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Missbrauch im Sport Gegen das Schweigen und Vertuschen

27.03.2010 ·  Am vergangenen Montag hatte die Mutter zweier betroffener Söhne in einem Interview die Methode des Vertuschens bei sexuellen Handlungen gegen Kinder in einem Sportverein beschrieben. Die F.A.Z. hat sich nun entschlossen, die Namen zu nennen.

Von Michael Ashelm
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Am vergangenen Montag hatte die Mutter zweier betroffener Söhne in einem aufrüttelnden Interview die Methode des Vertuschens bei sexuellen Handlungen gegen Kinder in einem Sportverein beschrieben - anonym. „Diese schmutzige Angelegenheit sollte ganz einfach totgeschwiegen werden“, sagte sie. „Wir waren plötzlich die Gejagten und Nestbeschmutzer, die mundtot gemacht werden sollten.“ Die F.A.Z. hat sich nun entschlossen, die Namen zu nennen. Bei dem Verein handelt es sich um den Eishockeyklub der Starbulls Rosenheim. Als Sportbund Rosenheim gewann der Verein in den Achtzigern dreimal die deutsche Meisterschaft, heute spielt er in der Oberliga.

Im November 2002 führte eine Strafanzeige von Eltern zu einem Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen einen Jugendtrainer der Starbulls. Die damals sechs und acht Jahre alten Söhne von Sigrid Kumberger sowie vier weitere Jungen sagten vor der Staatsanwaltschaft aus, worauf dem zum Teil geständigen Beschuldigten aufgrund polizeilicher Ermittlungen Tathandlungen nachgewiesen werden konnten.

Der Verein hielt am Trainer fest

Dem staatsanwaltschaftlichen Verfahren waren von Oktober 2001 an Versuche mehrerer Eltern vorausgegangen, den Verein zum Handeln gegen den auffälligen Jugendtrainer (der beim gemeinsamen Duschen vor den Jungen sexuelle Handlungen vorgenommen haben soll) zu bewegen. Ohne Erfolg. Die Starbulls hielten bis Herbst 2002 an dem Übungsleiter fest. Der damalige erste Vorstand führt auch heute noch die Geschäfte und sagt auf Anfrage: „Das ist blanker Unsinn. Als wir vom Vorstand das erste Mal von den Vorwürfen hörten, haben wir den Trainer umgehend im Herbst 2002 innerhalb von 24 Stunden aus dem Verkehr gezogen“, behauptet Wilhelm Graue. Doch ist das wahr?

Der F.A.Z. liegen Aussagen mehrerer Eltern vor, die in eine andere Richtung deuten. Danach sollen schon 2001 Vorstandsmitglieder wie der Nachwuchsleiter über die Vorfälle informiert gewesen sein. Der zweite Vorstand habe im Oktober 2001 ein Duschverbot gegen den Trainer ausgesprochen, welches nach wenigen Tagen allerdings gebrochen worden sei. „Ein Vorstandsmitglied schlug uns später vor, dass wir den Verein verlassen könnten, wenn es uns nicht passen würde“, sagt Sigrid Kumberger.

Schriftliche Hilferufe

Der Fall bei den Starbulls lässt erahnen, wie sehr Betroffene bei Übergriffen ausgegrenzt werden. „Es kam im Verein zur Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle“, sagt Sigrid Kumberger. Auch nach der Sommerpause 2002 stand noch derselbe Trainer auf dem Eis. Der Fall gipfelte im September in einem Hausverbot für das Eisstadion gegen die Kumbergers sowie ein weiteres Elternpaar. Die Begründung des Klubs: Es sei „in unerträglicher und nicht hinnehmbarer Art und Weise“ versucht worden, „den Verein zur Entlassung des Trainers zu nötigen“. Den Brief unterzeichnete Wilhelm Graue. „Ich wollte mir nicht von einigen Eltern vorschreiben lassen, was ich zu tun habe“, sagt Graue heute zu den Gründen der Aussperrung, die erst nach zwei Jahren aufgehoben wurde.

