19.07.2010 · Ein Basketball-Märchen bei den Miami Heat: Erik Spoelstra, einst in Deutschland aktiv, legt einen unglaubliche Aufstieg hin. Aber für den Trainer könnte die neue Situation mit LeBron James und anderen Stars noch schwierig werden.
Von Jürgen Kalwa, New YorkMitunter treffen auf den Geschäftsstelle deutscher Basketballvereinen ausgefallene Anfragen ein. So wie jene Bitte im Herbst vor zwei Jahren, als sich ein amerikanischer Profiklub in der kleinen Ruhrgebietsstadt Herten meldete und um alte Fotos und Autogrammkarten seines neuen Trainers bat.
Der heißt Erik Spoelstra und hatte kurz zuvor überraschend die Verantwortung für die Profis der Miami Heat übertragen bekommen. Für die Presseabteilung der Heat ein Anlass, seine Vergangenheit zu dokumentieren, wozu auch zwei Jahre beim TuS Herten gehörten - als Aufbauspieler der ersten Mannschaft und Jugendtrainer.
Wenn man heute mit Erik Spoelstra über die Zeit in den neunziger Jahren spricht, wird der Profi nostalgisch, besonders bei der Erinnerung an das, was seinen Alltag prägte: „Die drei B's - Basketball, Busse und Bier.“ Der Sohn philippinischer und holländischer Vorfahren, der in Portland an der Pazifikküste groß geworden war, genoss den Abstecher nach Deutschland, bei dem er mit seinen Mannschaftskameraden stundenlang im Bus zu Auswärtsspielen unterwegs war: „Besser kann das Leben nicht sein, wenn man 23 ist.“ Und wenn in der NBA kein Platz für ihn ist.
Sensationeller Coup mit LeBron James
Was Spoelstra an spielerischen Mitteln fehlte, glich der Spielmacher mit enormem Einsatzwillen aus. Eine Eigenschaft, die ihm nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten zunächst einen Job ganz unten in der Klub-Hierarchie einbrachte - als Video-Koordinator. Ein Charakterzug, der seinen beharrlichen Aufstieg bei den Miami Heat bis in die Cheftrainerposition ermöglichte.
Vor wenigen Tagen wurde Spoelstra allerdings mit einer Aufgabe konfrontiert, bei der es nicht reicht, sich mit Fleiß und Energie in Fernsehaufzeichnungen und Taktikanalysen zu vertiefen. Sein Vorgesetzter Pat Riley, der nach fünf NBA-Trainertiteln nun als Chef die Geschicke des Klubs lenkt, verpflichtete in einem sensationellen Coup LeBron James.
Die 25 Jahre alte Jahrhundertbegabung zählt zu den drei größten Stars der Liga. Neben ihm holte der 65 Jahre alte Riley noch den hochqualifizierten Power Forward Chris Bosh ins Team. Die beiden sollen mit Mannschaftskapitän Dwayne Wade den Nukleus für eine Meistermannschaft formen, die in der Lage ist, die Top-Teams Los Angeles Lakers und Boston Celtics in den Playoffs aus dem Rennen zu werfen.
Rund 50 Millionen Dollar Jahresverdienst
Die Art und Weise, wie LeBron James seine Entscheidung inszenierte, nachdem er tagelang huldvoll in seinem Büro in Cleveland die Vertreter von zahlreichen Klubs empfangen hatte, war typisch für die Karriere des Superstars, der mit seinen Werbeverträgen rund 50 Millionen Dollar im Jahr verdient, obwohl er noch keine einzige NBA-Meisterschaft gewonnen hat.
James trat in einer einstündigen Sondersendung des Spartenkanals ESPN auf und erklärte, dass er die Cleveland Cavaliers verlassen wird und nach Süden zieht - zu seinen beiden Kumpels Wade und Bosh aus der Goldmedaillenmannschaft von 2008. Und zu einem Trainer, der Dwayne Wade nach dem verpatzten olympischen Turnier von Athen 2004 geholfen hatte, seine Wurftechnik zu verfeinern, und der als Taktikfuchs im Frühjahr 2006 entscheidenden Anteil daran hatte, dass Miami gegen Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks die schon verloren scheinende Finalserie noch umdrehte und den Titel gewann: Erik Spoelstra.
„Mentalität eines Sklavenhalters“
Einen Tag später wurden die „Big Three“ James, Wade und Bosh in ihren Trikots in Konfettiregen und Eisnebelschwaden 13.000 euphorischen Heat-Fans präsentiert. Der 39 Jahre alte Spoelstra saß in den Zuschauerrängen und genoss den Augenblick, der den nächsten Abschnitt in seiner Karriere einläutete.
Wie so oft, wenn viel auf dem Spiel steht, reagierten die Verschmähten ziemlich heftig. Der Eigentümer der Cleveland Cavaliers nannte die James-Entscheidung einen „feigen Verrat“. Der schwarze Bürgerrechtler und ehemalige Präsidentschaftskandidat Jesse Jackson wiederum geißelte Heat-Besitzer Dan Gilbert als rassistisch. In solchen Aussagen verberge sich die „Mentalität eines Sklavenhalters“. Die NBA sprach Anfang der Woche ein Machtwort. Gilbert wurde zu 100.000 Dollar Strafe verurteilt.
„Ich mag die Herausforderung“
Auch für Erik Spoelstra könnte die neue Situation noch schwierig werden. Schon jetzt spekulieren viele, wie lange es wohl dauern wird, bis sich sein Chef Pat Riley bemüßigt fühlt, die Mannschaft zu übernehmen. Riley hat schon einmal interveniert - im Winter 2005/2006 - was dem amtierenden Trainer Stan van Gundy den Job kostete, ihm jedoch den fünften Trainertitel in der NBA einbrachte. Spoelstras Vertrag läuft nur noch ein Jahr. Obendrein hatte sein Chef bereits im Mai durchblicken lassen, dass er wieder den Trainer geben würde, falls ein Star sein Kommen davon abhängig machen würde.
In der Öffentlichkeit werden Überlegungen über die Trainerfrage dementiert. Ob das stimmt? Spoelstra kann nichts anderes tun, als die Zweifler zu beschwichtigen: „In den Medien wird immer spekuliert, wenn man für einen Hall-of-Fame-Menschen wie Riley arbeitet“, sagte er neulich. „Ich mag die Herausforderung.“