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Handball-WM der Frauen : Mit französischer Lockerheit

  • -Aktualisiert am

Shooterin mit französischem Laissez-faire: Isabell Klein Bild: Imago

Handball-Nationalspielerin Isabell Klein spielt im Alltag in Nantes. Bei der Heim-Weltmeisterschaft nimmt sie im deutschen Team eine Schlüsselrolle ein auch im Spiel gegen Südkorea am Sonntagabend.

          Im Hintergrund hat Colin viel zu erzählen. Das ist ganz normal. Er war im Kindergarten, der auf französische Art sehr verschult ist, und er hat seine Mutter den ganzen Vormittag nicht gesehen. Colin ist dreieinhalb Jahre alt, seine Mama ist Isabell Klein, Handballprofi im Auslandsdienst bei Nantes Loire Atlantique. Das klingt so gut, wie es ist, erzählt Isabell Klein, denn zusammen mit ihrem Ehemann Dominik lebt die kleine Familie nun in Nantes in Frankreichs Westen an der Loire, nur 40 Minuten Autofahrt vom Atlantik entfernt. „Ich spiele zum ersten Mal im Leben vollprofessionell, und das mit 33 Jahren“, sagt Isabell Klein, „für uns ist das Luxus, so als Familie zusammenleben zu können.“

          Sie spielt nach neun Jahren beim Buxtehuder SV nun in der zweiten Saison für Nantes; das Team steht im oberen Mittelfeld. Dominik Klein ist ebenfalls seit Sommer 2016 dabei. Mit seinem Klub HBC Nantes hat er sogar die Champions League erreicht. Die französischen Ligen, bei Frauen wie Männern, rücken dem Niveau der Bundesligen immer näher.

          In diesen Tagen ist die Mutter und Ehefrau Isabell Klein weniger gefragt. Als erfahrene Nationalspielerin hat sie eine Schlüsselrolle bei der Weltmeisterschaft inne, in die ihr Team mit einem Sieg gegen Kamerun gestartet ist und am Sonntagabend gegen Südkorea (20.30 Uhr) das zweite Spiel in Leipzig bestreiten wird. Isabell Klein spielt Rechtsaußen oder im rechten Rückraum. Dort muss Nationaltrainer Michael Biegler experimentieren. Die erste Wahl auf halbrechts, Anne Hubinger, ist verletzt. Die starke Werferin Susann Müller hat Biegler nach einem früheren Zerwürfnis gar nicht erst nominiert. Als reine Rückraumspielerin ist Alicia Stolle übrig geblieben; sie ist aber erst 21 Jahre alt. In seiner Not hat Biegler nun Friederike Gubernaitis hinzugenommen. Die kampfstarke Buxtehuderin könnte vor allem für die Abwehr eine Option sein. Und nun kommt Isabell Klein ins Spiel. Sie sagt: „Erst mal tut es mir für Anne Hubinger wahnsinnig leid. Sie war die klare Nummer eins. Der Trainer weiß, dass ich nicht die klassische Shooterin bin. Aber ich habe viel Erfahrung, die ich einbringen kann.“

          Sie misst 1,72 Meter. Schon allein deshalb ist sie keine Idealbesetzung für die halbrechte Position. Aber Isabell Klein kann kämpfen, hält den Kopf oben, ist eine schlaue Spielerin. Sie weiß zudem, wie Abwehrarbeit funktioniert. „Isi kann für das Turnier ganz wichtig werden“, sagt Biegler. Es wird auch darum gehen, vor vollen Hallen die Nerven zu bewahren. Das sieht auch Isabell Klein so: „Uns fehlt die Konstanz. Der entscheidende Faktor wird sein, Fehler zu minimieren.“

          Physische Verfassung wichtig

          In Leipzig treffen Bieglers Spielerinnen noch auf China, Serbien und die Niederlande. Diese Gruppe dürfte kein Problem für die Deutschen sein. Vom Achtelfinale an, das am 10. Dezember startet, dürfte es dann verstärkt auf die psychische Verfassung ankommen. „Wir müssen in dem Turnier zu einem Team zu werden“, sagt Isabell Klein, „dann ist vieles möglich. Ich will aber nicht schon an das Achtelfinale oder die Endrunde in Hamburg denken. Unser Trainer macht das überragend. Er bereitet uns Schritt für Schritt vor, stellt uns Aufgaben, die wir lösen müssen. Er macht sich viele Gedanken und schirmt das ab, was von außen kommt.“

          Isabell Klein versucht, ihre womöglich letzte Großveranstaltung unter dem Aspekt „Vorfreude“ zu sehen: „Dadurch, dass ich in Frankreich spiele, habe ich nicht so viel von der WM mitbekommen. Jetzt geht es los, und das Kribbeln beginnt. Ich verspüre weder Stress noch Druck. Ich empfinde es als Kompliment, dass man uns zutraut, die Halle in Hamburg zu füllen, sollten wir so weit kommen.“

          Isabell Klein hat als kopfgesteuerte Spielerin in Frankreich dazugelernt. Viele Jahre setzte sie sich am frühen Morgen in Kiel ins Auto, fuhr etwa 150 Kilometer nach Buxtehude und arbeitete dort als Projektmanagerin einer Medizintechnikfirma. Dann kam das Training. Abends ging es zurück nach Kiel. Beruf, Handball, Familie – die Organisation all dessen lag bei ihr. Dominik Klein spielte schließlich alle drei Tage mit dem THW Kiel. Die Familie brauchte vier Babysitter, um den Alltag zu organisieren. Jetzt genügt ein australisches Au-pair-Mädchen für Colin. Freudig sagt Isabell Klein: „Wir können sogar abends zusammen Abendbrot essen.“ Sie genießt die Unterschiede: „Vieles in Frankreich ist viel verpeilter als bei uns. Wir sind ja gewohnt, dass alles perfekt läuft. Wir sind durch unser Leben gehetzt, alles war durchgeplant. Hier herrscht Laissez-faire, und ich muss sagen, diese Lockerheit hat auch Vorteile.“

          Bei aller Freude auf die WM vor vielen heimischen Fans bleibt für Isabell Klein, die mit ihrer Familie im kommenden Jahr wahrscheinlich in die Nähe von München übersiedeln wird, nur eine Frage: Was wird mit Colin? „Fünf Wochen ohne ihn hätte ich nicht ausgehalten“, sagt Isabell Klein. Also springen die vier Großeltern als Babysitter ein und werden in der Nähe sein, wenn Isabell spielt. Wenn es trotzdem mal Sehnsucht gibt, teilt sie ihr Leid mit den „Mitmamas“ im Team, Katja Kramarczyk und Nadja Maanson. Das muss reichen für eine WM, die aus ihrer Sicht am besten am 17. Dezember in Hamburg mit dem Finale endet.

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