30.03.2007 · Ein Comeback mit 43 Jahren, zumal nach zehnjähriger Ringabstinenz, ist so ziemlich das Unvernünftigste, was einer wie Henry Maske, der stets das Für und Wider abzuwägen pflegte, machen kann. Von Hans-Joachim Leyenberg.
Von Hans-Joachim LeyenbergVielleicht muss man Boxer sein oder gewesen sein, um zu begreifen, was in Henry Maske vorgeht. Ein Comeback mit 43 Jahren, zumal nach zehnjähriger Ringabstinenz, ist so ziemlich das Unvernünftigste, was einer wie Maske, der stets das Für und Wider abzuwägen pflegte, machen kann. Dieser Sport kann, dafür gibt es immer wieder neue Beispiele, die Wirkung einer Droge haben. Wer nicht boxt, so das gern bemühte Argument, könne schwerlich mitreden. Bisweilen hören sich Preisboxer wie die Glaubensbrüder einer verschworenen Kaste an.
Der einstige Schwergewichtschampion Frank Bruno schildert in seinem Buch „Frank“ frank und frei, wie es ist, wenn einen der Thrill vor dem Kampf erfasst: Ein Gefühl, das sich nicht kaufen lässt, dieser Hochgefühl, da oben im Scheinwerferlicht zu stehen, einer von ganz wenigen zu sein. Ein Goldfisch in einem Aquarium. 24 Stunden am Tag, 356 Tage im Jahr. Bestimmt vom Trainingsrhythmus, „der dich auch dann nicht mehr loslässt, wenn du nicht mehr Preisboxer bist“.
Fitter als Hill
Henry Maske hat sich über all die Jahre fit gehalten. Vielleicht sogar fitter als Virgil Hill. Jener Mann, gegen den er im November 1996 seinen Weltmeistertitel im Halbschwergewicht verloren hat. Der Amerikaner hat weitergemacht, selten geglänzt, an Gewicht zugelegt – für die Revanche an diesem Samstag in der Münchner Olympiahalle hat er im Laufe der letzten Monate an die zwanzig Kilogramm abtrainiert. Hill hat gelernt, mit dem Jojo-Effekt zu leben: Den WM-Gürtel von München verlor er sieben Monate später an Dariusz Michalchewski; er hat es eine Gewichtsklasse höher versucht, ist dort Weltmeister geworden.
Ruheständler Maske hat der Statistik getrotzt, die besagt, das der deutsche Mann zwischen seinem 30. und 40. Lebensjahr im Schnitt sieben Kilogramm Körpergewicht zulegt. Maske ist in Form geblieben. Jetzt will er Hill zeigen, dass er derjenige ist, der besser über die Jahresrunden gekommen ist. Er lässt es seine Umgebung in gedrechselten Sätzen wissen, die bisweilen so umständlich sind wie seine Art, sich dem Gegner zu widmen. Maske war nie einer, der das Publikum per Schlaghagel im Sturm erobert hat, er gewann es mit der Summe der Schläge. Er sezierte den Gegner, er reduzierte ihn, aber der K.o blieb die Ausnahme.
Unansehnlicher Kampf
Sein Kampf damals in München gegen Hill war eine unansehnliche Angelegenheit. Es wurde viel geklammert, keiner der beiden, kam, salopp gesagt, zu Potte. Dem Duell, obwohl doch das letzte Gefecht des Henry Maske angekündigt war, fehlte der ultimative Charakter. Die Neuauflage verspricht aktionsreicher zu werden. „Bei beiden haben die Reaktionen nachgelassen, und deshalb werden beide öfters getroffen“, prophezeit Wilfried Sauerland, zu Maskes Hochzeiten dessen Promoter. Schöne Aussichten.
