Home
http://www.faz.net/-gub-vzpj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Mein Lieblingssport Ewiger Kampf gegen das Ich

Er war Meister und zog mit 22 Jahren die Kampfhandschuhe für immer aus. Der „Kabinentod“, wie im Box-Jargon das nervliche Versagen genannt wird, war zu grausam. Neun Liebeserklärungen: Teil sechs - Boxen.

© Jan Bazing Vergrößern

Sonst stets um Objektivität bemüht, bekennen sich in unser Serie neun Autoren zu ihrer großen Leidenschaft. Teil sechs - Boxen.

Norman Mailer, der der fachkundigste unter all den Schriftstellern war, die das Boxen lieben, hat einmal geschrieben: "Gibt es etwas Normaleres, als dass sich zwei Männer, austrainiert und mit dem unbedingten Willen zum Sieg, unter Beachtung gültiger Regeln, miteinander messen? Und jeder kämpft ja nicht nur gegen den Mann vor ihm - er kämpft gegen die eigene Müdigkeit, Mutlosigkeit, gegen die Verzweiflung und die Bitterkeit der drohenden Niederlage." Wer dieses Drama selbst im Ring durchlitten hat, sieht am Ring einen epischen Boxkampf mit anderen Augen, nachempfindenden Gefühlen und stiller Bewunderung.

Mehr zum Thema

Die lähmende Versagensangst vor dem großen Favoriten der deutschen Junioren-Meisterschaft - und späteren Titelträger - hatte den angehenden Reporter in einen Schauspieler verwandelt. Feige hingelegt hat er sich in der ersten Runde, einen schweren K. o. simuliert, sich auszählen und aus dem Ring tragen lassen. Den Transport ins Krankenhaus hat sein schlechtes Gewissen gerade noch verhindert.

„Dort oben spielt das wahre Leben“

Drei Jahre später lag der mittlerweile junge Sportjournalist, der doch so unerschrocken im Sparring mit den Profi-Europameistern Conny Rudhof und Willy Quatuor oder Peter Müller den Schlagabtausch angenommen hatte, wieder am Abgrund seiner Seele. Wieder, diesmal im Endkampf um die deutsche Hochschulmeisterschaft, war diese hemmende Beklemmung größer als die Schlagkraft des routinierteren Gegenüber. Acht Sekunden blieben ihm am Boden zum Kampf mit sich selbst. Wieder Feigling? Oder Kerl? Ein innerer Ruck. Er stand auf und schlug den anderen k. o. Ein herrliches Gefühl. Er war Meister, gewann den Titel auch im folgenden Jahr gegen denselben Gegner und zog mit 22 Jahren die Kampfhandschuhe für immer aus. Bei allem Talent - der "Kabinentod", wie im Box-Jargon das nervliche Versagen genannt wird, war zu grausam.

Dieser doppelte Überwindungskampf, gegen das eigene Ich und gegen den anderen, haben seinen Respekt geprägt. Ihn faszinieren seitdem der Wille, der Mut, die Geschicklichkeit, das Selbstbewusstsein, all diese erforderlichen Charaktereigenschaften eines guten Boxers, um dem Ebenbürtigen keine Blöße zu bieten und ihn bei vollem Risiko zu besiegen. "Was wir machen, ist nur gespielt", hat mir Hollywood-Haudegen Burt Lancaster beim Jahrhundertkampf Ali gegen Frazier 1971 im Madison Square Garden zugeraunt. "Dort oben im Ring spielt das wahre Leben."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Joan Didion zum Achtzigsten Das Leben hat noch jeden ans Messer geliefert

Keine Autorin hat ihren Schmerz und ihre Trauer ähnlich radikal seziert wie die Essayistin Joan Didion. Über eine große Autorin, die ihren Vorteil in ihrer Unscheinbarkeit sieht und heute achtzig Jahre alt wird. Mehr Von Sandra Kegel

04.12.2014, 17:05 Uhr | Feuilleton
Moskau Mickey Rourke boxt wieder

Der Schauspieler steigt in Moskau in den Ring, mit einem Gegner der weniger als halb so alt. Mehr

28.11.2014, 20:36 Uhr | Sport
Verpfuschte Hinrichtung Es war eine blutige Sauerei

Nach einer verpfuschten Hinrichtung kämpfte Clayton Lockett 43 Minuten lang gegen den Tod. Neue Dokumente zu der Trägodie stellen den Arzt als schlimmen Pfuscher dar, der obendrein noch geschmacklose Sprüche klopfte. Mehr

14.12.2014, 14:43 Uhr | Gesellschaft
Kunst und Wissenschaft Klangwelten

Kunst und Wissenschaft. Zwei Bereiche, so denkt man, mit scheinbar sehr verschiedenen Herangehensweisen: Mit Wissenschaft wird Berechenbarkeit und Objektivität assoziiert, mit Kunst Spontaneität und Subjektivität. Ganz unbestreitbar teilen Kunst und Wissenschaft aber Kreativität und Neugier. Wir haben uns dem Thema Klang aus beiden Perspektiven genähert. Mehr

08.11.2014, 10:23 Uhr | Feuilleton
Kampf gegen Uwe Hück Henry Maske steigt wieder in den Ring

Henry Maske kehrt nochmal in den Boxring zurück. Ein einziges Mal, und für einen guten Zweck. Der 50 Jahre alte Olympiasieger duelliert sich am 25. Juli mit dem Betriebsratsvorsitzenden von Porsche. Mehr Von Michael Eder

04.12.2014, 17:09 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2008, 09:32 Uhr

Nichts gegen Betrug

Von Christoph Becker

Die Doping-Enthüllungen zeichnen ein düsteres Bild des russischen Spitzensports – und des globalen Anti-Doping-Kampfes. Solange die Strippenzieher im Hintergrund wirken, wird sich daran nichts ändern. Mehr 7 4