Home
http://www.faz.net/-gub-7g8sk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Leichtathletik-WM: Zehnkampf Silber beendet Schraders Leidenszeit

Es wurde der „Wettkampf meines Lebens“ für Michael Schrader. Der Zehnkämpfer holt bei der WM in Moskau Silber. Gold geht an Ashton Eaton. Rico Freimuth wird Siebter, Pascal Behrenbruch Elfter.

© AFP Vergrößern Auf dem Weg zur Silbermedaille: Zehnkämpfer Michael Schrader in Moskau

Wohin ein paar weiche Knie einen eisenharten Zehnkämpfer doch führen können! Die, gibt Michael Schrader zu, habe er gehabt, als er am Samstag früh bei den 100 Metern zwischen den schnellsten Zehnkämpfern der Welt gestanden habe.

Claus Dieterle Folgen:  

Das war ganz am Anfang der zehn Stationen im Moskauer Luschniki-Stadion, aber am Ende, nach der „Hass-Disziplin“ 1500 Meter, stand der 27 Jahre alte Duisburger im Trikot von Bayer Leverkusen am Sonntagabend auf dem Podest. Und behielt Recht mit seiner Erkenntnis nach dem ersten Tag: „Das könnte der Wettkampf meines Lebens werden.“

Mehr zum Thema

Er wurde es, auch wenn an einem kein Weg vorbeiführte: Ashton Eaton, mit 9039 Punkten der Weltrekordhalter, ist zur WM wieder in Form gekommen. Mit 8809 Punkten untermauerte der Olympiasieger aus Amerika seine Regentschaft als König der Athleten. Aber für Schrader war Silber mit 8670 Punkten vor dem Kanadier Damian Warner (8512) vielleicht mehr wert als das beinahe selbstverständliche Gold für Eaton.

Es ist lange her, dass ein deutscher Zehnkämpfer bei einer WM auf dem Treppchen stand. Der Letzte war Frank Busemann mit 8652 Punkten und Bronzemedaille - vor 16 Jahren. Und jetzt Schrader nach Jahren der Verletzungen. „Ich wusste immer, wenn ich gesund bleibe, kann ich Großes leisten“, sagte er.

Leichtathletik-WM Moskau © dpa Vergrößern Starke deutsche Zehnkämpfer: Freimuth, Schrader und Behrenbruch (von links)

Er lieferte einen grundsoliden Zehnkampf ohne Schwächen, den er mit drei persönlichen Bestleistungen krönte. „Der Hochsprung (1,99 Meter) und die 400 Meter waren überragend. Über 400 Meter wollte ich zeigen, was ich kann. Dass es so schnell wird (47,66 Sekunden), das habe ich nicht geahnt“, sagte Schrader.

„Der Micha holt eine Medaille“

So stark wie nie war er nach der Stadionrunde auch mit dem Diskus (46,44 Meter) und dem Speer (65,67 Meter). In seinem Sog kam sein Freund und Trainingspartner Rico Freimuth auf 8382 Punkte und Platz sieben.

Leichtathletik-WM Moskau © dpa Vergrößern Vor allem für Schrader ging es hoch hinaus

Der Hallenser hatte schon bei Halbzeit angesichts des frühen Ausscheidens des amerikanischen Mitfavoriten Trey Hardee nach einem Salto nullo im Hochsprung prophezeit: „Der Micha holt eine Medaille. Der ist viel zu abgebrüht, um sich das noch nehmen zu lassen. Und wenn es einer verdient hat, dann er, nach allem, was er in den vergangenen Jahren durchgemacht hat.“

Persönliche Bestleistung von 8522 Punkten

Ausgerechnet Europameister Pascal Behrenbruch, der bei Halbzeit noch auf Medaillenkurs gelegen hatte, erlebte an seinem vermeintlich starken zweiten Tag einen herben Rückschlag. Spätestens die 4,70 Meter im Stabhochsprung waren das Ende aller Medaillenträume des ansonsten sicheren Fünfmeter-Springers. Wütend riss sich der Frankfurter die Sonnenbrille vom Gesicht und schleuderte sie auf die Sprungmatte. Er wurde Elfter.

Moscow 2013 IAAF World Championships © dpa Vergrößern Am Ende sammelte der Deutsche 8670 Punkte

Schrader dagegen war glücklich. Der 26 Jahre alte Leverkusener hat in Moskau seine persönliche Bestleistung von 8522 Punkten aus dem Jahr 2009 deutlich übertroffen. „Ich bin froh, dass ich endlich im Wettkampf zeigen konnte, was ich die letzten Jahre trainiert habe.“ Damals, Ende Mai 2009, war Schrader in Götzis in die Weltklasse aufgestiegen.

