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Leichtathletik : Wer ist Homiyu Tesfaye?

„Ich kenne ihn nicht“

So gut spricht Tesfaye inzwischen Deutsch, dass er seinem Hauptschulabschluss die Abendschule folgen lassen will. „Ich bin glücklich“, sagt er, als er in Ulm auf dem Rasen des Einlaufplatzes sitzt, seit zwei Tagen Deutscher und Sieger seines Vorlaufs. „Ich will nicht über die Vergangenheit sprechen. Das ist privat.“ Weitere Fragen beantwortet er klar und deutlich. Wer ist Henok Tesfaye? „Ich kenne ihn nicht. Es gibt so viele äthiopische Läufer. Ich kenne Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele.“ Persönlich? „Nein. Aus dem Fernsehen.“ Die Bilder von Henok Tesfaye seien ihm im Jugendamt vorgelegt worden. „Er sieht mir nicht ähnlich.“

Es war nicht leicht, Homiyu Tesfaye die Gelegenheit zu geben, offene Fragen zu beantworten und Verdächtigungen zu widersprechen. Trainer Heinig warnte: „Wenn unsere Staatsmacht bescheinigt, dass jemand der ist, der er sagt, dass er es sei, ist jede andere Behauptung kriminell.“ Auf Verleumdungen werde er mit Klage reagieren. Eine Taufbescheinigung aus Äthiopien anzuzweifeln, so klingt er, muss so etwas wie Gotteslästerung sein.

Gespräch in Ulm

Ein Gesprächstermin vor der Meisterschaft in Ulm beim Hessischen Leichtathletik-Verband in Frankfurt scheiterte. Der Sportwart wurde mit einem Redeverbot belegt, der Trainer ließ ausrichten, er wäre gern dabei: also in Ulm. Der Läufer war plötzlich nicht mehr zu erreichen. Homiyu Tesfaye gehöre zu den erfolgreichsten Mittelstrecklern seiner Altersklasse in Europa und in der Welt, attestierte der Deutsche Leichtathletik-Verband; an seiner beschleunigten Einbürgerung schon nach drei Jahren bestehe ein besonderes öffentliches Interesse. Der Mann gilt als Medaillenkandidat für die Olympischen Spiele 2016 in Rio.

Das Gespräch in Ulm kam dann unter der Bedingung zustande, dass DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen dabei sitzt und es zeitlich befristet ist. Nun also konnte Homiyu Tesfaye erzählen, dass er aus einem Ort in der Nähe von Addis Abeba komme, zwei Brüder und zwei Schwestern habe und in der Schule viel gelaufen sei. Wettbewerbe seien deshalb nichts Neues für ihn. Und die Hose? Die habe er vom Verein in Frankfurt bekommen, der werde von Nike ausgestattet.

Muskelverletzung löst Dilemma

Das Regime in Äthiopien verfolgt seine Bürger aus verschiedenen Gründen; das reicht von der sexuellen Orientierung über die Verweigerung des Kriegsdienstes bis zur politischen Betätigung. Niemanden als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht das im Einzelfall etwas an. Es ist üblich, dass Flüchtlinge, nicht nur aus Äthiopien, Deutschland ohne Pass erreichen. Sie nennen einen Namen und ein Geburtsdatum, und nicht wenige fühlen sich geschützt, wenn sie den Namen, den das Regime in ihrer Heimat zur Fahndung ausgeschrieben hat, verändern.

Sie wissen, dass Minderjährige vor Abschiebung geschützt sind und besser untergebracht werden als Erwachsene. Hessen verzichtet im Gegensatz zu anderen Ländern darauf, das Alter anhand des Gebisses, der Handwurzelknochen oder der Körperbehaarung zu bestimmen. Es gibt mehr als eine Wahrheit in dieser Welt der politischen Verfolgung und des Asyls. „Dokumente können echt sein“, sagt jemand, der damit tagtäglich zu tun hat. „Aber ob sie zur Wahrheit beitragen? Diese Frage ist müßig.“

“Jeder hat sein Recht“, heißt die gleiche Aussage bei Homiyu Tesfaye. Er blinzelt in die Sonne über Ulm. Wie soll er verstehen, dass sich in seiner Person die Ambivalenz des politischen Asyls und der Anspruch des Sports begegnen, dass jede Zahl konkret und korrekt ist? Es gibt Erste, Zweite, es gibt Rekorde, es gibt Altersklassen. Sein Dilemma wäre nun auch noch ins Nationaltrikot gekleidet worden, hätte er seinen Startplatz über 1500 Meter bei den U-23-Europameisterschaften eingenommen, die am Mittwoch in Tampere beginnen. Es war wohl das Schicksal, das dies verhinderte. Wegen einer Muskelverletzung, teilt der Verband mit, müsse Homiyu Tesfaye auf die Teilnahme verzichten.

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