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Marathonläufer Gebrselassie "Wir werden ja sehen, wer am Ende alt aussieht"

24.09.2011 ·  Haile Gebrselassie ist der schnellste Marathonläufer der Welt. In Berlin strebt er wieder eine Spitzenzeit an. Im Interview spricht der Äthiopier über sein Lächeln und das Elend in seiner Heimat.

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© dpa Seriensieger Haile Gebrselassie: Berlin-Marathon 2009

Haile Gebrselassie ist nicht nur der schnellste Marathonläufer der Welt, sondern auch der bekannteste. Beim Berlin-Marathon ist der kleine Äthiopier Stammgast und Seriensieger, Gold bei Olympia fehlt ihm allerdings noch. Bei allem Trainingseifer kümmert sich der 38-Jährige aber keineswegs nur ums Laufen, sondern auch die Menschen in seiner Heimat.

Wie kommt es, dass Sie beim Laufen immer lächeln?

Ich glaube, das ist einfach mein Charakter. Wenn ich beim Sport oder beim Business ein Problem oder eine Herausforderung habe, muss ich einfach lachen. Ich kann das gar nicht kontrollieren. Ich weiß nicht, woran es liegt. (lacht)

Schätzen Sie mal: Wie viele Kilometer sind Sie in Ihrem Leben gelaufen?

Oh, schwierig. Als ich noch 5000- und 10.000-Meter-Läufer war, bin ich durchschnittlich 25 Kilometer pro Tag gelaufen. An sieben Tagen in der Woche. Seit acht, neun Jahren laufe ich Marathon. Seitdem laufe ich täglich etwa 35 Kilometer. Aber ich laufe schon, seitdem ich vier Jahre alt bin. Damals noch unfreiwillig. Zehn Jahre lang bin ich fünf Mal in der Woche jeden Tag zehn Kilometer zur Schule gelaufen und zehn Kilometer zurück. Wenn ich so weitermache, werde ich vielleicht der erste Mensch sein, der einmal um die Welt gelaufen sein wird. Ich muss das mal ausrechnen. Mit vier habe ich angefangen, jetzt bin in 38 . . .

Sind Sie wirklich 38? Viele Leute sagen, Sie seien älter.

Was glauben Sie denn, wie alt ich bin? 20? 45? Die Leute reden viel. Mir ist das egal. Ich weiß, dass ich 38 Jahre alt bin. Die Frage ist, wie lange ich noch weiterlaufen kann. Die meisten meiner Freunde haben nach mir angefangen und haben schon vor zehn Jahren aufgehört. Ein paar sind noch ein bisschen länger gelaufen, haben aber keine guten Zeiten mehr geschafft.

Und wieso gehören Sie in Ihrem Alter noch zur Weltspitze? Was ist Ihr Geheimnis?

Disziplin! Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch und nehme mein Training sehr ernst. Aber auch ich merke, dass mir das Laufen und das Training nicht mehr so leicht wie früher fallen. Früher habe ich mich zwischen meinem Morgentraining und meinem Training am späten Nachmittag schneller erholt. Heute Morgen bin ich zweieinhalb Stunden im Regen auf dem Entoto (Anmerkung: Addis Abebas 3200 Meter hoher Hausberg) gelaufen. Es war schrecklich! Die Wege waren sehr rutschig. Um neun Uhr musste ich hier im Büro sein, um Sie zum Interview zu treffen, um zehn habe ich den nächsten Termin, und so geht das den ganzen Tag weiter. Wenn ich um 17 Uhr zur zweiten Trainingssession ins Fitnessstudio gehe, werde ich sehr müde sein. Aber das liegt nicht an meinem Alter, das liegt daran, dass ich zu viel arbeite.

Glauben Sie, dass der Marathon jemals unter zwei Stunden gelaufen werden kann?

Auf jeden Fall. Das ist nur eine Frage der Zeit. Es wird spätestens in 25 Jahren passieren.

Aber in 25 Jahren werden selbst Sie nur noch zugucken. Glauben Sie, dass Sie vorher noch mal Ihren eigenen Marathon-Weltrekord verbessern können?

Auf jeden Fall, keine Frage. Aber dafür braucht man Erholungspausen. Zumindest mentale. Aber die habe ich hier im Büro nicht.

Warum arbeiten Sie dann nicht einfach weniger?

Das kann ich nicht machen. Ich habe unter anderem ein großes Hotel, ein Fitnessstudio, ein Kino, ich importiere Hyundais nach Äthiopien und mache Immobiliengeschäfte. Ich trage die Verantwortung für 640 Angestellte. Ich kann nicht einfach alles dichtmachen, ich kann nicht mit meinen Leuten spielen. Vor allem, seitdem wir das Hotel eröffnet haben (das Fünf-Sterne-Hotel „Haile Resort“ im südäthiopischen Awassa). Ich kann doch nicht mich alleine wichtiger nehmen als alle meine Angestellten zusammen. Ich muss jeden Monat ihre Gehälter und die laufenden Kosten zahlen. Das ist nicht einfach. Denken Sie doch nur mal an die Inflation. Jeden Tag schießen die Preise für alles in die Höhe. Das ist vor allem für meine Angestellten hart, sie sind für mich wie meine Familie. Aber auch ich muss kämpfen.

