kündigte ein Sprecher des Organisationskomitees der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine an, dass ein ukrainisches Team am Everest auf 5600 Meter Höhe erst ein paar Pässe spielen und dann den Ball auf den Gipfel tragen werde. Warum? Egal.
Der Everest ist in der gängigen Manager-Möglichmach-Denke inzwischen zur alpinen Event Location verkommen, und nicht mal mehr zu einer besonders originellen. Der Berg wird wohl auch das überstehen, aber es wird ihn weiter verändern, auf fragwürdige Weise. Was bleibt, ist ein trauriger Trost: Als Sehnsuchtsort hat der höchste Berg der Welt für viele ohnehin längst ausgedient.