27.08.2003 · Nach dem Ausscheiden von Astrid Kumbernuss und dem vierten Platz von Lars Riedel herrscht Ratlosigkeit: Auch kleine Erfolge können den Deutschen Leichtathletik-Verband nicht aus dem WM-Tief reißen.
Von Jörg Hahn, ParisWie läuft's? Es geht so. Mit einer Bronzemedaille hat Andreas Erm Ergebniskosmetik betrieben, aber der Geher aus Potsdam kann damit den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nicht schlagartig aus dem WM-Tief reißen. Dem Erfolg Erms stand am Mittwoch morgen das Scheitern der dreimaligen Weltmeisterin und Olympiasiegerin Astrid Kumbernuss in der Kugelstoß-Qualifkation gegenüber.
Tim Lobinger baut bereits vor
"Ich bin untröstlich und ärgere mich sehr", sagte sie, auch wenn sie als ältere Athletin von 33 Jahren längst an die Grenzen der Schnellkraft gestoßen ist und selbst nicht mehr an eine große Medaillenchance geglaubt hatte. Am Abend zuvor scheiterten zudem zwei der drei Stabhochspringer, nur Tim Lobinger kam durch die Qualifikation. 5000-Meter-Läuferin Irina Mikitenko verabschiedete sich auch noch. Plötzlich packte sogar Lobinger die Angst, als Versager abgestempelt zu werden nach dem Finale an diesem Donnerstag. "Es ist immer ein Verhängnis, sich eine Medaille auszurechnen." Mit dem Druck müsse er jedoch umgehen. "Aber wenn ich nichts hole, darf man mich nicht gleich ans Kreuz nageln. Schließlich habe ich bei den letzten drei Großereignissen Medaillen geholt." Lobinger ist Welt- und Europameister in der Halle, bei den Freiluft-Europameisterschaften wurde er Dritter.
Der Kölner weiß natürlich, daß frühere Resultate vergessen sind, wenn aktuell ein Scheitern - oder zumindest nicht das Wunschergebnis - zu vermelden ist. Wie am Dienstag bei Claudia Gesell, Fünfte über 800 Meter, und bei Lars Riedel sowie Michael Möllenbeck, Vierter und Fünfter im Diskuswerfen. Claudia Gesell fand in einem langsamen, taktischen Rennen nicht den Weg an die Spitze - obwohl Mitfavoritinnen wie Jolanda Ceplak und Stephanie Graf verletzt fehlten. "Auf einmal waren sie weg, und ich konnte hinten raus nicht mehr", gab sie zu. Sie sei nicht enttäuscht, habe aber eine gute Chance verpaßt. Riedel befand trotz allem, er habe einen schönen Wettkampf gezeigt und die Atmosphäre im Stade de France genießen können. Nett für ihn, Pech für den DLV. Er sei nicht mehr so beweglich wie Weltmeister Virgilius Alekna aus Litauen. Riedel ist 36, Alekna fünf Jahre jünger. "Wenn ich seinen Körper hätte, würde ich bestimmt 72 Meter werfen", behauptet der fünfmalige Weltmeister. Er kam am Dienstag auf 66,28 Meter, gerade einmal fünf Zentimeter weiter als Möllenbeck.
"Gutes Abschneiden ist lebensnotwendig“
Wie steht die Führungsspitze des Verbandes zu bislang nur zwei Medaillen (Silber und Bronze)? "Gutes Abschneiden ist lebensnotwendig. Der Sport kann nicht mehr aus dem Vollen schöpfen, alle Verbände führen Existenzkämpfe", sagt DLV-Vizepräsident Rüdiger Nickel. Es geht in Paris zum Teil schon um die Existengrundlage für eine Olympiade, nämlich die Zeit von 2005 bis 2008. WM-Ergebnisse bestimmen zu dreißig Prozent die Finanzplanung des Bereichs Leistungssport im Deutschen Sportbund. Generell fühlt sich die Leichtathletik mit ihren 46 Disziplinen zu schlecht bedacht. Doch Vorstöße, die Verteilung der Bundesmittel zugunsten des DLV zu verändern, werden - wenn überhaupt - frühestens nach Peking 2008 Wirkung zeigen. Und wer weiß, wie weit unten die deutsche Leichtathletik dann steht. Nickel muß im Jahr nach den Triumphen bei den Europameisterschaften eine alte Erkenntnis nur neu formulieren: "Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob wir uns in Europa oder in der Welt messen." Und warum steckt man nach Weltmaßstab in einem Loch?
Leistungssportdirektor Frank Hensel meint bewußt herausfordernd: "Der Föderalismus ist der Feind der Leichtathletik." Präsident Clemens Prokop bestätigt: "Wir haben in Deutschland das Grundproblem sehr unterschiedlicher Strukturen. Als Verband haben wir kaum Möglichkeiten, das zu ändern. Wir können nur an die Einsicht appellieren, das war's schon." Eine Ausnahme bilden Mitglieder von Sportfördergruppen, die in Abhängigkeit vom Verband und von ihren Dienstherren aktiv sind. Doch die Zahl der Leichtathleten, die sich freiwillig für Bundeswehr, Zoll oder Bundesgrenzschutz interessieren, ist im Vergleich zum erfolgreichen deutschen Wintersport gering.
Klammereffekte zu den Heimtrainern als Problem
Hensel sieht an der Basis Versäumnisse: "Wir haben ein Betreuungsproblem. Klammereffekte zu den Heimtrainern sind ein ganz großes Problem. Jeder glaubt, wenn er erfolgreich einen Jugendlichen entwickelt, dann kann er ihn automatisch auch zum Olympiasieg führen. Das ist ein Fehlglaube. Die heranwachsenden Menschen befinden sich einfach entwicklungstechnisch in einer anderen Phase." Das sieht auch Lars Riedel ein: Erfolgreiche Junioren "rüberzuretten" in den Erwachsenenbereich sei angesichts vielfältiger anderer Möglichkeiten und Herausforderungen im Alltag überaus schwierig. Der Leichtathletik laufen die wenigen Talente schneller davon, als man sie herausfiltern kann. "Und wenn die Kollegen Trainer auch noch beratungsresistent sind, dann ist das ein erhebliches Problem", klagt Hensel. "Ich will nicht darin die ganze Schuld sehen. Aber der Verband weiß schon ganz gut, wie es geht." Nur wolle davon nicht jeder Athlet und jeder Heimtrainer etwas wissen. "Wir können schon bewerten, welcher Trainer in welchem Verein und in welcher Disziplin geeignet ist, einen jungen Athleten dorthin zu führen, wo wir ihn uns wünschen."
Der DLV hat wenig Druckmittel und muß auf glückliche Konstellationen hoffen. Zwar existiert ein Stützpunkttraining, aber die Leichtathletik wird vorrangig von den Vereinen getragen und finanziert. Die schrumpfende materielle Ausstattung der Vereine ist damit auch ein DLV-Dilemma. Im Osten sieht es vielerorten ganz düster aus. Und wer redet noch von Salamander Kornwestheim oder Quelle Fürth? Selbst Bayer Leverkusen oder die LG Nike Berlin müssen sich bescheiden. Creaton Großengottern beispielsweise, thüringischer Heimatverein von Olympiasieger Nils Schumann, kann nicht in die Bresche springen, wenn Großkonzerne sich zurückhalten.
Immerhin hat Andreas Erm einiges für den Gehersport getan, der vom Publikum belächelt und vom Internationalen Olympischen Komitee kritisch beäugt wird. Für das Ansehen der deutschen Leichtathletik müssen jetzt aber noch andere mit Erfolgen ran.