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Veröffentlicht: 01.03.2016, 17:14 Uhr

Schach-Talent Vincent Keymer Dafür bist du viel zu klein ...


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Im Schach geht es um Rechenroutine

Schach fordert den Geist, aber auch die körperliche Belastung ist groß. „Zwei, drei Stunden in einer Schachpartie sind für mich eigentlich nicht viel“, sagt Vincent. „Mein letztes Ligaspiel hat sechseinhalb Stunden gedauert. Das ist schon anstrengend.“ Und deshalb sind Ruhepausen wichtig. „Nach einem Turnier trainiere ich nicht die volle Maschine, dann muss ich erst wieder zu Kräften kommen.“

Im Schach geht es um Rechenroutine. Wer am Zug ist, prüft seine Möglichkeiten: Schachzüge, Schlagzüge, Drohungen, prophylaktische Züge, Verteidigungszüge. „Verteidigung macht man natürlich nicht so gern, wie wenn man seinen Gegner direkt umpusten kann“, sagt Vincent. „Man muss halt gucken, was geht, und alle Variantenbäume möglichst fehlerfrei durchrechnen. Man muss einfach immer den besten Zug finden, egal ob man gut steht oder schlecht.“ In Zeitnot ist das besonders schwer, vor allem dann, wenn es noch irrsinnig viele Möglichkeiten gibt. „Dann muss man besonders effizient rechnen: schnell und alles nur einmal, man darf sich nicht irgendwo festbeißen.“

Schach hat auch mit Intuition zu tun

Aber Schach ist nicht nur Rechnerei. Schach hat auch mit Intuition zu tun. Je weniger Zeit für einen Zug bleibt, desto wichtiger wird sie. Vincent Keymer – er ist elf Jahre alt, das zur Erinnerung – kann auch darüber eindrucksvoll erzählen. „Im Blitzschach zum Beispiel“, sagt er, „kann man wegen der knappen Zeit nicht wirklich nachdenken. Da muss man die Eröffnung perfekt kennen und muss Fallen stellen, damit der Gegner in sie reintappt. Wenn das nicht klappt, spielt man einfach schnell aus dem Bauchgefühl heraus.“ Das ist ein gutes Training auch für die langen Partien. „Ja, aber man muss aufpassen, dass man im richtigen Spiel dann nicht auch nur auf sein Bauchgefühl vertraut, denn Bauchgefühl gegen richtiges Rechnen, das ist nicht so gut.“

Schach ist bei den Keymers das eine. Musik das andere. Vincent spielt auch gut Klavier, hat schon beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ mitgemacht, aber natürlich steht Schach für ihn im Mittelpunkt. „Musik ist für mich ein Ausgleich“, sagt er. „Genau wie Sport, wie Basketball, Fußball, Radfahren. Wenn der Kopf frei ist, kann man noch mal doppelt so viel reinbeamen.“

„Ich will Spaß am Schachspielen haben“

Hat Musik etwas mit Schach zu tun? Wie ist das mit dem Notenlernen? „Der russische Großmeister Taimanow war auch Pianist“, sagt Vincent. „Vielleicht ist das ein bisschen ähnlich. Ich lerne die Noten auswendig, und während ich das Stück dann spiele, lese ich sie kaum noch mal. Ich beame sie mir lieber einmal ins Gehirn und kann sie dann, als sie immer wieder abzulesen.“

Wie schaut es aus mit Zielen? Wie Carlsen einmal Weltmeister werden? „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nicht mehr gut spielt, wenn man an etwas denkt, was man erreichen könnte“, sagt Vincent. „Man sollte einfach daran denken, jede Partie gut zu spielen, dann wird auch das Turnier insgesamt besser, dann kommt man voran.“ Und was wird in zehn Jahren sein? Wollen wir zehn Jahre voraus schauen? „Das ist eine viel zu lange Zeit. Man kann nicht einmal drei Monate vorausschauen, im Schach kann es sehr gut laufen, aber auch ganz schlecht, da ist vieles unklar.“

Doch halt, ein Ziel gibt es doch: „Ich will Spaß am Schachspielen haben“, sagt Vincent Keymer. „Wenn man keinen Spaß daran hat, kann man auch nicht Weltmeister werden.“

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