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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Modedesigner Harald Glööckler „Ich bin meine eigene Droge“

 ·  „Jeder sollte sich und sein Leben inszenieren und zelebrieren“: Modedesigner Harald Glööckler über Fußball und Fettabsaugen, Körperkult und Körpervernichtung - und die Angst der schwulen Kicker.

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© VOX „Aktive Menschen sind anziehender, sagt Harald Glööckler, der seinen Körper seit dreißig Jahren im Fitnessstudio trimmt: „Ohne Sport könnte ich mein berufliches Pensum nicht bewältigen“

Wann haben Sie den Sport für sich entdeckt?

Vor dreißig Jahren. Ich habe mit 16, 17 begonnen, ins Fitnessstudio zu gehen, und bin dort seither regelmäßig drei-, viermal die Woche, seit einigen Jahren so gut wie immer mit Trainer. Ich finde es wichtig, dass einer dabei ist, der aufpasst, ich möchte bei den Übungen keine Fehler machen. Sport ist für mich ein wichtiger Ausgleich. Ich glaube, ich könnte mein berufliches Pensum ohne ihn nicht bewältigen.

Wenn Sie einen Sport wählen könnten, den Sie perfekt beherrschten, welcher wäre das?

Das könnte ein Sport mit Pferden sein, das finde ich interessant, diese Symbiose zwischen Reiter und Pferd. Oder etwas mit Fliegen, Paragliding, Drachen, so etwas in der Art.

Konsumieren Sie Sport, Olympia zum Beispiel oder Fußball, interessiert Sie das?

Hin und wieder. Ich schaue mal bei Olympia rein oder bei Weltmeisterschaften, auch mal bei American Football oder Rugby, ich mag es, wenn es richtig kracht, anders als beim Fußball, da rennen die doch manchmal ein bisschen rum wie die Mädchen. Ich lese auch gern Biographien über Sportler, weil mich ihr Wille und ihr Antrieb interessieren. Da kann man etwas lernen vom Sport. Von Lance Armstrong übrigens auch: wie man es besser nicht macht.

Mit Doping? Da hat man als Kreativer aber bessere Karten als zum Beispiel Radsportler, da gibt es keine Doping-Kontrollen.

Ja, aber bei mir könnte man jederzeit testen. Ich brauche weder Doping noch sonstige Drogen, ich bin meine eigene Droge. Ich könnte das, was ich tue, mit derartigen Hilfsmitteln gar nicht durchhalten. Ich lebe ein sehr gesundes, sehr bewusstes Leben. Ein gesunder, sportlicher Körper will kein Doping, und er braucht es auch nicht.

Sehen Sie im Leistungssport einen Sinn?

Es gibt immer Menschen, die in bestimmten Dingen talentierter sind als andere. Warum sollen die sich nicht miteinander messen? Und da sind noch die eher Mittelmäßigen, die ihre Möglichkeiten durch viel Fleiß und Training so perfektioniert haben, dass sie unter Umständen sogar besser sind als die mit dem großen Talent.

Wie gefällt Ihnen Fußball?

Beim Fußball habe ich das Gefühl, dass er zu einem Happening geworden ist wie Modeschauen, zu einem Catwalk für Fußballer und ihre Spielerfrauen. Das ist eine Entwicklung, die mir nicht gefällt. Fußball wird medial und politisch unglaublich gepusht, und das liegt sicherlich auch daran, dass er ein wunderbares Medium ist, um die Menschen bei Laune zu halten. Würde man Autoren oder Musiker oder die besten Wissenschaftler des Landes genau so pushen, hätte man ganz andere Helden.

Welche Bedeutung hat die Körperlichkeit für den modernen Menschen? Das Fitsein, das Jungsein, das Schönsein?

