05.10.2005 · Von dieser Woche an werden sich die Auftritte der 15 Jahre alten Michelle Wie erstmals wirtschaftlich auszahlen. Das „Wunderkind“ aus Honolulu wird mit ein paar Federstrichen zu einer der wohlhabendsten Sportlerinnen der Welt.
Von Jürgen Kalwa, New YorkSie hat schon oft gegen die besten Frauen der Welt gespielt - und war mehrmals einem Sieg ganz nahe. Sie ist bereits fünfmal gegen hochqualifizierte Männer angetreten - und hat sich jedesmal ziemlich achtbar aus der Affäre gezogen. Auf diese Weise ist der amerikanische Teenager Michelle Wie bereits in jungen Jahren zu einem internationalen Medienstar geworden. Von dieser Woche an werden sich die mutigen Einsätze der fünfzehnjährigen Golferin mit dem stoischen Gesicht erstmals wirtschaftlich auszahlen.
Die Oberstufenschülerin aus Honolulu wird amerikanischen Zeitungsberichten zufolge an diesem Mittwoch mit ein paar Federstrichen zu einer der wohlhabendsten Sportlerinnen der Welt. Alles, was sie tun muß, ist, die von ihrer Agentur William Morris ausgehandelten Verträge mit den Weltfirmen Nike und Sony zu unterzeichnen, die ihr zusammen rund acht Millionen Dollar im Jahr garantieren werden, und sich zum Profispieler zu deklarieren.
Eine Ausnahmeerscheinung
Die Abschlüsse katapultieren die Tochter koreanischer Einwanderer nicht nur ins Spitzenfeld der Einkommensskala im kommerziellen Sport. Gleichzeitig erhält sie erstmals die Gelegenheit, Antrittsprämien und Preisgelder anzunehmen. Als Amateurspielerin waren Michelle Wie allein in der laufenden Saison bei insgesamt nur acht Damenturnieren wie dem Evian Masters im Juli in Frankreich, wo sie Zweite wurde, 663.000 Dollar entgangen. Mit dem Betrag stände sie heute auf dem elften Platz der Geldrangliste der Ladies Professional Golf Association (LPGA).
Der spektakuläre Erfolg der 1,82 Meter großen Ausnahmeerscheinung, die den kleinen Golfball mit einer der elegantesten Schwungbewegungen überhaupt 270 Meter weit schlägt, hatte sich schon vor zwei Jahren abgezeichnet. Damals spielte die Hawaiianerin zum ersten Mal bei einem der Top-Turniere der PGA-Tour in Honolulu gegen Männer und verpaßte nur knapp den Cut, der nach zwei Runden das Teilnehmerfeld reduziert. Bei einem Herren-Event in diesem Sommer im Bundesstaat Illinois war die Resonanz so enorm, daß die Veranstalter 10.000 mehr Eintrittskarten verkaufen konnten und der ausstrahlende Fernsehsender jeden ihrer Schläge und Putts live übertrug. Das Wirtschaftsmagazin "Fortune" wagte denn auch eine gewagte Prognose: "Sie wird die nächste große Geldmaschine im Sport."
Auf den Spuren von Tiger Woods
Ihre bisherige Bilanz auf dem Golfplatz liegt deutlich über der von Tiger Woods im selben Alter. Der Weltranglistenerste wurde in Amerika bereits früh als Wunderkind gefeiert und ist heute mit Werbeeinnahmen von rund 50 Millionen Dollar im Jahr der bestbezahlte Sportler der Welt. Michelle Wie rüttelt - noch - nicht an der Hierarchie der Männer, aber sie wirbelt das Lohngefüge bei den Frauen durcheinander. Denn sie verdient auf einen Schlag mehr als die mit Abstand beste Golferin der Welt. Die Schwedin Annika Sörenstam, die mit Firmen wie Mercedes-Benz und Callaway verbandelt ist, kommt bislang nur auf 5,2 Millionen Dollar. Mehr als Wie kassieren nach Angaben der Zeitschrift "Golf World" nur zwei Frauen: die beiden Tennisspielerinnen Maria Scharapowa (16,7 Millionen Dollar) und Serena Williams (11,6 Millionen Dollar).
Aufgrund ihrer koreanischen Abstammung ist die Amerikanerin, die am 11. Oktober ihren 16. Geburtstag feiert und danach bei der WM der Damen im kalifornischen Ort Palm Desert zum ersten Mal um Geld spielt, bereits jetzt in Asien sehr populär. So ist ihr nächster Auftritt bei einem Herrenturnier für Ende November in Japan geplant.
Schulabschluß in zwei Jahren
Sehr viel wird sich dennoch nicht sogleich an ihrem Leben ändern. Wie will noch knapp zwei Jahre bis zu ihrem High-School-Abschluß zur Schule gehen und in der Zeit einen eingeschränkten Turnierkalender spielen. Der maßvolle Einsatz liegt unter anderem an den Statuten der Ladies Professional Golf Association, die ein Mindestalter von 18 verlangen und nur selten Ausnahmen zulassen.
Der frühe Wechsel zu den Profis entlastet allerdings das Familienbudget. Vater B. J. Wie, ein Professor an der Universität Hawaii, und seine Frau hatten zuletzt rund 65.000 Euro pro Jahr für Golfstunden, Flugreisen und Hotels sowie für die Ausrüstung aufbringen müssen.