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Leichtathletik-WM Die besonderen Schwingungen

 ·  Sich bei der WM durchzusetzen, ist eine große Herausforderung für die Stabhochspringer. Malte Mohr schafft das so gut wie nie in dieser Saison - und wird doch nur Fünfter.

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© dpa Haarsträubend: Malte Mohr wagte es nicht zu pokern - der vielleicht entscheidende Fehler

Langweilig wurde es Malte Mohr am Montagabend in Daegu nicht. Das Finale der Stabhochspringer bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften hatte einen überaus spannenden Verlauf. Und der deutsche Meister aus München war mittendrin dabei. Gleich 16 Athleten waren für den Endkampf qualifiziert, und entsprechend zeitraubend verlief das Procedere, bis endlich der Weltbeste in dieser zirzensisch anmutenden Disziplin ermittelt war.

Nach fast drei Stunden bester Unterhaltung gehörte Mohr zum Feld der Geschlagenen. Der als Medaillenkandidat gehandelte Deutsche schaffte zwar mit 5,85 Metern eine neue Saisonbestleistung, und er sprang auch so hoch wie Gold-Favorit Renaud Lavillenie, doch es reichte nicht, weil gleich zwei Konkurrenten über sich hinausgewachsen waren – und weil die Fehlversuch-Regel gegen ihn sprach.

Am Ende wurde der erst 21 Jahre alte Pawel Wojciechowski ziemlich überraschend Weltmeister. Der Pole hält zwar mit 5,91 Meter die Jahresweltbestleistung, hat aber noch keine große Erfahrung. Aber er bewies bei seiner ersten großen Prüfung eiserne Nerven. Nach einem Fehlversuch über 5,85 Meter ließ er kurzerhand die weiteren Sprünge über diese Höhe aus. Und sein Pokerspiel ging auf. Tatsächlich überquerte er im letzten ihm zur Verfügung stehenden Versuch 5,90 Meter – was ihm Gold bringen sollte.

Zweiter wurde ebenso unerwartet Lazaro Borges, der den kubanischen Landesrekord im Laufe des Abend gleich drei Mal steigerte und auch bei 5,90 landete. Topfavorit Renaud Lavillenie aus Frankreich hatte 5,85 im ersten Versuch geschafft und gewann Bronze vor den höhengleichen Lukasz Michalski (Polen) und vor Mohr, der zugab: „Die beiden Ersten hatte ich nicht auf meiner Medaillenliste.“

„Bei einem Meeting gut zu springen, ist das eine“, hatte Cheftrainer Herbert Czingon vorher gesagt, „sich bei einem internationalen Turnier durchzusetzen, dagegen eine ganz andere Herausforderung“. Bei einer WM-Entscheidung, so der frühere Stabhochsprung-Bundestrainer „bebt die Luft“. Alle Athleten der Weltklasse sind da, keiner fehlt. „Da herrschen besondere Schwingungen an der Anlage.“

Und eigentlich besteht eine Weltmeisterschaft sogar aus zwei Wettbewerben. Schon die Qualifikation am Samstag bedeutete höchsten Stress: 28 Sportler, die sich auf die komplizierte Abfolge aus Anlauf, Einstich, Absprung, Aufrollen, Lattenüberquerung und Landung verstehen, stellten sich der Herausforderung. Es war kein Vorwettkampf auf allerhöchstem Niveau. Nur elf Mann kamen über 5,60 Meter. Da aber mindestens zwölf ins Finale gehören, wurde aufgefüllt. Das brachte für fünf 5,50-Springer das späte Glück des Finaleinzugs – einer davon war Wojciechowski.

Mohr schien auf gutem Weg

Im Gegensatz zum späteren Weltmeister hatte Mohr in der Qualifikation eine souveräne Vorstellung gezeigt, und sich dem Zitterspiel nervenstark mit 5,65 Meter im ersten Versuch gezeigt. Auch im Finale schien er dann auf einem guten Weg. Nur Lavillenie, Mohr und eben Wojciechowski schafften im ersten Versuch die neuralgische Höhe von 5,75 Metern, die derzeit den Unterschied zwischen internationaler Klasse und Weltspitze ausmacht.

Nachdem Mohr nun scheinbar auf Medaillenkurs lag, blieb ihm genügend Zeit, das Treiben der Kollegen zu begutachten. Und er sah Erstaunliches: Der Grieche Filippidis und der Kubaner Borges sprangen Landesrekorde, die beiden Polen Didenkow und Michalski persönliche Bestleistungen. Und dem Russen Starodobtev brach auf spektakuläre Weise der Stab, dass einem der Atem stockte.

„Wer hätte das gedacht?“

„Ich bin zum Glück ein gelassener Typ“, hatte Mohr vorher gesagt. „Den Stress beim Wettkampf kann ich gut vertragen.“ Was er nicht leiden kann, ist Langeweile. Die habe er im Trainingslager auf Cheju vor der WM verspürt. Dort sei ihm die nötige Spannung abhanden gekommen. Es war ein kleines Aufregerthema im deutschen Team, doch Czingon hatte Mohr eindeutig klar gemacht, dass die Akklimatisierungs-Regeln für alle gelten. „Damit war das Thema erledigt“, so der Bundestrainer.

Als acht Konkurrenten je drei Fehlversuche über 5,75 Meter hinter sich gebracht und ausgeschieden waren, durfte Mohr bei 5,85 endlich wieder eingreifen. Er riss die Höhe, und wagte es nicht, zu pokern. Es war vielleicht der entscheidende Fehler. Mohr sah es so: „Ich bin gut gesprungen und habe Saisonbestleistung geschafft. Wer hätte das gedacht, dass das nicht zu einer Medaille reicht?“

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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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