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Menschen immer älter werden. In Fitnessstudios kann man geradezu sehen, wie Menschen, die mit Sport beginnen, nach einer gewissen Zeit eine Verjüngung erfahren. Wir Menschen sacken ja unter der Last des Lebens immer mehr zusammen, wir verlieren die Haltung. Durch den Sport lernen wir, uns wieder aufzurichten. Die Muskeln, die wir trainieren, stützen uns. Der Sport ist wichtig, die Körperlichkeit ist wichtig, aber es darf nicht in Richtung Jugendwahn gehen, es gibt keine ewige Jugend. Ich finde, man sollte versuchen, gerade durchs Leben zu gehen und für sein Alter bestmöglich auszusehen. Von Mitte 40 bis Mitte 50, das ist ein schwieriges Alter, der Stoffwechsel verändert sich, der Körper verändert sich, und zwar rapide, da liegt der entscheidende Moment, ob man nun sagt, okay, jetzt werde ich halt dick, oder sagt, das akzeptiere ich nicht.

Fett kann man vermeiden, abtrainieren oder absaugen. Sie haben auch die dritte Möglichkeit genutzt. Warum?

In meinem Fall sage ich, wenn es nicht anders geht, wenn der Sport nicht reicht, dann wird eben auch Fett abgesaugt, aber nicht, weil ich einem Ideal nachrenne, dem Bild eines schönen Körpers aus einem Magazin, sondern weil ich meinen Körper anschaue und weiß, wie ich mich gern sehen würde.

Und wie ihn andere gern sehen würden? Geht es um die Steigerung der Attraktivität, und hat der Sport damit eine Funktion wie die Mode?

Alles im Leben geht um Gefallen oder Nichtgefallen. Um sexuell anziehend sein oder nicht. Und es ist nun einmal so: Aktive Menschen sind anziehender. Da ist es mit dem Sport wie mit der Mode, beides sind Mittel, um sexuell anziehender zu werden, und das ist ein ganz klarer Grund, warum viele Menschen ins Fitnessstudio gehen.

Was halten Sie von Body-Buildern, die ihren Sport als Modellierung des eigenen Körpers verstehen?

Ich finde das erst mal schön. Aber natürlich gibt es einen Punkt, wo man eine Grenze überschreitet, wo es dann nicht mehr ästhetisch ist. Irgendwann sehen Bodybuilder, die es übertreiben, aus wie Körperwelten, das ist fern der Realität, ein Kuriosum. Man sieht auch schnell, wer Bodybuilding mit natürlichen Mitteln betreibt und wer mit Doping-Substanzen nachhilft. Ich verurteile keinen, der nachhilft, aber das geht nicht lange gut. Die sehen dann schnell sehr verbraucht aus. Und es will doch auch keine Frau mit so einem Muskelberg ins Bett gehen. Das ist nicht schön. Schauen Sie dagegen ein Rennpferd an, das hat auch Muskeln, aber in diesen Muskeln ist Geschmeidigkeit, Eleganz, Ästhetik.

Sie würden nicht mit Anabolika nachhelfen?

Nein. Ich bin ein Mensch, der sehr offen über alles spricht, was er tut, über Fett absaugen, Lippen spritzen, Botox. Aber Anabolika, Doping? Nie! Es heißt ja Körperertüchtigung und nicht Körpervernichtung. Über die Nebenwirkungen gibt es nicht einmal verlässliche Langzeitstudien. Ich hätte davor viel zu viel Angst, zum Beispiel vor dem Wachstumshormon, das in Hollywood alle Stars nehmen. Für mich ist das kein Thema. Bei Madonna zum Beispiel ist das längst gekippt, da ist keine Sinnlichkeit mehr, keine Weiblichkeit, das ist too much.

Welche Körper gefallen Ihnen?

Solche, bei denen man merkt, dass der Mensch mit seinem Körper und seinem Geist im Reinen ist und er dadurch eine Ausstrahlung bekommt, eine Aura. Manche leben ja nur noch in der Welt der Körperlichkeit und merken nicht, dass nur ihr Körper wächst, aber nicht ihr Geist.

David Beckham, der Fußballer, ist zur Stil-Ikone geworden. Warum gerade er?

Er hat es genau so geschafft, wie es Amy Winehouse geschafft hat. In England macht man Stars, in Deutschland nicht. Wir haben zu wenig Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Wir trauen den eigenen Leuten nicht genug zu. Weniger jedenfalls als denen, die von außen kommen. Die Deutschen stehen nicht zu ihren Leuten. Die paar Stars, die wir hatten, denen hat man gründlich zugesetzt: Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Ute Lemper. Da hat sich nicht viel geändert seit den dreißiger Jahren. Die Engländer jubeln Beckham hoch, und dann steigen die Deutschen drauf ein. Beckham ist nicht mehr oder weniger sexy als viele andere Fußballer auch. Wäre Beckham ein Deutscher und Schweinsteiger ein Engländer, dann wäre nicht Beckham der Superstar, sondern Schweinsteiger.

