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Linda Stahl und Christina Obergföll Speerspitzen in praktischer Lebensplanung

30.09.2010 ·  Linda Stahl und Christina Obergföll ziehen aus ihrer Doppelbelastung Kraft für den Sport. Die Speerwerferinnen haben vorgesorgt für die Zeit nach der Karriere. Das gelingt nicht allen erfolgreichen Athleten.

Von Roland Zorn, Vila Nova de Cacela
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Am Beginn ihrer großen Wettkämpfe steht die Illusion. Dann stellt sich die Speerwerferin Linda Stahl vor, sie könne 79 Meter werfen. Eine für sie unerreichbare Weite, da der Weltrekord von Barbora Spotakova mit 72,28 Metern zu Buche steht. Auch davon ist die 24 Jahre alte Athletin aus dem lippischen Ort Blomberg noch weit entfernt. Das macht aber nichts, da die für Bayer Leverkusen startende Leichtathletin am 30. Juli in Barcelona auch mit 66,81 Metern ihr Traumziel des Jahres punktgenau erreichte: Platz eins und Goldmedaille bei der Europameisterschaft. Traumziel? Linda Stahl sagt noch heute: „Von diesem Erfolg habe ich nicht einmal geträumt.“

Sie hat sich durch die Nacht von Barcelona den Kopf nicht verdrehen lassen. Die 1,75 Meter lange, alles andere als muskulär hochgezüchtet anmutende Sportlerin ist auch nach ihrem unerwarteten Triumph so leise, in sich gekehrt und selbstverständlich selbstbewusst wie zuvor geblieben. Weil sie ihr Temperament nicht zu Markte tragen will, schmückte die dunkelhaarige Ostwestfälin ihren Erfolg über die deutsche Konkurrentin Christina Obergföll und die Tschechin Spotakova nicht mit spektakulären Jubelposen aus. „Einige haben wohl geglaubt, dass ich mich vor lauter Überschwang auf der Laufbahn kugle. Ich bin aber nicht extrovertiert und mache mein Ding so, wie ich es für richtig halte.“

Rücktritts-Gedanken in der Nacht

Ich gehör’ nur mir – zu dieser Attitüde bekennt sich auch die Rivalin Obergföll, die seit Jahren eine herausragende Werferin ist, mit 70,03 Metern mal den Europarekord hielt und bei allen Championaten für titelreif gehalten wird. Die Titel-Story über die 29 Jahre alte Badenerin aus Offenburg aber lässt noch auf sich warten. Weil sie selbst davon überzeugt ist, so etwas wie die Speerspitze ihrer sportlichen Spezies sein zu können, haben sie gelegentliche Misserfolge – vor allem der fünfte Platz bei der WM 2009 in Berlin – schon heftig bis hin zu Rücktritts-Nachtgedanken mitgenommen. Zweite bei den Weltmeisterschaften 2005 und 2007, Dritte bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking und jetzt in Barcelona bei der EM zum dritten Mal Zweite – das nervt, tröstet aber inzwischen auch die „sehr emotionale“ blonde Sportlerin, die anderen Menschen offen und im Zweifel mit einem Lächeln begegnet. „Mit 29 schon vier Medaillen zu haben, das ist doch nicht schlecht“, sagt sie, „ich habe längst das Positive aus dem Wettkampf von Barcelona gezogen.“

Die Europameisterin und ihre Gegnerin und Wegbegleiterin lassen dieser Tage eine lange Saison im Robinson Club Quinta da Ria an der portugiesischen Ostalgarve ausklingen, gemeinsam mit rund siebzig weiteren deutschen Spitzensportlern. Linda Stahl, willensstark und zielstrebig, geht nach dem Urlaub von Sport und Studium demnächst ihre Doktorarbeit an. Die junge Frau studiert Humanmedizin und will ihre große Prüfung an der Universität Köln möglichst vor den Olympischen Spielen 2012 in London abgeschlossen haben, um danach ihr praktisches Jahr im Krankenhaus absolvieren zu können.

Rückkehr auf den dualen Karriereweg

Christina Obergföll, die an der Universität Freiburg ihren Bachelor-Abschluss in Sport und Englisch gemacht hat, peilt von Oktober an ihren universitären Master-Plan im Fach Sport an, um später einmal auf dem Feld des Gesundheitsmanagements berufstätig zu werden. Sie hat eine Zeitlang dem Sport Priorität eingeräumt, sagt aber heute: „Wenn du dir zu viele Gedanken über die eigene Leistung machst, wirfst du nicht unbedingt besser.“ Also kehrt auch sie dahin zurück, wo die Spitzensportlerin Linda Stahl nach ihrem Abitur immer war: auf den dualen Karriereweg.

Die Ärztin von morgen, die womöglich Orthopädin wird, sagt sich voller Überzeugung: „Wenn man mit dem Sport aufhört, ist vieles weg: der Sponsor, der Ausrüster, die Zuwendungen vom Verein. Wenn man dann nicht per Studium oder Beruf vorgesorgt hat, ist man praktisch arbeitslos.“ Dafür sensibilisiert auch die Stiftung Deutsche Sporthilfe ihre über dreitausend geförderten Kaderathleten, wo und wie immer sie kann. Sei es dieser Tage in Portugal, sei es bei anderen Anlässen der persönlichen Begegnung.

Jahr und Tag gründlich planen

„Es gibt aber kein Standardrezept“, sagt Michael Ilgner, der Sporthilfe-Vorstandsvorsitzende, „jeder muss seinen eigenen Weg finden. Wir versuchen, der Gesellschaft bewusst zu machen, dass Spitzensportler Fertigkeiten mitbringen, die man auch beruflich sehr gut nutzen kann.“ Athletinnen wie Linda Stahl und Christina Obergföll stehen stellvertretend für viele Sportler in olympischen Disziplinen. So hat etwa der Kanu-Weltmeister Max Hoff mit 28 Jahren schon 2009 sein Examen als Diplombiologe geschafft.

Dazu braucht es die Fähigkeit, Jahr und Tag zeitlich genau und gründlich zu planen, und den Ehrgeiz, auf zwei Laufbahnen gleichzeitig erfolgreich zu sein. Linda Stahl zum Beispiel ist oft genug von acht Uhr morgens bis 17 Uhr am Nachmittag an der Kölner Uni und trainiert danach in Leverkusen zwei Stunden. Sie ist mit ihrem Lern-, Trainings- und Wettkampfprogramm ausgefüllt und rundum einverstanden. Dass sie in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so inkognito an der Universität ein- und ausgeht wie bisher, macht ihr nichts. Als sie sich 2007 von einer Kommilitonin für zwei Wochen nach Osaka (zur WM) verabschiedete, fragte die studentische Wegbegleiterin, ob Linda Stahl dort Urlaub mache, und ob es dann nicht besser sei, irgendwohin in die Sonne zu fahren. „Es ist gut“, sagt die bodenständige Hoch-und-Weitwerferin Linda Stahl, „Leute um sich zu haben, die nichts vom Sport verstehen.“

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