Fünf Grad, Regen - und doch 8427 Punkte

Aber dann begann eine lange Leidenszeit, mit Ermüdungsbrüchen im rechten Fuß und massiven Wadenproblemen. Nicht viele hätten darauf gewettet, dass der Leverkusener noch einmal auf internationaler Ebene einen Zehnkampf bestreiten, geschweige denn durchstehen würde. Bis er dann im Frühjahr wieder auftauchte.

25488803 © AFP Vergrößern Ashton Eaton gewinnt souverän die Goldmedaille

Mittlerweile - im Herbst 2012 - nach Halle an der Saale umgezogen in die jetzt berühmte Zehnkampf-WG mit Freimuth. Es war ein Paukenschlag Mitte Mai, der noch wie ein Spätwinter daherkam. Mit einem, was die Zahl der Versuche angeht, minimalistischen Zehnkampf in Ulm, was wiederum den Umständen geschuldet war: fünf Grad, Regen. Und doch kamen bei diesen Bedingungen 8427 Punkte zusammen.

„Vielleicht ein Motivationsloch, aber aufhören?

Das ist so eine Art Kälterekord. Und es war zudem der erste Zehnkampf, den Schrader nach zweieinhalb Jahren zu Ende brachte. Schon damals sprach Zehnkampf-Teamchef Claus Marek von „Weltklasse.“ Und davon, dass er vom gemeinsamen Training am Bundesstützpunkt Halle/Magdeburg mit Freimuth unter der Leitung von Trainer Wolfgang Kühne stark profitiert habe. Wobei das umgekehrt genauso gilt.

Goldiger Gang Iwanow geht zu Gold © REUTERS Bilderstrecke 

Ulm war für Schrader der Schlüssel. Weil er seinem Körper wieder vertrauen konnte. Auch wenn einem Zehnkämpfer eigentlich immer irgendetwas wehtut. „Das gehört zum Job, sonst würde uns ja was fehlen“, sagt Schrader, der in seiner Leidenszeit nie daran gedacht hat, die Brocken hinzuschmeißen. „Vielleicht mal ein Motivationsloch, ja, aber aufhören? Warum? Auf dem Platz zu stehen und zu trainieren ist die beste Freizeitbeschäftigung, die man sich vorstellen kann.“ Besonders, wenn man damit WM-Zweiter wird.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bahnrad-EM Deutsche holen fünf weitere Medaillen

Am vorletzten Tag der Bahnrad-Europameisterschaften hat der Bund Deutscher Radfahrer fünf weitere Medaillen gewonnen. Es gab einmal Silber im Zeitfahren und viermal Bronze - darunter Sprint und Einerverfolgung. Mehr

19.10.2014, 08:54 Uhr | Sport
Der Eiffelturm lässt tief blicken

Der Eiffelturm in Paris kann neuerdings mit einer Bodenverglasung punkten. Wer schwindelfrei ist, kann sich in 57 Metern Höhe fast wie im siebten Himmel fühlen, wenn er auf die Stadt der Liebe hinabblickt. Mehr

07.10.2014, 12:36 Uhr | Gesellschaft
Designierte EU-Außenbeauftragte Mogherini Die mit dem russischen Bären tanzt

Auch sie hatte als Wackelkandidatin gegolten. Federica Mogherini wirkte unerfahren und zu nachsichtig gegenüber Russland. Doch die künftige Außenbeauftragte hat im Europaparlament alle Zweifel an ihrer Eignung beseitigt. Mehr Von Michael Stabenow, Brüssel

07.10.2014, 18:38 Uhr | Politik
Die Schnellsten im Schneckentempo

Seit mehr als 25 Jahren findet im englischen Dorf Congham die Weltmeisterschaft im Schneckenrennen statt. Zu diesem entschleunigten Wettkampf reisen sogar Teilnehmer aus Deutschland mit ihrer Schnecke an. Mehr

22.07.2014, 12:07 Uhr | Gesellschaft
Ostukraine Poroschenko: Friedensplan ist in Gefahr

Die Waffenruhe in der Ostukraine ist brüchig. Kann die Überwachung mit deutschen Drohnen daran etwas ändern? Die prorussischen Separatisten vermuten dahinter einen versteckten Angriff. Mehr

07.10.2014, 04:20 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.08.2013, 19:13 Uhr

Pausenlos Ärger nach Länderspielen

Von Uwe Marx

Für Schalke mit dem neuen Trainer di Matteo und Dortmund mit den Rückkehrern wie Gündogan und Reus war die Länderspiel-Pause ein Segen. Mit dem Fluch schlagen sich gerade die Bayern herum. Mehr