09.02.2012 · Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen schürt eine „Nacht für Gold“ die Vorfreude auf London 2012. Neben aktuellen Hoffnungsträgern treten alte Helden auf – strahlende und gefallene.
Von Achim DreisDie Bühne ist bereitet für Wasserspringer und Synchronschwimmerinnen, Wasserballer und Ruderer. Sie treten auf bei der „Nacht für Gold“, zeigen circensische oder kraftvolle Kunst. Es sind beeindruckende Athleten, viele Kandidaten für Olympia, manche mit Medaillenchance – doch aller Namen sind vergessen, sobald ihre Show beendet ist – mag Moderator Johannes B. Kerner sie auch noch so beflissen herunterrattern. Sie hatten ihre 15 Minuten Berühmtheit – ob es noch mehr werden, wer mag das prophezeien?
Der „Ball des Sports“ will Lust wecken auf die Olympischen Spiele in London, Geld sammeln zur Unterstützung der zwar nicht notleidenden, aber doch unterbezahlten Athleten, an deren Leistungen sich die sportbegeisterte Nation im Sommer erfreuen soll. Mögen sie Gold gewinnen, wir drücken die Daumen - doch würden sie damit auch reich, berühmt und glücklich werden?
Unten im Saal hält Franziska van Almsick Hof. Sie kennt jeder. Sie hat es geschafft, sie ist reich, berühmt und sexy. Zwar gab und gibt es bessere und erfolgreichere Schwimmerinnen, doch die einstige „Franzi“ bleibt Deutschlands ewiger Schwimmstar. Zwar gewann sie nie olympisches Gold, doch sie war zur richtigen Zeit, den Nachwende-Spielen 1992, mit der richtigen Attitüde – 14-jährige, freche Berliner Göre – erfolgreich genug (drei Medaillen), um noch immer oben zu schwimmen.
Zwar hatte sie auch ihre sportlichen und privaten Krisen zu überstehen, doch sie ging gestärkt daraus hervor. Heute ist van Almsick stellvertretende Chefin der Sporthilfe, sieht alle Olympioniken als „große Familie“ an, und versteht sich selbst als „große Schwester“ der aktuellen Generation, der sie die Daumen drückt. Ihre Familie ist eine bunte Sippe mit Aufstrebenden, Vergessenen und Gefallenen.
Wer es ins kollektive Gedächtnis schafft, ist nicht abzuschätzen. Nicht mal die Sportart ist vorherzusagen. Wer hätte schon vor Peking 2008 gedacht, dass ein eingebürgerter österreichischer Gewichtheber die Herzen der Deutschen erobern könnte? Bei Matthias Steiner war es die spezielle Mischung aus traurigem Riesen mit ergreifender Lebensgeschichte und unbändigem Jubel über seine Goldmedaille, die dem dann „stärksten Mann der Welt“ den Sprung aus der Sportszene in die Society eröffnete.
Wie zu jeder guten Familie gehören auch zur olympischen die schwarzen Schafe, die gefallenen Helden. Auch für sie hat das Glückskind ein Herz: Deshalb hat Franziska van Almsick Jan Ullrich nach Wiesbaden eingeladen.
Der Olympiasieger von Sydney wird dort von einem Weggefährten in den Arm genommen, - und freundschaftlich in einem Schaukampf aufs Kreuz gelegt - der selbst ein gefallener Held ist; wenn auch nicht so tief. Alexander Leipold, einst Weltmeister im Freistilringen, heute Bundestrainer in der gleichen Disziplin, hatte wie Ullrich 2000 Gold gewonnen. Leipold musste die Medaille aber wieder abgeben. Wegen eines umstrittenen Dopingbefunds, der nicht valide war, darf er sich nicht mehr Olympiasieger nennen, wohl aber „Sieger des olympischen Turniers“.
Ullrich ist immer noch Olympiasieger. Und vor allem der einzige Deutsche, der die Tour de France gewonnen hat. Dennoch ist er nicht glücklich, seit sechs Jahren steht er unter Dopingverdacht. Der Zeitpunkt, nun aus der Versenkung aufzutauchen, war gut gewählt: in der gleichen Woche, in der die Ermittlungen gegen Lance Armstrong eingestellt wurden, in der Alberto Contador nachträglich gesperrt wurde, in der der Internationale Sportgerichtshof auch das Urteil über Jan Ullrich gesprochen hat: Dopingsünder! Für Ullrich werde dieser Donnerstag ein Glückstag, glaubte er vorher: „Ich habe sechs Jahre warten müssen. Ich habe viel leiden müssen, ein Burnout gehabt. Ich will damit abschließen.“
Andere wollen endlich anfangen. London ruft die Jugend der Welt. Die große olympische Bühne wird neue Heldengeschichten kreieren. Doch man kann den Gerufenen nur wünschen, dass sie die Risiken und Nebenwirkungen auch vertragen können.