Getroffen werden. Genau das hat der in der DDR so gründlich ausgebildete Maske bei seinen elf Titelverteidigungen weitgehend vermieden. Durch seine Boxstil reduzierte der ehemalige Weltmeister und Olympiasieger das Risiko, ein geschicktes Management tat mit der Auswahl seiner Gegner und ausschließlich Heimspielen sein übriges.Vor dem Maske-Experiment, den Lauf der Zeit zurückzudrehen, ist nie kontroverser über die Gründe für die Rückkehr und über den Ausgang der Revanche diskutiert worden. Wer Maskes Comeback ausschließlich finanziell motiviert sieht, macht es sich zu einfach. Ein Evander Holyfield etwa kann ebenso wenig von der Droge Boxen lassen wie einst George Foreman, der nach neun Jahren und 356 Tagen in den Ring zurückkehrte – und siegte. Allerdings versuchte sich der schwergewichtige Amerikaner gegen einen sogenannten Aufbaugegner, und er war zudem bei seinem Comeback fünf Jahre jünger als Maske heute. Erst weitere 25 Kämpfe später forderte Foreman einen Weltmeister heraus – und verlor.
Alles im Plan?
Maske ist nicht der Mann, der viel darauf gibt, was andere in vergleichbarer Situation vor ihm zustande gebracht haben. Deshalb lässt ihn das abschreckende Bild kalt, das Axel Schulz bei seiner Rückkehr in das Seilgeviert abgegeben hat. ,,Jetzt kann ich eine positive und sachliche Anspannung finden“, sagt er in diesen Tagen. Was will uns der Athlet damit sagen? Alles im Plan.
Hill ist anders, Hill ist direkt, Hill will Spaß und den definiert er über die Höhe der Börse. Er albert gern herum, schneidet Grimassen. Gewiss, er hat auch trainiert, aber längst nicht so verbissen wie der preußische, pflichtversessene Maske. Als sie bei der Pressekonferenz in München auf dem Podium saßen, reichte Hill dem Gegner eine Bierflasche, wohlwissend, wie die Geste ankommen würde. Der Asket Maske ließ wissen: Das ist nicht mein Bier.
Hill ist sich seiner Sache so sicher wie schon so viele Amerikaner in Germany, die kamen, boxten und verloren. Unlängst haben Hill und seine Korona im Münchner „Augustinerkeller“ eine Zeche von 800 Euro gemacht. Maske samt seinem Trainer Manfred Wolke kann das nur recht sein. Hill ist satt, Maske hungrig; er fühlt sich, was Ruhm und Ehre angeht, auf Entzug. Da besteht Nachholbedarf.
Bei Frank Bruno führte die Ring-Abstinenz zu Schlafstörungen. Abhilfe wurde erst geschaffen, nachdem er jenen Ring gekauft hatte, in dem er Weltmeister geworden war. Eine Zeitlang diente er als sanftes Ruhekissen. Der Meister von einst hatte seinen Frieden gefunden. Man man den Briten als schlichtes Gemüt abtun, aber für die These von der Droge Boxen gibt es, wenn es sein muss, auch intellektuelle Kronzeugen. Etwa Loic Wacquant, Professor für Soziologie in Berkeley. Einmal eingetaucht in die Boxszene im schwarzen Getto von Chicago, war er nach dem Praxisversuch als Amateur „so überwältigt, dass ich zeitweilig sogar daran dachte, meine Universitätslaufbahn zu unterbrechen und in das Lager der Profiboxer zu wechseln“. Nachzulesen in „Leben für den Ring“, erschienen in der UVK Verlagsgesellschaft.
Rückfällig geworden
Maske ist irgendwo zwischen dem Fighter Bruno und dem Professor Wacquant anzusiedeln. Ein kopfgesteuerter Boxer, zu dessen Anforderungsprofil es gehört, dem Gegner etwas vorzumachen. Maske wäre aber nicht der erste Fighter, der sich selber etwas vormacht, um noch einmal das Gefühl von Größe und Erhabenheit zu inhalieren. Einen Selbstbetrug hat er bereits hinter sich, da er diesen einen Kampf macht, obwohl er seinen Rücktritt erklärt hatte. Ein Mann, ein Wort, das gilt nicht mehr. Jetzt soll es noch das eine Duell für das Seelenheil werden. Vielleicht kommt er dabei tatsächlich gut über die Runden. Die Prognose für Suchtgefährdete? Ende offen.
Freue mich auf den Kampf
Arthur Stein (Stein.A)
- 31.03.2007, 14:35 Uhr