24.11.2008 · Auch ein Vierteljahr nach dem olympischen Schock von Peking hat Chinas Hürdenstar Liu Xiang noch keinen Operationstermin. Die Saison 2009 ist akut in Gefahr. Das wirft kein gutes Licht auf die Betreuung des tragischen Helden.
Von Michael Reinsch, Monte Carlo„Das war Schicksal“, behauptete Liu Xiang, der tragische Held von Peking, und bemüht sich um einen gleichmütigen Ausdruck. Unter unerträglichen Schmerzen war er, der Olympiasieger von Athen und die große Hoffnung Chinas, am 18. August bei den Olympischen Spielen zum ersten Vorlauf des Hürdensprints angetreten – und musste aufgeben.
„Vielleicht hilft es mir“, sagte der Fünfundzwanzigjährige am Samstag, als er in Monte Carlo zum ersten Mal seitdem mit Journalisten außerhalb Chinas sprach. Da zeigte er die Tapferkeit, die auch weiterhin von ihm gefordert ist. Denn außer den großen olympischen Moment wird ihn seine Verletzung wohl auch die kommende Saison kosten.
„Die Rehabilitation müssen wir vorsichtig angehen“
Liu und sein Trainer Sun Haiping erweckten, als sie aus den Vereinigten Staaten zur Gala des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF) ans Mittelmeer gekommen waren, den Eindruck, als seien es nicht nur die Kalkablagerungen über der rechten Ferse, die den Athleten bremsen. Auch die Bürokratie des chinesischen Sports trägt offenbar ihren Teil zu der verzögerten Heilung des einst überragenden Hürdensprinters bei, der im vergangenen Jahr ohne Gegenwehr seinen Weltrekord von 12,88 Sekunden an den Kubaner Dayron Robles (12,87), den Olympiasieger von Peking, verlor. Viele chinesische und ausländische Ärzte habe er konsultiert, erzählte Liu, nun habe man einen Konsens in der Diagnose – aber immer noch keinen Operationstermin.
Es könnte schon Mitte Dezember sein, dass der Chirurg der Coleman-Klinik in Houstonin Texas Zeit für die Operation habe, sagte Sun. Dann folgten fünf bis sechs Monate Rehabilitation, ebenfalls in Texas. Allein das wird hart für Liu Xiang werden, der schon mal ein Trainingslager in Paris abbrach, weil ihm die chinesische Küche dort nicht gut genug war; anderes Essen mag er ohnehin nicht. Der Eingriff selbst sei keine große Sache, 99 Prozent dieser Eingriffe verliefen nach seinen Informationen unproblematisch, sagte Liu. „Die Operation ist einfach. Die Rehabilitation müssen wir vorsichtig angehen.“ Deshalb wird Sun, mit dem er derzeit täglich Krafttraining und Gymnastik macht, auch in Amerika stets bei ihm sein.
„Manchmal habe ich den Schmerz ignoriert“
Nicht nur das Hinauszögern der Operation um ein Vierteljahr nach dem Rückschlag von Peking wirft ein schlechtes Licht auf die Betreuung des Athleten. Auch die Tatsache, dass sich die Kalzifikation an der Sehne überhaupt zu einem solchen Problem auswachsen konnte, ist erstaunlich. Liu Xiang konnte sich in Monte Carlo auch nach langer Denkpause nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal schmerzfrei gelaufen ist. „Der Schmerz existiert immer“, sagte er. „Manchmal habe ich ihn ignoriert. Und ich habe mich so auf die Olympischen Spiele in meinem Land gefreut, dass ich ihn nicht bemerkt habe.“
Selbst als er im Juli 2006 in Lausanne Weltrekord lief, tat er das unter Schmerzen. Während Liu nun behauptet, er habe lange geglaubt, er habe einfach Muskelschmerzen vom harten Training, sagt sein Trainer, die Ärzte beobachteten die Kalkablagerung schon lange. 2005 sei sie zwei Millimeter groß gewesen, 2007 doppelt so groß, und nun seien es drei, deren größte 1,2 Zentimeter messe. Mit Akupunktur und Chiropraktik habe man versucht zu therapieren. Nun sei die Operation die letzte Möglichkeit, dass Liu als Top-Athlet zurückkehre.
„Aber ich konnte die Schmerzen nicht aushalten“
Offenbar haben die vermeintlichen Experten das Problem zunächst nicht ernst genommen. Als es ernst war, hätte ein Eingriff die Chancen des Favoriten auf seinen Olympiasieg ruiniert – diese Entscheidung mochte in China wohl niemand treffen. Vor den Spielen eskalierte die Situation so, dass Sportler und Trainer ihre Hoffnung auf eine Wiederholung des Olympiasieges von Athen aufgeben mussten. „Ich dachte, ich würde mindestens einen Lauf durchstehen“, verriet Liu Xiang nun.
„Aber ich konnte die Schmerzen nicht aushalten.“ Während Sun Haiping auf einer improvisierten Pressekonferenz tränenreich Erklärungen für das Scheitern der Operation Gold zu geben suchte, legte sich Liu Xiang in Peking ins Krankenbett. Er habe nicht geweint, antwortete er auf eine entsprechende Frage. „Manchmal muss man Unglück aushalten“, sagte er. „Man muss alles aushalten.“ Im Übrigen sei sein Scheitern nicht der unglücklichste Tag seines Lebens gewesen, es sei doch nur um Sport, um einen Wettkampf gegangen. „Der unglücklichste Tag in meinem Leben war, als meine Großmutter starb.“
„Mich unterstützen immer noch viele Menschen“
Sein Resümee: „Alle hatten vielleicht mehr erwartet, als ich leisten kann.“ Wenn er vollständig geheilt sei, werde er selbstverständlich bei der Weltmeisterschaft im August 2009 in Berlin starten, sagte Liu. „Aber es gibt für mich keine Notwendigkeit dazu.“ Die sportliche Untätigkeit biete ihm derzeit die Chance, viel zu lernen und viel Zeit mit der Familie zu verbringen. „Ich kann tief nachdenken über die Zukunft und über andere Situationen, die noch kommen könnten“, sagte er.
Offenbar tragen nicht wenige Chinesen Liu und Sun das Ausscheiden bei den Spielen von Peking nach. „Mich unterstützen immer noch viele Menschen“, sagte der Athlet. Und sein Trainer gestand, dass einige Leute ihnen Vorwürfe machten. Die einen verstünden nicht, was das für eine Verletzung sei und wie sehr Liu leide. Die anderen seien Konkurrenten ihrer Sponsoren. „Wir haben unser Bestes getan“, beteuerte Sun. „Als bester chinesischer Leichtathlet hat er gekämpft und geschwiegen.“