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Mein Lieblingssport Ewiger Kampf gegen das Ich

Er war Meister und zog mit 22 Jahren die Kampfhandschuhe für immer aus. Der „Kabinentod“, wie im Box-Jargon das nervliche Versagen genannt wird, war zu grausam. Neun Liebeserklärungen: Teil sechs - Boxen.

© Jan Bazing

Sonst stets um Objektivität bemüht, bekennen sich in unser Serie neun Autoren zu ihrer großen Leidenschaft. Teil sechs - Boxen.

Norman Mailer, der der fachkundigste unter all den Schriftstellern war, die das Boxen lieben, hat einmal geschrieben: "Gibt es etwas Normaleres, als dass sich zwei Männer, austrainiert und mit dem unbedingten Willen zum Sieg, unter Beachtung gültiger Regeln, miteinander messen? Und jeder kämpft ja nicht nur gegen den Mann vor ihm - er kämpft gegen die eigene Müdigkeit, Mutlosigkeit, gegen die Verzweiflung und die Bitterkeit der drohenden Niederlage." Wer dieses Drama selbst im Ring durchlitten hat, sieht am Ring einen epischen Boxkampf mit anderen Augen, nachempfindenden Gefühlen und stiller Bewunderung.

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Die lähmende Versagensangst vor dem großen Favoriten der deutschen Junioren-Meisterschaft - und späteren Titelträger - hatte den angehenden Reporter in einen Schauspieler verwandelt. Feige hingelegt hat er sich in der ersten Runde, einen schweren K. o. simuliert, sich auszählen und aus dem Ring tragen lassen. Den Transport ins Krankenhaus hat sein schlechtes Gewissen gerade noch verhindert.

„Dort oben spielt das wahre Leben“

Drei Jahre später lag der mittlerweile junge Sportjournalist, der doch so unerschrocken im Sparring mit den Profi-Europameistern Conny Rudhof und Willy Quatuor oder Peter Müller den Schlagabtausch angenommen hatte, wieder am Abgrund seiner Seele. Wieder, diesmal im Endkampf um die deutsche Hochschulmeisterschaft, war diese hemmende Beklemmung größer als die Schlagkraft des routinierteren Gegenüber. Acht Sekunden blieben ihm am Boden zum Kampf mit sich selbst. Wieder Feigling? Oder Kerl? Ein innerer Ruck. Er stand auf und schlug den anderen k. o. Ein herrliches Gefühl. Er war Meister, gewann den Titel auch im folgenden Jahr gegen denselben Gegner und zog mit 22 Jahren die Kampfhandschuhe für immer aus. Bei allem Talent - der "Kabinentod", wie im Box-Jargon das nervliche Versagen genannt wird, war zu grausam.

Dieser doppelte Überwindungskampf, gegen das eigene Ich und gegen den anderen, haben seinen Respekt geprägt. Ihn faszinieren seitdem der Wille, der Mut, die Geschicklichkeit, das Selbstbewusstsein, all diese erforderlichen Charaktereigenschaften eines guten Boxers, um dem Ebenbürtigen keine Blöße zu bieten und ihn bei vollem Risiko zu besiegen. "Was wir machen, ist nur gespielt", hat mir Hollywood-Haudegen Burt Lancaster beim Jahrhundertkampf Ali gegen Frazier 1971 im Madison Square Garden zugeraunt. "Dort oben im Ring spielt das wahre Leben."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 
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