Schriftliche Hilferufe der Kumbergers wegen des Hausverbots an die Rosenheimer Oberbürgermeisterin und die Stadträte blieben entweder unbeantwortet oder ohne Erfolg. Obwohl das Eisstadion in städtischem Besitz ist, blieb es beim Hausverbot des Vereins. „Ich konnte mich doch nicht in die Belange des Vereins einmischen“, sagt die Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU) heute. Auch ein Hinweis der Eltern an den zuständigen Bayerischen Eissport-Verband, dessen Vorsitzender damals der Polizeipräsident von Oberbayern war, führte nicht weiter. Dort heißt es nun ebenfalls: „Die Vereine sind in ihren Entscheidungen autark.“

Für Kinder extrem verletzend

Der Trainer verließ im Herbst 2002 den Verein und soll nach mehreren Stationen auch heute wieder eine Jugendmannschaft betreuen. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde im Mai 2003 eingestellt, weil das Fehlverhalten nicht den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs erfüllte. Der zuständige Staatsanwalt stellte allerdings in seiner abschließenden Bewertung der „erwiesenen Tathandlungen“ eine psychische Belastung der Kinder fest, die durch eine „entsprechende Reaktion des Vereins“ als Vertragspartner geregelt werden müsste.

Anerkannte Opferschutzverbände wie zum Beispiel „Zartbitter“ in Köln weisen darauf hin, dass sich Taten oftmals nicht im strafrechtlich relevanten Bereich abspielen, jedoch jeder pädagogischen Fachlichkeit widersprechen und für Kinder und Jugendliche bereits extrem verletzend sind. Sie fordern vom Gesetzgeber deshalb endlich eine Norm, die festlegt, wo der sexuelle Übergriff beginnt. Aufgrund der neuen Enthüllungen zu den Starbulls hat der SPD-Kreisverband Rosenheim Land am Donnerstag beschlossen, über die bayerische Landtagsfraktion den Antrag einzubringen, den angekündigten runden Tisch zur Problematik des sexuellen Missbrauchs in Bayern um den Sport zu erweitern.

Positionspapier des DOSB

Am Freitag brachte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ein „Positionspapier“ heraus, in dem er jede Form von Gewalt und Missbrauch „aufs Schärfste“ verurteilt und Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung anführt. Der DOSB sitzt mit am runden Tisch der Bundesregierung, der am 23. April erstmals zusammentritt.

Es gibt nicht viele Sportorganisationen in Deutschland, die sich bislang intensiv mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs beschäftigt haben. Auch das ist eine Erkenntnis, seit Enthüllungen um Übergriffe auf Jugendliche und Kinder vor allem bei der Kirche zur Überprüfung vieler Lebensbereiche der Gesellschaft führen. Die Bayerische Sportjugend ist 2005 in dieses Thema „eingestiegen“, versucht, Vereine „zu sensibilisieren und zu motivieren, etwas dagegen zu tun“, wie es der zuständige Bildungsreferent Wolfgang Ballester ausdrückt. „Der Tsunami, der in letzter Zeit über die katholische Kirche hereingebrochen ist, dürfte uns, so makaber das klingt, dabei unterstützen, die Prävention von sexueller Gewalt weiter voranzutreiben“, sagt er.

Mit Informationsmaterialien, Veranstaltungen, Fortbildungen, aber auch einer verbindlichen Selbstverpflichtung für angehende Übungsleiter im Nachwuchs-Breitensport baut die Jugendorganisation des Bayerischen Landes-Sportverbandes ihr Präventionsangebot sukzessive aus. Bislang war das Thema meist ein Tabu. „Bei uns gibt es so etwas nicht“, hörte man immer wieder. Die Klärung von Verdachtsmomenten sei nicht einfach, sagt Ballester. Manchmal trifft man auch auf eine „Mauer des Schweigens“. Wie in Rosenheim.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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