21.03.2010 · Macht und Nähe: Der Sport hat auf Täter eine besonders anziehende Wirkung. Sexueller Missbrauch ist verbreiteter als gedacht. Oft werden die Opfer alleingelassen. Aufklärungsarbeit der Vereine und Verbände ist mangelhaft.
Von Michael AshelmWolfgang D. galt als engagierter Sportsmann. Er war Nachwuchstrainer und Betreuer des örtlichen Judoklubs in Passau und bei Auswärtsturnieren immer gerne bereit, die Kinder zu fahren. „Ein wirklich hilfsbereiter Mensch“, wie es im Verein hieß. Ein schwerwiegender Irrtum mit schockierenden Folgen: Der Übungsleiter steht für einen der gravierendsten Fälle von sexuellem Missbrauch im Sport.
Weil er sich innerhalb von 15 Jahren in 211 nachgewiesenen Fällen an acht Jungen und einem Mädchen verging, wurde er im Januar zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Obwohl bereits lange zuvor durch frühere Ermittlungsverfahren und eine Bewährungsstrafe klare Anhaltspunkte vorlagen, wurde er dennoch vom Verein weiter als Judotrainer für die Kinder eingesetzt. Der Vorsitzende Richter sprach bei seiner Anklage nur von einer „Spitze des Eisbergs“.
Auch der Sport wird sich der Diskussion über sexuellen Missbrauch und die Kultur des Wegschauens stellen müssen. Während es derzeit bei der Kirche und in verschiedenen Schulorganisationen Tag für Tag zu neuen Enthüllungen kommt, werden mehr Lebensbereiche der Gesellschaft durchleuchtet. Dabei gehen Experten im Sport sogar von höheren Fallzahlen aus.
„In unserer Arbeit mit Opfern wird dieser Bereich wesentlich häufiger genannt als der Missbrauch in der Kirche“, sagt Ursula Enders. Sie ist Mitbegründerin von „Zartbitter“, der in Köln ansässigen ersten Opferorganisation in Deutschland für missbrauchte Jungen und Mädchen, und gehörte beim Weltkongress gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern schon zur deutschen Regierungsdelegation.
„Das Ausmaß ist größer als bekannt“
Ihre Einschätzung wird von anderen Organisationen, in denen sich Missbrauchsopfer zusammengetan haben, geteilt. „Das Ausmaß ist größer als bekannt“, sagt Ingo Fock vom bundesweit tätigen Verein gegen Missbrauch. „Aber Sportvereine und Sportverbände tun oft noch so, als ob bei ihnen nichts passieren würde. Die Opfer oder Eltern von betroffenen Kindern stehen diesen Institutionen dann meist hilflos gegenüber, weil das Thema totgeschwiegen wird.“
Gesicherte Zahlen über Missbrauchsfälle im Sport liegen nicht vor. Relevante Untersuchungen besagen, dass, auf die Gesamtpopulation bezogen, jedes vierte Mädchen und jeder elfte Junge vor dem 18. Lebensjahr sexuell missbraucht wird. Das Bundeskriminalamt registrierte im vergangenen Jahr insgesamt 16.000 Missbrauchsfälle, woraus Experten eine Dunkelziffer von rund 280.000 Fällen ableiten.
„Der Sport ist besonders betroffen“
27 Millionen Menschen sind Mitglieder in deutschen Sportvereinen, fünf Millionen davon Kinder bis 14 Jahre. Der Sport ist ein riesiges Betätigungsfeld und soll auf Täter eine besonders anziehende Wirkung haben. Ursula Enders berichtet von Pädosexuellen, die als gut vernetzte Seilschaften Vereine geradezu ausguckten für ihre Taten.
„Der Sport ist besonders betroffen, weil es oft zu engen körperlichen Kontakten – zum Beispiel bei Hilfestellungen – kommt. Es gibt gemeinsame Fahrten oder Trainingslager, und der Übungsleiter verfügt über eine besondere Machtposition“, sagt Ursula Enders. Zudem übernähmen Vereinsmitglieder auch ohne pädagogische Vorbildung oder Überprüfung schnell Aufgaben. Schon ein polizeiliches Führungszeugnis könne da weiterhelfen. Ein Drittel der Täter sind inzwischen Jugendliche unter 18 Jahren.
