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Liveübertragungen im Internet : Piraterie im Schach

  • -Aktualisiert am

Bild: Rainer Wohlfahrt

Warum ist es so schwer, Spitzenschach zu vermarkten? Liegt es am Abkupfern der Züge? Beim WM-Kandidatenturnier in Moskau versucht ein russischer PR-Experte, der Piraterie ein Ende zu setzen.

          Warum ist es so schwer, Spitzenschach zu vermarkten? Glaubt man Ilja Merenzon, der die wichtigsten Einzelwettbewerbe des Weltschachbundes Fide veranstaltet, liegt es am Abkupfern der Züge. „Die Liveübertragung ist das wichtigste und wertvollste Produkt eines Spitzenevents“, sagt der 39 Jahre alte Russe. Je höher die sportliche Bedeutung, umso mehr Websites übertragen die laufenden Partien. Immer weniger Beachtung finden die Websites der Veranstalter – und damit die Sponsoren. Für Merenzon ist das der Grund, warum die Preisgelder seit Jahren stagnieren und die Fide Spitzenevents an Orte wie Chanty-Mansijsk, Elista, Baku oder Batumi vergab.

          Beim WM-Kandidatenturnier in Moskau versucht der russische PR-Experte, der Piraterie ein Ende setzen. Freunde hat er sich und seiner Firma Agon damit nicht gemacht. Im Internet wird der Wettbewerb, in dem bis zum 28. März der nächste Herausforderer von Schachweltmeister Magnus Carlsen ermittelt wird und nach acht von vierzehn Runden der Russe Sergei Karjakin und der Armenier Lewon Aronjan führen, von hasserfüllten Kommentaren begleitet.

          Unzufrieden sind nicht nur Schachfans, die lieber auf ihrem Lieblingsserver zuschauen. Zeitweise konnten nur ein paar Dutzend Zuschauer im Moskauer Telegraf-Gebäude die Spiele verfolgen. Agons Website worldchess.com brach unter der Last der Zugriffe wiederholt zusammen. An den ersten Spieltagen habe es massive Hackerangriffe gegeben, sagt Merenzon. Dass nicht alle Features von Agons Übertragung aktuellen Standards entsprechen, räumt er ein. Selbst die VIP-Gäste verfolgen die Partien lieber bei den abkupfernden Websites Chess24 oder Chessbomb als auf Worldchess. Kritik sei willkommen und ein zehnköpfiges Team dabei, das Produkt zu verbessern.

          Post von den Anwälten

          Vor dem Wettbewerb hat Agon alle Websites, die Schach live übertragen, gewarnt. Wer trotzdem begann, Züge aus Moskau zu übertragen, bekam Post von Merenzons Anwälten. Vier hartnäckige Anbieter will er nun verklagen. Darunter die in Hamburg sitzende und in Gibraltar registrierte Firma Chess24, die nicht für eine Stellungnahme zu erreichen war. Einem Reporter von Chess24 wurde die Akkreditierung entzogen, und er hat am Moskau am nächsten Morgen verlassen. Dagegen hält sich die ältere Hamburger Schachfirma Chessbase an das Verbot. Nach der Schach-WM 2010 musste sie sich wegen der Übertragung der Züge vor einem Berliner Gericht gegen den Bulgarischen Schachverband wehren. Damals erfolgreich, denn der Richter sah keinen kommerziellen Wert und damit keinen Schaden.

          Im aktuellen Fall pocht Merenzon darauf, dass die Websites die Übertragungen, ihre Kommentierung oder die Versendung der Partiedaten nur zahlenden Abonnenten anbieten. Außerdem koste eine Liveübertragung ein Vielfaches mehr, als wenn Partien erst nach Abschluss erfasst und verbreitet werden. Seine Gegner berufen sich darauf, dass Schachzüge wie aktuelle Zwischenstände eines Fußball- oder Basketballspiels zu betrachten und damit Allgemeingut seien. Als schützbar akzeptiert sind Bildrechte, doch die sind für Merenzon nicht das Problem. Im Gegenteil: Er stellt Fotos und Videos frei zur Verfügung. Schließlich kommen dabei Logos und Sponsorennamen ins Bild.

          Schach-Weltmeister Magnus Carlsen
          Schach-Weltmeister Magnus Carlsen : Bild: dpa

          Zu den wenigen, die Partei für Merenzon ergriffen haben, zählen der ehemalige Weltmeister Wladimir Kramnik und Magnus Carlsens Manager Espen Agdestein. Viele Profis haben laut Merenzon noch nicht begriffen, dass sie die eigentlichen Leidtragenden der Piraterie seien. Sie sind es gewohnt, dass an ihren Partien verdient wird, ohne dass die Produzenten etwas abbekommen. Schon Emmanuel Lasker, Weltmeister von 1894 bis 1921, hatte für die Berufsspieler vergeblich ein Urheberrecht gefordert.

          Den Schutz der Liveübertragungen möchte Merenzon rasch erstreiten mit Blick auf den nächsten WM-Kampf, der im November in New York stattfinden soll. Ein wichtiger Sponsor sei sicher, weitere Gespräche laufen, und die Exklusivität der Übertragung sei stets ein Thema. Dass die Firma Agon, die er voriges Jahr von seinem früheren Chef Andrew Paulson für den symbolischen Kaufpreis von einem britischen Pfund übernommen hat, in Wahrheit dem umstrittenen Fide-Präsidenten Kirsan Iljumschinow gehöre, streitet Merenzon ab. Er sei der alleinige Besitzer und Investor, die potentiellen WM-Sponsoren prüfen dies genau. „Die Fide gibt nur das Regelwerk vor. Agon handelt unabhängig von der Fide und Iljumschinow.“

          Quelle: F.A.Z.

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