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Veröffentlicht: 01.03.2016, 17:14 Uhr

Schach-Talent Vincent Keymer Dafür bist du viel zu klein ...

Denkste! Mit fünf entdeckte Vincent Keymer ein Schachbrett. Jetzt nimmt er es mit den Großmeistern auf und gilt als außergewöhnliches Talent. Dabei ist er gerade mal elf Jahre alt.

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© Dominik Pietsch „Wenn der Kopf frei ist, kann man noch doppelt so viel reinbeamen“: Für Vincent Keymer steht Schach im Mittelpunkt. Musik und Sport sorgen für Abwechslung – und für die Kraft und Gelassenheit zum Lernen.

Messi oder Carlsen? Vincent Keymer braucht keine Zehntelsekunde Bedenkzeit. Carlsen, der Schach-Weltmeister! Vincent ist elf Jahre alt, er spielt Fußball – und er spielt Schach. Fußball spielt er, wie dies viele Jungs in seinem Alter tun. Ganz normal. Die Schachfiguren aber zieht er so virtuos, dass selbst hartgesottene Experten wie die früheren Weltmeister Kasparow und Anand ins Staunen geraten. Das größte deutsche Schachtalent seit Emanuel Lasker, heißt es. Der wurde 1894 Weltmeister. Lange ist es her.

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Vincent Keymer aus Saulheim in der Nähe von Mainz ist tatsächlich erst elf Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem man Kinder nicht ins Rampenlicht stellen sollte. Aber was, wenn es über ein so außergewöhnliches Talent verfügt? Vincents Eltern stehen nicht im Verdacht, die Karriere ihres Jungen über jedes Maß voranzutreiben. Im Gegenteil. Sie fördern ihn, natürlich, aber sie tun es mit Bedacht und bremsen, wo es nötig ist. Der Vater ist Pianist, unterrichtet an der Musikhochschule Hannover und gibt europaweit Konzerte, die Mutter ist Cellistin im Philharmonischen Staatsorchester Mainz.

38600420 Attraktion am Brett: Vincent Keymer im Duell mit Großmeister Vitali Kunin. © © 2015 Chess Tigers Training Center GmbH Bilderstrecke 

Eine Künstlerfamilie, die vom Schachtalent ihres Sohnes überrascht wurde. Schach ist in der Familie so gut wie nie gespielt worden, ehe der kleine Vincent im Alter von fünf Jahren ein Schachbrett aus einer Schublade in Papas Arbeitswohnung in Hannover kramte und wissen wollte, was man damit anfangen könne. Ne, lass mal, hat der Vater gesagt, dafür bist du zu klein, das ist viel zu schwierig. Denkste! Es dauerte ziemlich genau zwei Monate, dann hatte der Papa keine Chance mehr gegen seinen fünfjährigen Filius.

Mit sechs verblüffte Vincent die Konkurrenz bei der deutschen Jugendmeisterschaft der Zehnjährigen. Heute, mit elf, spielt er in Gau-Algesheim in der Oberliga, dritte Liga, zweites Brett. Am ersten spielt einer seiner Trainer, der ukrainische Großmeister Sergej Ovsejewitsch. Von sechs Oberligapartien hat Vincent fünf gewonnen, drei gestandene Großmeister hat er besiegt. „Am Anfang hatte ich den Bonus, dass die dachten, den mache ich mit links fertig“, sagt er. „Da haben sie nicht so aufgepasst, das hat sich jetzt aber erledigt.“ Großmeister wird man mit 2500 sogenannten Elo-Punkten, Vincent hat aktuell 2350, er ist damit stärker, als es Weltmeister Magnus Carlsen in seinem Alter war.

Die Turnierreisen weiten den Horizont

Gegen Gleichaltrige spielt Vincent Keymer eigentlich nur noch bei Jugend-Welt- und Europameisterschaften. Vierter war er bei der EM, Sechster bei der WM. Mit der deutschen U 18 wurde er Mannschaftseuropameister, da war er zehn, sein größter Erfolg bisher. Gleichaltrige Gegner, die auf seinem Niveau spielen, gibt es weltweit nur wenige. Ein Inder, ein Usbeke, ein Georgier, ein Ukrainer - dann wird es schon eng.

Die guten Spieler seines Alters kennen sich, ein bisschen Englisch kann jeder, bei der WM-Siegerehrung misst man sich schon mal beim Armdrücken, den Eltern gefällt das, die Turnierreisen weiten den Horizont. Vincent hätte gerade ein Jugendturnier in Indien spielen können, aber das wäre zu viel geworden, „das kriegen wir noch nicht geregelt“, sagt der Vater. „So etwas muss ja die ganze Familie hinbekommen. Wir haben noch eine Tochter, wir haben noch Berufe, man muss das alles verträglich regeln.“

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Vincent geht auf das Gymnasium im Nachbarort Nieder-Olm, die fünf Kilometer fährt er gern mit dem Fahrrad. In der Schule fehlt er oft wegen seiner Turnierreisen, 27 Tage waren es im vergangenen Halbjahr. Dass das Schachspiel den Geist schärft, ist keine Frage, es ist eine Denkfabrik. „Wenn man sich Eröffnungen gut merken kann, dann schult das natürlich auch das Gehirn“, sagt Vincent. Aber ausruhen kann er sich nicht darauf.

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Und trotzdem: Weiter so!

Von Peter Heß

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