Fall Karel Fajfr sorgte für Aufsehen
Alle Formen sexualisierter Gewalt kommen im Sport vor. Im Leistungssport gibt es noch eine andere Ausprägung der Gewalt: erniedrigende Trainingsmethoden. Häufig treiben Trainer gerade Athletinnen in ein fatales Abhängigkeitsverhältnis. Psychischer Druck garantiert ihnen bedingungslose Gefolgschaft. Von einem früheren Bundestrainer gibt es die Aussage: „Das Verhältnis Trainer zu Sportlerin kann erst dann richtig leistungsfördernd sein, wenn es in der Grundstruktur dem des Zuhälters zur Prostituierten entspricht.“
Für Aufsehen sorgte einst der Fall des deutsch-tschechischen Eiskunstlauftrainers Karel Fajfr, der 1995 wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde. Zwei Funktionäre wurden wegen Beihilfe ebenfalls bestraft. Seit acht Jahren arbeitet Fajfr wieder als Trainer – im Eissportzentrum Oberstdorf. Derweil hat die Deutsche Eislauf-Union hat ein neues Problem: Eisläufer belasten einen anderen Spitzenfunktionär schwer.
„Wir waren plötzlich die Gejagten“
Was geht vor in Vereinen, Sportinternaten, Leistungszentren oder auch in Schulen? Vor zwölf Jahren war die erste und bisher einzige größere Studie zum Missbrauch im Sport erschienen. Die Autoren Birgit Palzkill und Michael Klein brachten erstmals die Fakten auf den Tisch. Der Deutsche Lehrerverband beschuldigte daraufhin beide, einen Berufsstand in Verruf gebracht zu haben. Heute stellt die Gesamtschullehrerin Birgit Palzkill fest, dass sich auch seither im Schulsport nicht viel verändert habe. Fortbildungen hätten „Orchideen-Status“, würden kaum wahrgenommen. Wenn ein Missbrauchsfall auftritt, wird weiterhin „geleugnet, bagatellisiert, das Opfer beschuldigt“.
Die Vertuschungstaktik und die Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle erschweren die Aufklärung. Vereinsvorstände und Übungsleiter werden ihrer Aufgabe als Schutzinstanz für die Minderjährigen dann nicht gerecht. In einem Interview in der Montagausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschreibt eine Mutter zweier Opfer aus Rosenheim, wie sich die Situation verkehrte: „Wir waren plötzlich die Gejagten und Nestbeschmutzer, die mundtot gemacht werden sollten.“ Außerdem gebe es bei der Strafverfolgung von sexuellem Missbrauch ein anderes Problem, sagt Ursula Enders. Oft habe man es mit Taten zu tun, die sich nicht im strafrechtlich relevanten Bereich abspielten, jedoch für Kinder und Jugendliche extrem belastend seien.
„Nehmen das Thema Prävention ganz wichtig“
„Wir brauchen endlich einen Verhaltenskodex als Norm, die festlegt, welches der adäquate pädagogische Umgang ist und wo der sexuelle Übergriff beginnt. Leider ist dies in den vergangenen Jahren trotz vieler guter Ansätze von der Bundesregierung nicht weiterverfolgt worden. Deutschland ist da rückständig“, sagt sie.
Es gibt natürlich einzelne positive Beispiele aus dem Sport. Der Landessportbund Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich intensiv mit der Thematik und hilft Opfern. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Fußball-Bund führen Kampagnen gegen Gewalt und Diskriminierung. Doch die Aufklärungsarbeit bei sexuellem Missbrauch ist mangelhaft. Ilse Ridder-Melchers, DOSB-Vizepräsidentin und zuständig für Frauen und Gleichstellung, sagt: „Wir nehmen das Thema Prävention ganz wichtig. Aber natürlich gibt es Handlungsbedarf.“ Damit auch ein Fall wie bei Wolfgang D. frühzeitig erkannt wird. Schon 2004 hatte eine Mutter vergeblich versucht, den Judotrainer anzuzeigen. Im Verein wurde sie als „Unruhestifterin“ abgestempelt.
Jetzt geht es aber richtig los...
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Rat an die FAZ: Nur nicht einschüchtern lassen
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