Aber Sie sind sehr reich.

Ich habe die Bedeutung des Wortes „reich“ nie verstanden. Was heißt das? Sie können gerne mal einen Blick auf meinen Kontoauszug werfen. Da ist nicht viel. Was habe ich schon? Ich habe alles investiert. Das ist nicht viel übriggeblieben. Die Leute müssen denken, ich bin total reich. Come on, sagt das nicht.

Klingt so, als hätten Sie kaum noch Zeit zum Laufen. Nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele in London statt. Mittlerweile haben Sie sehr viele gute, viel jüngere Konkurrenten in Äthiopien. Werden Sie die Qualifikation schaffen?

Das werden wir sehen. Sowohl für mich als auch für die Youngsters wird das eine große Herausforderung. Aber ich will das Unmögliche möglich machen. Die Leute sagen: Haile Gebrselassie - der ist doch jetzt alt. Aber wir werden ja sehen, wer am Ende alt aussieht. Ich weiß, es wird nicht einfach, aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann.

Am 25. September laufen Sie den Berlin-Marathon. Machen Sie das nur, um sich für London zu qualifizieren? Oder treten Sie an, um Ihren eigenen Weltrekord, den Sie in Berlin aufgestellt haben, zu verbessern?

Ich will eine gute Zeit laufen, und ich will mich für London qualifizieren. Ich habe Berlin gewählt, weil es ein schneller Marathon ist und weil ich die Strecke gut kenne. Ich weiß, wo ich Gas geben muss und wo ich zurückschalten muss.

Nachdem Sie im vergangenen Jahr beim New York Marathon mit Knie-Problemen ausgeschieden sind, haben Sie Ihre Karriere überraschend beendet und dann . . .

. . . habe ich einen Rückzieher gemacht.

Warum?

Als ich nach Hause kam, waren alle schockiert und haben mir Vorwürfe gemacht. „Warum, Haile?“, haben sie mich gefragt. „Warum nicht“, habe ich gesagt. Aber die Leute haben gesagt: „Du bist Haile Gebrselassie. Wir akzeptieren, wenn du aufhörst, aber nicht so.“ Meine Familie hat meine Entscheidung akzeptiert, aber dann habe ich im Radio zwei Stunden lang eine Sendung gehört, in der die meisten Anrufer „So nicht!“ gesagt haben - und dann habe ich wieder angefangen zu trainieren. Zuvor war ich eine Woche lang so gut wie gar nicht gelaufen. Ich weiß nicht, wann das das letzte Mal vorgekommen ist. Aber es lag auch daran, dass ich Probleme mit dem Knie hatte. Ich habe immer noch ein bisschen Flüssigkeit im Gelenk, aber es tut nicht weh, das ist schon okay.

Ihr Manager hat einmal gesagt, dass Sie noch schneller sein könnten, wenn Sie sich besser ernähren würden. Weniger Zucker, weniger Fett. Stimmt das?

Ich weiß nicht. Es stimmt, dass ich keine Profi-Diät einhalte. Ich esse, was ich will. Das habe ich immer so gemacht. Es kann also sein, dass er ein kleines bisschen recht hat.

Woran liegt es, dass so viele Äthiopier so gute Läufer sind?

Das hat viele Gründe. Die Höhe spielt eine Rolle. Wenn du länger nicht in Äthiopien gewesen bist, hast du die erste Woche Probleme mit der dünnen Luft. Aber haben Sie sich schon mal gefragt, warum es keinen guten Athleten aus Addis Abeba gibt? Alle guten Läufer kommen vom Land. Laufen gehört dort einfach zum Leben. Was machen die Leute in der Stadt? Sie nehmen den Bus oder das Taxi. Auf dem Land gibt es das nicht. Die Leute laufen. Das Training beginnt, wenn die Kinder das Laufen lernen. Und auf dem Land gibt es kein Junk-Food, keine Süßigkeiten. Die Leute backen ihr eigenes Brot, trinken frische Milch von Kühen, die nur unbehandeltes Gras fressen. Der technische Fortschritt verdirbt uns auch. Ich kann den Unterschied schon zwischen mir und meinen Kindern sehen. Als ich so alt wie sie war, bin ich jeden Tag zehn Kilometer zur Schule und zurück gerannt. Nach der Schule habe ich meinen Eltern auf dem Feld geholfen. Meine älteren Kinder gehen jetzt zur Schule und haben was zu tun, aber der Jüngste sitzt nur rum und spielt. Stell dir das mal vor! Wie wird das erst mit meinen Enkelkindern? Das wird schlimmer!