Sie sagen, das Leben sei eine Inszenierung. Ist in dieser Beziehung der Sport ein Vorbild? Das Pompöse beispielsweise, mit dem sich Olympische Spiele oder Champions League umgeben?

Die Menschen lieben Inszenierungen, die beste macht noch immer das englische Königshaus. Jeder sollte sich und sein Leben inszenieren und zelebrieren. Wenn man es nicht selbst macht, macht es kein anderer für einen. Im Sport gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich gehe auf den Fußballplatz um die Ecke, und da sind ein paar hundert Zuschauer. Oder ich gehe ins Stadion zur Champions League, und da ist es großes Kino.

In der Fußball-Bundesliga wird seit langem über Homosexualität diskutiert und darüber, dass es kein schwuler Spieler wagt, sich zu outen. Aus Ihrer eigenen Erfahrung mit Homosexualität und Öffentlichkeit: Was würden Sie einem schwulen Kicker raten?

Ich denke, dass ein Teil der deutschen Medien noch immer nicht offen gegenüber Homosexualität ist. Es wird nur so getan. Homosexualität wird zwar toleriert, aber immer noch nicht als etwas angesehen, das weder gut noch schlecht ist, sondern normal. Das hängt wie ein Damoklesschwert über allem. Das Denken ist: Fußballer sind Helden und richtige Männer! Und richtige Männer sind nicht schwul! Natürlich gibt es in einem Fußballstadion Schwulenhasser, aber letztlich wird es den Fans egal sein, ob ein guter Spieler schwul ist oder nicht, wenn er nicht gerade mit dem Spitzenhöschen auf dem Feld herumläuft. Es ist nicht die Angst vor den Fans, die schwule Kicker davon abhält, sich zu outen, es ist die Angst vor manchen Medien. Die Angst, dass sie runtergemacht werden, dass man sie an den Pranger stellt. Natürlich würde nicht geschrieben werden: Wir wollen den nicht mehr, weil er schwul ist, das würde diffiziler gemacht, sie würden Mittel und Wege finden den Spieler so klein machen, dass er kein Bein mehr auf den Boden kriegt. Und davor haben die schwulen Spieler Angst. Deshalb leben sie in einer ständigen Panik und in der Angst aufzufliegen.

Wenn es ein einzelner Spieler nicht wagen kann, könnte es doch eine Gruppe tun, die sich zusammenfindet.

Das ist wie in der S-Bahn, wenn Schläger einen Mann attackieren. Wenn alle fünfzig Menschen in der Bahn aufstehen und auf die Schläger zugehen, ist das Thema erledigt. Wenn alle schwulen Spieler sich auf einmal outen würden, wäre das Problem erledigt. Wenn aber nur einer aufsteht, ist er allein. Es gäbe aber auch eine andere Möglichkeit: Würde zum Beispiel ein internationaler Fußballprofi wie Beckham oder Ronaldo heute sagen, ich bin schwul, wäre die Luft raus, dann könnten morgen deutsche Fußballer hinterherkommen. Dann wäre die Katze aus dem Sack.

Doppel-Ö

Harald Glööckler, mit einem Ö vermutlich 1965 in Maulbronn geboren, hat sich als schriller Modedesigner, Maler und Unternehmer einen Namen gemacht. Er lebt mit seinem zwanzig Jahre älteren Lebenspartner Dieter Schroth und dem Hund „Billy King“ hauptsächlich in Berlin, wo er Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden in einer 1400 Quadratmeter großen Wohnung residiert. Glööckler ist Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerkes und Schirmherr des Kindernothilfefonds. Er ist einer der Pioniere des Teleshopping. Seit 2004 verkauft er Mode, später auch Heimtextilien und Einrichtungsgegenstände über Fernsehsender in Deutschland, England und Japan.

Das Gespräch führte Michael Eder.

Quelle: F.A.S.
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