25.08.2003 · Die unerbittliche Frage nach dem Ende seiner Ära stellte sich Haile Gebrselassie nach den 10 000 Metern von Paris noch nicht. Dieter Baumann muß sie nach rund 6000 Metern im Stade de France gestellt werden.
Von Hans-Joachim WaldbrölDie unerbittliche Frage nach dem Ende seiner Ära stellte sich Haile Gebrselassie nach den 10 000 Metern von Paris noch nicht. Dieter Baumann muß sie nach rund 6000 Metern im Stade de France gestellt werden. Denn der dreißigjährige Äthiopier, dreimal Weltmeister und zweimal Olympiasieger auf dieser Strecke, belegte immerhin hinter seinem Landsmann Kenensina Bekele und vor dem Teamkameraden Sileshi Sihine den zweiten Platz, nachdem der acht Jahre ältere Deutsche sich vorzeitig aus dem Rennen verabschiedet hatte. Vielleicht weil er mit seinen vorauseilenden Gedanken und seinem alternden Ehrgeiz als Bahnläufer schon beim New York-Marathon war, den er am 2. November bestreiten und durchstehen will. "Ich bin heute nie richtig ins Rennen gekommen", resümierte der nie um eine Erklärung verlegene Tübinger auch nur das, was ohnehin alle gesehen hatten. "Das Schlafwagentempo war ein Problem für mich." Das allerdings klingt vermessen aus dem Munde eines Läufers, der schon nach zwei Runden nicht mehr mithalten konnte - oder wollte?
Baumann versichert, er habe in diesen ersten beiden Runden versucht, das "Rennen ein bißchen schneller zu machen". Dann habe er sich wieder hinten eingeordnet, aber nie seinen Rhythmus gefunden. "Meine Form ist da, aber ich habe ein Problem, sie auf der Bahn in Emotion umzusetzen." Und sie in einer Geschwindigkeit zu zeigen, die der 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 schlichtweg nicht mehr halten kann, wenn, wie am Sonntag abend, die zweite Hälfte des längsten Stadionrennens deutlich unter 13 Minuten gelaufen wird. "Als das Rennen sinnlos geworden war, mußte ich es beenden." Da hat sich seine Einstellung über die Jahre verändert. Der jüngere Baumann hatte 1995 bei der WM in Göteborg über 5000 Meter auch ein Problem, seinen Rhythmus zu finden. Just an dem Abend, an dem er sein erstes Buch, mit dem Titel "Ich laufe keinem hinterher" vorstellte, war er in einem ebenfalls aussichtslosen Titelrennen Neunter geworden. Und er hatte es anschließend als seine ganz besondere Leistung ausgewiesen, nicht aufgegeben zu haben. Nun, da er umgehend seine Vorbereitung auf den New York-Marathon aufnehmen will, ist das Aufhören vor dem Ziel für ihn offenbar eine Angelegenheit der Vernunft geworden.
Auch sein Debüt beim 42,195 Kilometer langen Klassiker hatte Baumann im vergangenen Frühjahr in Hamburg vorzeitig, bei Kilometer 35, beendet. Gebrselassie brillierte unterdessen beim London-Marathon als Dritter in 2:06,35 Stunden, dem schnellsten Erstlingswerk. Dennoch will sich der Weltrekordhalter über 5000 und 10 000 Meter noch nicht von der Bahn drängen lassen und schon in Athen 2004 auf die Straße ausweichen, die von Marathon ins Panathinaiko-Stadion führt. Auch sein neun Jahre jüngerer Landsmann Bekele kann Gebrselassie nicht dazu bewegen, ihm das Stadionterrain schon jetzt zu überlassen. Dabei hatte der respektlose Angreifer ihn auf den letzten 200 Metern zu seinem WM-Triumph so abrupt stehengelassen, wie man es im vergangenen Jahrzehnt von der unbestrittenen Führungsfigur gewohnt war. "Das Rennen in Hengelo hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben", berichtete der scheue, in den internationalen Sprachen noch nicht beheimatete Bekele. In der niederländischen Provinz, wo die europäische Heimatbahn des Ostafrikaners ausgelegt ist, hatte der 21jährige Nobody am 1. Juni über 10 000 Meter für das WM-Rennen geübt, vor allem den Spurt zum Sieg.
Auf den 25 Bahnen im Stade de France war es zunächst allerdings anders gelaufen. Die drei Äthiopier Gebrselassie, Bekele und Sihine kreiselten an der Spitze des Feldes, sich regelmäßig in der Führungsarbeit abwechselnd. Gemeinsames Ziel: "Cut the Kenians." Die Kenianer abhängen. Das ist ihnen so eindrucksvoll gelungen, daß der Titelverteidiger Charles Kamathi vorzeitig ausstieg. Nach getanem Teamwork war das Trio unzertrennlich, und Haile Gebrselassie schien Kenensina Bekele keineswegs gram, weil dieser ihm den vierten WM-Titel weggeschnappt hatte: "Meine Schnelligkeit ist noch da, aber sie reicht nicht mehr." Trotzdem will der Olympiasieger von 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney 2004 in Athen Sportgeschichte machen: als erster Läufer, der dreimal nacheinander auf "seiner" Strecke siegt. Und das bleiben vorerst noch die 10 000 Meter. Trotz eines Bekele, der mutig attackiert, aber demütig referiert: "Ich möchte auch mal so gut werden und so viele Erfolge haben wie Haile."
Gebrselassie will seine Trophäensammlung sogar 2008 in Peking noch um neues Gold bereichern: "Zu Ehren meiner Vorläufer Bikila und Wolde." Bikila Abebe hatte beim Marathon 1960 in Rom das erste Olympiagold für ganz Afrika gewonnen, sein äthiopischer Landsmann Mamo Wolde, der Marathon-Olympiasieger von 1968 in Mexiko, ist, zermürbt von neunjähriger politischer Haft, im vergangenen Jahr gestorben.