Aber wenn Äthiopien sich - wie von Ihnen prophezeit - entwickelt, heißt das nicht, dass es in Zukunft . . .

. . . immer weniger gute Läufer gibt. Richtig.

Was ist Ihnen wichtiger: die Entwicklung Äthiopiens auf Kosten der Läufer oder gute Läufer auf Kosten der Entwicklung?

Die Entwicklung des Landes ist wichtiger. Eindeutig. Und das Gute ist: Die anderen Länder entwickeln sich ja auch weiter. Die Finnen waren zum Beispiel in den 1920er Jahren sehr stark. Warum gibt es jetzt keine finnischen Läufer mehr? Weil das Leben in Finnland sich verändert hat.

Vielen Menschen fallen zu Äthiopien nur Haile Gebrselassie, Haile Selassie und Hunger ein. Woran sollten sie noch denken, wenn sie an Äthiopien denken?

Natürlich haben wir Probleme, aber guck dir doch mal die Länder an, die jetzt reich sind. Vor hundert Jahren ging es ihnen so wie uns oder vielleicht noch schlechter. Ich bin mir sicher, dass wir eine gute Zukunft vor uns haben. Warum würde ich sonst hier leben? Ich könnte überall leben, aber ich investiere hier, weil ich an Äthiopien glaube. Die Menschen brauchen Essen, ein Dach über dem Kopf und Hoffnung. Ohne Hoffnung gibt es kein Leben.

Wegen der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren sind momentan 4,5 Millionen Menschen in Äthiopien auf Lebensmittelhilfslieferungen angewiesen. Babys und Kinder verhungern. Ist es da leicht, hoffnungsvoll zu bleiben?

Die Situation macht mich sehr traurig. In den Dürregebieten hat es teilweise seit über einem Jahr nicht geregnet. Das Wetter können wir nicht ändern, aber wir können uns dem Wetter anpassen. Bislang leben die Leute dort von Viehzucht und Landwirtschaft. Aber das funktioniert dort nicht. Es gibt kein Wasser und kein Gras, die meisten Tiere sind gestorben, und die nächste Dürre kommt bestimmt. Wenn das Klima sich ändert, müssen wir uns auch ändern. Wir müssen über Alternativen zur Landwirtschaft wie Fabriken nachdenken. Es gibt jede Menge Möglichkeiten. Andere haben vorgemacht, dass es geht. In Saudi-Arabien regnet es auch sehr selten, trotzdem geht es den Menschen dort besser.

Das klingt sehr staatsmännisch. Tatsächlich wünschen sich viele Äthiopier, dass Sie irgendwann ihr Präsident werden. Können Sie sich das vorstellen?

Puh, mich macht ja schon die Verantwortung, die ich für meine 640 Angestellten trage, fertig. Wie soll das erst werden, wenn ich Verantwortung für über 80 Millionen Menschen übernehmen soll? (lacht) Dieses Land zu regieren, ist nicht einfach. Deutschland zu regieren ist viel, viel einfacher, als Äthiopien zu regieren. Stimmt's? Aber ich würde es dennoch sehr gerne machen. Dies ist mein Land, ich will etwas für Äthiopien erreichen. Ich habe den Wunsch und die Hoffnung, dass es Äthiopien irgendwann so gut geht wie den Ländern, die ich in Europa, Amerika und Asien gesehen habe.

Sie sind nicht nur Weltklasse-Sportler, einer der erfolgreichsten Geschäftsleute in Äthiopien und vielleicht irgendwann Präsident dieses Landes. Sie sind auch Vater von vier Kindern. Wie kriegen Sie Sport, Business und Familie unter einen Hut?

Wenn ich morgens zu meiner ersten Trainingseinheit gehe, schlafen die Kinder noch. Wenn ich zurückkomme, sind sie schon in der Schule. Aber ich sehe sie jeden Abend, und dann gucke ich, was sie in der Schule gelernt haben und ob sie ihre Hausarbeiten gemacht haben. Beim Abendessen ist dann Zeit für Gespräche. Die Kinder gehen gegen neun Uhr zu Bett, und eine halbe Stunde später liege ich auch im Bett. Spätestens um 22 Uhr muss ich schlafen.

Fahren Sie eigentlich noch den alten Mercedes, den Sie bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart gewonnen haben?

Ja, er ist Baujahr 1993.

Sie könnten sich ein neueres Modell leisten.

Ja, aber ich mag den Wagen. Er ist mein Lieblingsauto, und ich verbinde damit schöne Erinnerungen. Es ist das Auto, in dem ich fahren gelernt habe. Als ich ihn gewonnen habe, hatte ich noch gar keinen Führerschein. Den habe ich erst drei Jahre später gemacht. Zunächst stand das Auto nur rum. Und das Auto ist ein bisschen wie ich. Nicht mehr ganz jung, aber super in Schuss.

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© dpa Weltrekord von Gebrselassie: Berlin-Marathon 2008

Das Gespräch führte Philipp Hedemann.

Quelle: F.A.S.
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