Das erste Zeichen, dass in der Universitätsstadt mitten in Pennsylvania mit der Vergangenheit aufgeräumt wird, war die Baukolonne, die am Sonntag die Zufahrtsstraße zum Stadion verbarrikadierte. Dann warfen die Männer eine blaue Plastikplane über den grinsenden alten Mann mit der dicken Brille, der seit ein paar Jahren mit erhobenem Zeigefinger an dieser Stelle gestanden hatte. Ein Ruck mit einem Kran und die Statue in Lebensgröße aus 400 Kilogramm Bronze war entwurzelt, abtransportiert und verschwunden - zusammen mit der Inschrift „Joseph Vincent Paterno. Erzieher, Coach, Humanist“, mit der die Universität Penn State 2001 an dieser Stelle den erfolgreichen Football-Trainer zu Lebzeiten in den Rang einer Legende erhoben hatte.
Dieser Akt der Selbstzensur war noch harmlos im Vergleich zu dem, was nur 24 Stunden später auf die Universität herunterprasselte - die härteste Strafe in der mehr als hundertjährigen Geschichte des amerikanischen Collegesports: eine Geldbuße von 60 Millionen Dollar, eine Kürzung der Stipendien, mit dem das Team talentierte Kandidaten anlocken kann, und ein vier Jahre währender Ausschluss aus lukrativen Begegnungen am Ende der Saison, den sogenannten Bowl Games.
College-Sport ist ein riesiges Geschäft
Das viele Geld soll einer Stiftung zu Gute kommen, die sich um die Opfer von sexuellen Übergriffen kümmert. Der Grund: In Paternos 46 Jahre währender Ära als Trainer hatte einer seiner Assistenzcoaches, Jerry Sandusky, in den Umkleidekabinen und Duschen des Football-Zentrums der Universität immer wieder Jungen sexuell missbrauchen können, auch weil der Mann mit dem Spitznamen JoePa es wohl vermieden hatte, die Polizei einzuschalten. Sandusky wurde vor vier Wochen verurteilt. Paterno war im Januar im Alter von 85 Jahren an Lungenkrebs gestorben, nachdem die Universität ihm wenige Monate zuvor gekündigt hatte.
Die Höhe der Strafe deutet an, was der amerikanische College-Sport in den zwei populären Disziplinen Football und Basketball mittlerweile ist: ein riesiges Geschäft. Penn State, dessen Stadion in der Ära Paterno auf ein Fassungsvermögen von 106.000 Zuschauern ausgebaut wurde, erwirtschaftet jedes Jahr rund 60 Millionen Dollar allein mit dem Verkauf von Eintrittskarten und lizensierten Sportartikeln sowie seinem Anteil aus dem Verkauf der Fernsehrechte.
„Wir sind Penn State“, hatten ein paar Studenten am Sonntag am Stadion gerufen, als die Statue abmontiert wurde, die allerdings nicht von der Hochschule bezahlt, sondern mit Spenden finanziert worden war. Dazu gehörten jene 25.000 Dollar eines Geschäftsmanns, der sich am Freitag an ein örtliches Gericht wandte, um mit einer Einstweiligen Verfügung den Abriss zu verhindern. Die Richterin lehnte den Eilantrag ab. Auch die Familie des verstorbenen Trainers reagierte. Der Abriss der Bronzefigur „dient nicht den Opfern von Jerry Sanduskys furchtbaren Straftaten“, argumentierte sie. Die einzige sinnvolle Anstrengung würde darin bestehen, die „ganze Wahrheit aufzudecken“, welche die von der Universität bezahlte Untersuchung durch den ehemaligen FBI-Direktor Louis Freeh allerdings keineswegs produziert habe.
Ursprünglich ein Bestseller, nun „radioaktiv“
Unterdessen hat das ramponierte Erbe von JoePa Auswirkungen bis auf den Buchmarkt. Hauptbetroffener ist der angesehene Sportjournalist Joe Posnanski, der Zeitungsberichten zufolge einen Vorschuss von 750.000 Dollar erhalten hatte, um - auf der Basis von Interviews mit dem Trainer - Paternos offizielle Biographie zu schreiben. Was ursprünglich ein Riesen-Bestseller zu werden versprach, ist nun „radioaktiv” (New York Times).
Nicht nur weil der geplante Untertitel revidiert werden musste, der Paterno als Amerikas erfolgreichsten Football-Coach aller Zeiten anpries; die Collegeaufsicht strich im Rahmen ihrer Strafaktion alle Siege von Penn State seit 1998 aus den Annalen. Sondern auch, weil sich die Frage stellt: Wie unabhängig ist dieses Buch? Oder wie blauäugig strickt der Autor weiter an der Legende eines angeblich unbescholtenen Meistertrainers? Verlagschef Jonathan Karp weiß, wie heikel die Lage ist. Der Freeh-Report habe „Leute wütend auf Joe Paterno“ gemacht und ein Klima erzeugt, in dem sich niemand mehr für die Lorbeeren des Trainers interessiert. Der ehemalige Assistent Sandusky wartet derweil noch auf sein Strafmaß. Ein Urteil wird nicht vor Ende August erwartet.