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Leichtathletik-WM : Macht mehr Show

Er darf seine Schuhe so schnell nicht an den Nagel hängen: Usain Bolt ist der wichtigste Show-Act der Leichtathletik Bild: dpa

Die Leichtathletik muss sich bewegen, wenn sie Menschen bewegen will. Eine WM braucht einen straffen Zeitplan, professionelle Moderation und Event-Charakter. Das nimmt ihr nichts von ihrer Seriosität.

          Ja, an den beiden letzten WM-Tagen war es laut und beinahe voll im Moskauer Luschniki-Stadion. Und das nehmen die Damen und Herren vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) jetzt bestimmt wieder als Beleg dafür, dass doch alles in bester Ordnung sei in ihrer olympischen Kernsportart, zumindest was die Zuschauerresonanz angeht. Dabei war das in den Tagen zuvor noch ganz anders.

          Bolts 100-Meter-Sieg am vergangenen Sonntag verfolgten gerade mal 20.000 Augenzeugen in der Riesenschüssel an der Moskva - beim absoluten WM-Highlight. Das hat selbst der schnellste Sprinter der Welt bemerkt. Und sie haben sich ja schon vorher den Schwarzen Peter gegenseitig zugeschoben, weil der Ticketverkauf so schleppend verlief. Die IAAF hat den Russen vorgeworfen, nicht genug Werbung in der 15-Milionen-Stadt betrieben zu haben. Als Retourkutsche kam, für das geringe Interesse seien die Doping-Fälle der Sprinter Gay und Powell verantwortlich. Wo doch die Russen selbst 40 eigene Athleten aus dem Verkehr gezogen haben.

          Das Problem liegt ganz woanders. Moskau ist eigentlich nur im Trend. Einem Trend, der schon bei der WM 2009 in Berlin ein Thema war. Auch damals ist Bolt seinen 100-Meter-Weltrekord in einem höchstens halbvollen Stadion gerannt - das vergisst man leicht. Daegu war auch nicht besser. Was das heißt? Die Leichtathletik muss sich bewegen - auch bei Weltmeisterschaften, wenn sie Menschen bewegen will. Junge Menschen zumal, die mit ganz anderen Konsumgewohnheiten aufgewachsen sind als die Generationen zuvor.

          Da sind Fünf-Stunden-Blöcke mit anfangs nur zwei Entscheidungen, von den morgendlichen Qualifikations-Marathons ganz zu schweigen, nun wirklich nicht dazu angetan, die Massen anzulocken. Und wenn die Menschen nicht ins Stadion kommen, dann muss man eben zu den Menschen gehen. Warum müssen die Marathonläufer und Geher zur Unzeit in ein nahezu leeres Stadion einlaufen, in dem sich niemand für sie interessiert, wenn man ihnen stattdessen eine große Bühne wie den Kreml bereiten könnte. Wie bei jedem vernünftigen City-Marathon.

          Es braucht straffe Zeitpläne und professionelle Moderation

          Es gibt auch andere gute Ansätze wie „Berlin fliegt“ zum Beispiel, wo die Springer vor dem Brandenburger Tor ihrem Metier nachgehen. Und was die Stadion-Leichtathletik angeht: Auch da gibt es erfolgversprechende Modelle. Wenn man etwa die Anniversary Games vor drei Wochen in London erlebt hat, dann weiß man, wie Leichtathletik immer noch funktionieren kann: straffer Zeitplan, knackiges Programm, professionelle Moderation und, ja, auch ein bisschen Event- und Show-Charakter. Das nimmt auch Titelkämpfen nichts von ihrer Seriosität.

          Die Leichtathletik hat es immer schwerer, im ungleichen Kampf gegen den Wirtschafts-Krösus Fußball ihre letzten Rundbahn-Refugien zu behaupten. Sie braucht dafür dringend überzeugende Argumente. Vom 80 Jahre alten IAAF-Präsidenten Lamine Diack darf man keine Reformen mehr erwarten. Aber 2015, wenn ein neuer Chef gewählt wird, könnte die Leichtathletik mit dem früheren 1500-Meter-Olympiasieger und Londoner Olympia-Organisator Sebastian Coe einen Mann bekommen, der nicht nur diese Probleme angeht. Sie braucht ihn dringend.

          Quelle: F.A.Z.

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