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Marathon-Weltrekordler Haile Gebrselassie: „Du kannst die ganze Welt betrügen, aber nicht dich selbst“

27.09.2008 ·  Haile Gebrselassie hat seinen Marathon-Weltrekord auf den 42,195 Kilometern, den er vor einem Jahr in Berlin mit 2:04,26 Stunden aufstellte, an diesem Sonntag unterboten. Im FAZ.NET-Gespräch hielt der Äthiopier seine Weltbestzeit von 2:03 Stunden schon vor de Lauf für möglich und erklärte sich für immun gegen Doping.

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Der Äthiopier Haile Gebrselassie, 35 Jahre alt, hat seinen Marathon-Weltrekord auf den 42,195 Kilometern, den er vor einem Jahr in Berlin mit 2:04,26 Stunden aufstellte, an diesem Sonntag unterboten. Der nur 1,64 Meter große Läufer war zwei Mal Olympiasieger und vier Mal Weltmeister über 10.000 Meter und hat auf Distanzen von 3000 Meter an aufwärts insgesamt 25 Weltrekorde aufgestellt. (siehe auch: Berlin-Marathon: Mikitenkos Weg an die Spitze)

Im FAZ.NET-Gespräch hat er schon vor dem Lauf eine Zeit von 2:03 Stunden für möglich gehalten und sich zugleich von Doping distanziert.

Was macht Sie so sicher, dass Sie den Marathon in 2:03 Stunden laufen können?

Ich habe im Training ausprobiert, wie stark und wie schnell ich bin. Nach meinen Trainingszeiten kann ich 2:03 laufen. (was er in Berlin schließlich schaffte; siehe auch: Marathon in Berlin: Gebrselassie läuft wieder Weltrekord; dieses Interview fand vor dem Rennen statt)Aber alles muss perfekt sein: die Strecke, das Wetter, die Tempomacher und, am wichtigsten, ich selbst. Im vergangenen Jahr war alles perfekt. Es gab sogar die Möglichkeit, noch schneller zu laufen. Aber es war ja Weltrekord!

Sind Sie zuversichtlich?

Ich habe eine kleine Unsicherheit. Mein letzter harter Trainingslauf vor zwei Wochen über zwanzig Kilometer war vierzig Sekunden schneller als der vor einem Jahr. Dann hatte ich Krämpfe in den Waden. Seit einer Woche habe ich aber wieder normal trainieren können. Alles ist in Ordnung.

Schmerzt Training mehr als Wettkampf?

Im Wettkampf kannst du nicht stehen bleiben, dann bist du aus dem Rennen. Im Rennen muss man sich mehr weh tun. Aber man muss auch hart trainieren – ich kann das ja nicht einfach sein lassen.

Wenn jemand Sie herausforderte, würde das den Weltrekord gefährden?

Ja. Ich müsste mich auf ihn konzentrieren statt auf die Zeit: Was macht er, wie sieht er aus? Es gibt zwei Arten von Rennen: die um den Sieg und die für die Zeit. Wenn man um einen Rekord läuft, muss man sich auf alles konzentrieren.

Ist es leichter, Gegner zu kontrollieren?

Es ist nicht so schwer.

Seien Sie ehrlich: Die Goldmedaille im Marathonlauf von Peking ging bei guten Bedingungen mit 2:06,32 Stunden weg. Sie hätten sie gewinnen können, oder?

Das will ich nicht sagen. Es war der Tag von Sammy Wanjiru. Er ist großartig gelaufen und so schnell, wie ich es nicht erwartet hätte. Ich freue mich mit über die erste Goldmedaille für einen Marathonläufer aus Kenia.

Kein Schmerz?

Nein. Warum sollte mich das schmerzen?

Das ist der Olympiasieg, der Triumph, der Ihnen noch fehlt.

Warten Sie mal vier Jahre ab!

Sie wollen in London 2012 starten. Und Sie wollen im nächsten Jahr zur Weltmeisterschaft antreten. Warum?

Sie ist etwas Besonderes: Sie findet in Berlin statt. Aber erst mal muss ich mich qualifizieren.

Was hat es mit Berlin auf sich?

