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Veröffentlicht: 29.11.2013, 17:25 Uhr

Modernisierung des Fechtens Das Spielzeug des Milliardärs

Geld, so scheint es, spielt bei Fecht-Präsident Usmanow keine Rolle. Jetzt will der Oligarch seinen Sport modernisieren – mit bunten Anzügen und dicken Prämien.

von , Paris
© dpa Die Modernisierung des Fechtens: mehr Fernsehen, mehr Farbe

„Fürs Geld bin ich zuständig“, dröhnt der untersetzte Mann im schwarzen Anzug, und die Umstehenden lachen ein halblautes Lachen, wie es eben klingt, wenn der Chef einen Scherz gemacht hat. Dabei macht Alischer Burchanowitsch Usmanow keine Scherze. Der russische Oligarch mit usbekischen Wurzeln, 60 Jahre alt, Halbglatze, Übergewicht, führt seit 2008 als Präsident den Internationalen Fechtverband (FIE) an.

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Noch bis 2016 ist er gewählt und fest entschlossen, den weißen Sport aus dem Schatten ins bunte Licht zu führen. Usmanow selbst strahlt nicht gerade Glamour aus, ist es aber gewohnt, in großen Bahnen zu denken. Auf seinen Visitenkarten stehen Titel wie Generaldirektor von Gasprominvestholding, Mitbesitzer von Metalloinvest, Eigentümer des Verlagshauses Kommersant. Auf seinen Konten häufen sich Milliarden Dollar. Das „Forbes“-Magazin plaziert ihn unter den 35 reichsten Männern der Welt.

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„Eine Million Dollar“, dröhnt es wieder aus Usmanows Ecke. Der Präsident hat drei Dutzend Journalisten nach Paris fliegen lassen und ins Grand Hotel geladen, um seine Pläne zu offenbaren. Jetzt lässt er die Summe lässig fallen, wie ein großzügiges Trinkgeld auf das Tellerchen nach dem Champagner. Usmanow ist auch Teilhaber beim Premier-League-Klub FC Arsenal, er hat sich dort für 100 Millionen Dollar eingekauft. Was ist schon Fechten gegen Fußball?

Eine Million Dollar Preisgeld soll in Zukunft bei Fecht-Weltmeisterschaften ausgefochten werden. Das ist eine Menge Geld in einer Sportart, in der es bislang weitgehend um Ehre und Ruhm, Urkunden und Pokale ging. Auch wenn sich die Summe relativiert, denn sie wird auf zwölf Wettbewerbe aufgeteilt – je drei Waffen bei beiden Geschlechtern, jeweils im Einzel und im Team. Die kommenden beiden Weltmeisterschaften findet jeweils auf russischem Boden statt: 2014 richtet Kasan die WM anstelle von Sofia aus, das abgesprungen ist. 2015 wird Moskau Schauplatz der Meisterschaften sein.

Früh oben, schnell unten

Fechten ist seit 1896 olympisch, aber dieser Tage feiert der Fecht-Verband in Paris seinen 100. Geburtstag. Mit feinem Sinn fürs Detail wird das Centenniel im Automobile Club de Paris begangen, exakt an dem Tag und an dem Ort, an dem 1913 die FIE gegründet wurde. Eine große Gala im Grand Palais schließt sich an diesem Samstag an, 1200 verdiente Gäste werden erwartet, der Onkel aus Usbekistan zahlt.

Usmanow hat in den Siebziger Jahren an einer Kaderschmiede des sowjetischen Außenministeriums internationales Recht gelernt, er war früh weit oben, doch dann auch schnell tief unten. 1980 wurde er in Turkmenistan wegen Erpressung zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Usmanow selbst sah sich stets als Opfer politischer Unterdrückung – und im Jahr 2000 wurde er tatsächlich nachträglich rehabilitiert. Nachdem er 1986 vorzeitig entlassen worden war, hatte er seine Unternehmertätigkeit begonnen, die ihn durch geschickte Schachzüge in die Nähe des Gasprom-Imperiums brachte.

Usmanov attends a meeting between Russian President Putin and Crown Prince of Abu Dhabi Sheikh Mohammed bin Zayed al-Nahyan at state residence outside Moscow © REUTERS Vergrößern Alischer Usmanow will bei Weltmeisterschaften eine Million Dollar ausschütten

Zum Sport der Musketiere und Edelmänner pflegt der Unternehmer durchaus eine persönliche Beziehung, er war früher selbst Säbelfechter, wenn auch keine große Nummer. Im Gespräch mit Athleten zeigt er sich offen und interessiert, er bezeichnet sich selbst als „Fan“ der deutschen Degen-Olympiasiegerin Britta Heidemann.

Sein Generalsekretär in der FIE, der 59 Jahre alte Franzose Frédéric Pietruszka, war sogar ein richtig guter Fechter: 1980 wurde er Olympiasieger mit der Florett-Mannschaft. Gemeinsam will das ungleiche Duo den Fecht-Sport ins neue Jahrhundert tragen. Das elitäre Weiß soll zurückgedrängt werden – das bei den viel getragenen und verschwitzten Fechtanzügen ohnehin oft in schmuddeliges Grau, Beige oder bestenfalls Creme abgerutscht ist. „Warum sollen Fechter nicht in gelben oder blauen Anzügen kämpfen?“, fragt Pietruszka.

„Hochwertige Standorte“

Derzeit werden grüne und rote Westen getestet, die bei Treffern aufleuchten sollen. Schon bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 könnte es so weit sein. Zunächst beim Florett, weil es dort am einfachsten ist – nur der Rumpf ohne Arme zählt als Trefferfläche. Später sollen auch Säbelfechter, bei denen alles oberhalb der Gürtellinie zählt, und Degenfechter, deren ganzer Körper von Hand bis Fuß Trefferfläche ist, erleuchtet werden. Bislang blinken nur Lämpchen am Helm, bei größeren Events gibt es eine Anzeige neben der Bahn.

London 2012 - Fechten © dpa Vergrößern Von gestern? Das elitäre Weiß im Fechtsport soll künftig Blau, Gelb Grün oder Rot weichen

Um Fechten regelmäßiger zu präsentieren, wird eine Weltcupserie mit neun Stationen und fünfstelligen Preisgeldern an „hochwertigen Standorten“ ins Leben gerufen. Und in der Hoffnung, nicht nur zu leuchten, sondern auch gesehen zu werden, will der Fechtverband selbst professionelle Fernsehbilder produzieren, bei denen vor allem Wert auf hochauflösende Zeitlupen und Emotionen gelegt wird.

„Fragen nur zu Fechten“

Das Material soll den wichtigsten Sendern und Internetdiensten in den 148 Mitgliedsländern der FIE angeboten werden. Zunächst kostenfrei. „Vordergründig kein gutes Geschäft“, sagt Pietruszka, aber auf lange Sicht könnte es sich auszahlen. Und die Kasse ist ja gefüllt. Nach einer halben Stunde Audienz ist Usmanow wieder verschwunden. Antworten zu seiner facettenreichen Persönlichkeit ist er nicht ausgewichen. Das hat schon vorher sein Sicherheitsmann erledigt: „Fragen nur zu Fechten und zur Hundertjahrfeier“ war die klare Ansage.

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Von Christoph Becker

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