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Marcel Hacker Starker Zug auf dem Wasser

25.08.2006 ·  Diesen Samstag setzt Marcel Hacker ein Rennen fort, das vor drei Jahren begann. Er war Weltmeister, er will es wieder werden. Sein Boss, Bahn-Chef Mehdorn hat den Industriemechaniker persönlich freigestellt. Dafür muß er Bericht erstatten.

Von Christian Eichler, Eton
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„Kennst du den?“ fragt Marcel Hacker. Aber er erzählt keinen Witz. Er setzt die Spitzen der Zeigefinger an seine Jochbeine, zieht die weiche Haut nach unten, dreht die Augäpfel ganz nach oben. Unter dem kahlgeschorenen Schädel sieht man jetzt nur noch das Weiße, das Blutunterlaufene in den Augen.

Es ist das Gesicht des Ruderers im Ziel. Es ist Hackers Antwort darauf, wie man sich fühlt nach knapp sieben Minuten mit rund 240 Zügen, deren letzte wie Messer sind, die in brennende Muskeln gestoßen werden.

Einzelkämpfer unter sich

Was in diesem Zustand passiert, ist nicht immer kontrollierbar. Schon gar nicht vorhersehbar. Am Donnerstag zum Beispiel hat Marcel Hacker kurz vor dem Ziel einen „Krebs“ gefangen, den Schrecken jedes Ruderers. Es war ein Konzentrationsfehler, das Blatt seines Skulls kam zu weit unter Wasser, geriet fast außer Kontrolle. Und das ausgerechnet im „wichtigsten Rennen des Jahres“, wie sein Trainer Andreas Maul sagt: im Halbfinale der Weltmeisterschaft.

Titelverteidiger Cliff Drysdale aus Neuseeland zog vorbei, aber Hacker fing sich und qualifizierte sich als Zweiter für den Endlauf. „Kann passieren“, sagt er über das Malheur. „Nur eins kann nicht passieren: aufgeben. Oder nur dran denken.“

Gratwanderung im schmalen Boot

Einer-Ruderer sind eine besondere Spezies. „Es ist das härteste Geschäft“, sagt Michael Müller, der Sportdirektor des Deutschen Ruder-Verbandes. Müller garantierte Hacker den WM-Startplatz, als der sich im Sommer an der Leiste operieren ließ. Hacker will mit einer Medaille danken. „Er ist so stark wie nie“, sagt Maul über den Weltmeister von 2002.

Nur das Renngefühl fehle nach der Pause vielleicht noch ein wenig, findet Müller, dieses Gespür für die Dosierung der Extremleistung, die man nur im Wettkampf, nicht im Training findet. „Das Vollgas am Start ein paar Sekunden zu lang gehalten, dann geht am Ende nichts mehr“, schildert Müller den einen Abgrund der Gratwanderung im schmalen Boot. Der andere: Ein bißchen zu viel gespart am Anfang oder zu lang gewartet am Schluß mit dem Spurt, dann endet auch das im Absturz.

Von Mehdorn abkommandiert

Mit seinem sprunghaften Verhalten scheint Hacker das Klischee des unwägbaren Einzelgängers zu bedienen, das den Solisten im Boot anhängt. Doch er sagt: „Ich bin kein Außenseiter. Im Winter trainiere ich auch mit den anderen Ruderern.“ Müller stellt ihn gar als Vorbild für seine anderen Athleten heraus, „um sie zu überzeugen, auch voll professionell zu arbeiten“. Dabei ist Profi ein Begriff, „den man im Rudern nicht gern hört“, wie Maul sagt. Im Einer aber geht es nicht mehr anders.

Hacker lobt brav diejenigen, die ihm die Konzentration auf die einsame Quälerei ermöglichen. Den Verband. Die Sporthilfe: „Ich bin stolz, den Adler nach außen zu zeigen. Ich bekomme von Papa Staat ja auch mein Geld.“ Und vor allem die Deutsche Bahn, bei der der 29 Jahre alte Industriemechaniker beschäftigt ist.

Liegestützen gegen Herzrasen

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat ihn persönlich freigestellt bis mindestens Olympia 2008 - abkommandiert vom Schienenverkehr zum Dienst auf dem Wasser. „Ohne Mehdorn könnte ich nicht wie ein Profi arbeiten“, sagt er. Dafür muß Hacker einmal im Jahr Bericht erstatten, persönlich beim Boss, der selber mal Einer-Ruderer war. Einzelkämpfer unter sich.

Vor dem Weltcup in Posen Ende Mai spürte er die Schmerzen in der Leiste, wurde trotzdem Dritter. Er entschied sich zur Operation. Sie verlief gut, nur die Ruhe bekam ihm nicht. Man hätte gern das Gesicht des Arztes gesehen, der das Krankenzimmer betrat und den operierten Patienten bei Liegestützen auf dem Boden vorfand. „Mußte sein“, sagt Hacker, „gegen das Herzrasen, den hohen Blutdruck“, mit dem sein Herz auf die ungewohnte Untätigkeit reagierte. Zehn Liegestütze, dann war der Puls wieder runter. Während er bei anderen durch die Kraftübung hochginge. „Ist halt ein Rennmotor“, sagt Hacker. Acht Wochen Sportpause wird nach Leistenoperationen empfohlen. Fünf Tage nach der OP saß Hacker wieder im Boot.

Erst ein Norweger, dann Treibholz

Nur nicht lockerlassen. Diesen Samstag im WM-Finale setzt er ein einsames Rennen fort, das vor drei Jahren begann. Das Rennen dorthin, wo er mal war. Er war der Weltmeister, er war in 45 Rennen ungeschlagen, dann kam die WM 2003 in Sevilla, auf den letzten Metern überholte ihn der Norweger Olaf Tufte wie aus dem Nichts. Es blieb nicht spurlos. Ein Jahr später, 2004 in Athen, verpaßte Hacker das olympische Finale. 2005, bei der WM in Japan, stoppte ihn die Kollision mit einem Stück Treibholz. 2006 könnte das Jahr sein, alte Schäden zu beheben.

Quelle: F.A.Z. vom 26. August 2006
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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