Berlin ist meine Glücksstadt. Ich habe hier nie Probleme, wenn ich laufe. Ich fühle mich wohl hier. Und selbst wenn ich im nächsten Jahr an zehnter Stelle laufen sollte, werden die Leute „Haile, Haile“ rufen. Hier ist es wie zu Hause. Ich laufe niemals allein. 1992 bin ich das erste Mal in Berlin gelaufen, den Ekiden, eine Marathon-Staffel von Berlin nach Potsdam. Ich war noch Junior, und auf meinem Streckenabschnitt über 5.000 Meter lief Dieter Baumann. Einen Monat vorher war er Olympiasieger geworden! Im Rennen war er dreißig Sekunden hinter mir. Später bin ich oft zum Istaf gekommen.

Was war Ihr Ziel in Peking? Sie qualifizierten sich für das Finale über 10.000 Meter, machten Tempo für Kenenisa Bekele und wurden Sechster. War das Ihre Vorstellung von Spaß?

Mein Fehler war, dass ich nicht zwei Kilometer vor dem Ziel angegriffen habe. Eigentlich war es ganz einfach. Ich weiß nicht, warum ich es nicht versucht habe.

Sie wollten eine Medaille?

Ganz ehrlich: Wenn das Rennen schneller gewesen wäre, in einer 26-Minuten-Zeit, hätte ich eine Chance gehabt.

Haben Sie sich andere Wettbewerbe angeschaut?

Nein. Ich war nur vier Tage dort und bin dann nach Addis zurückgeflogen.

Haben Sie Usain Bolt gesehen?

Im Fernsehen, selbstverständlich. Den Leuten in Äthiopien ist Sprint einerlei. Aber Usain Bolt wollte jeder sehen. Vor allem nach seinem Sieg über hundert Meter. Ich auch. Er ist geflogen! Drei Goldmedaillen und drei Weltrekorde, das ist unglaublich!

Seine Überlegenheit hat Kritik ausgelöst: Man wirft ihm die Arroganz vor, schon vor der Ziellinie zu jubeln, man verdächtigt ihn des Dopings. Was sagen Sie?

Es ist wichtig, dass wir eine saubere Leichtathletik haben. Aber jemanden nur deshalb zu kritisieren, weil er schnell läuft, ist unfair. Für mich ist Bolt ein begnadeter Athlet. Sprint hat vor allem mit Talent zu tun. Klar hat er eine Show gemacht. Aber ich habe nichts Böses gesehen. Vielleicht mögen das andere nicht. Aber seine Freude kam von Herzen.

Sie haben gesagt, wer das Datum seines Rücktritts nenne . . . 

. . . der tritt in seinem Herzen schon zurück. Deshalb nehme ich mir vor, noch ein paar Jahre zu laufen.

Sie haben Lance Armstrong zitiert . . .

Er hat vor drei Jahren aufgehört, jetzt will er zurückkommen. Wegen ihm habe ich begonnen, mir Radrennen anzuschauen. Wegen ihm kenne ich ein paar Radrennfahrer wie Jan Ullrich aus Deutschland. Armstrong hat mich beeindruckt mit dem, was er bei der Tour de France gemacht hat.

Er hat sie sieben Mal gewonnen. Beim ersten Mal, 1999, war er mit Epo gedopt. Das haben später analysierte Proben ergeben.

Du kannst Millionen Leute betrügen, die ganze Welt. Aber du kannst dich selbst nicht betrügen. Eines Tages realisierst du, was du getan hast.

Sprechen Sie von Lance Armstrong?

Wie soll ich sagen, er ist ehrlich oder er ist ein Betrüger? Ich habe nichts in der Hand. Ich weiß nur: Sauberkeit ist wichtig im Sport. Sonst wird es ein Wettbewerb zwischen Ärzten.

Deutschland scheint Ihre zweite Heimat zu sein. Warum klagen Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees, des Welt-Leichtathletikverbandes, des Radsport-Verbandes über Medien und Öffentlichkeit in Deutschland? Sind wir kritischer oder gar negativer als alle anderen auf der Welt?

Tut mir leid, ich kenne solche Probleme nicht. Warum haben die Leute Angst, über Doping zu sprechen, wenn sie sauber sind? Klar muss man Journalisten kritisieren, die Falsches schreiben. Aber in erster Linie geht es doch um die Fähigkeit des Athleten. Ich weiß, dass ich 2:03 Stunden laufen kann. Wenn ich nun in 2:01 oder 2:02 ins Ziel kommen sollte, werde ich mich selber fragen, was ich wohl genommen habe.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.

Quelle: F.A.Z.
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