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Leichtathletik-Team-EM Deutschland gewinnt den Premieren-Titel

21.06.2009 ·  Chaos und Verwirrung: Die erste Mannschafts-Europameisterschaft der Leichtathleten in Leiria war für manche zum Lachen, für manche zum Verzweifeln. Immherin: Die deutsche Auswahl gewann bei der Premiere den Titel.

Von Claus Dieterle, Leiria
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Wenn das Trikot nicht so leuchtend rot und das Haar nicht so grell blondiert wären, hätte sich Ariane Friedrich vielleicht klammheimlich davonstehlen können. Aber so musste sie doch Rede und Antwort stehen. Dabei plagten die Hochspringerin von der LG Eintracht Frankfurt Kopfschmerzen, und sie hätte am liebsten ihre Ruhe gehabt. Aber wer eine Woche nach dem deutschen Rekord (2,06 Meter) in Berlin die Latte im Glutofen von Leiria gar noch einen Zentimeter höher legen lässt, den kann wohl nichts erschüttern. Das Vorhaben scheiterte, aber auch mit 2,02 Metern war sie in einem hochklassigen Wettbewerb die Nummer eins: „Ich fühle mich richtig krank, aber ich hätte mir nicht verziehen, wenn ich es nicht versucht hätte“, sagte die Frankfurterin, die seit zwölf Wettbewerben ungeschlagen ist. „Das bleibt auch weiterhin mein Ziel.“

Ariane Friedrich brachte dem deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) bei der Premiere der Mannschafts-Europameisterschaft in der portugiesischen Kleinstadt Leiria den vierten Sieg im Vergleich der zwölf Nationen ein, nachdem zuvor schon Speerwerferin Christina Obergföll (68,59 Meter), 3000-Meter-Hindernisläuferin Antje Möldner (9:32,65 Minuten) und Kugelstoßerin Nadine Kleinert (19,59 Meter) erfolgreich gewesen waren. Dank der Frauen-Power und dem Erfolg von Speerwerfer Mark Frank (78,63) bedeutete das in der erstmals geschlechterübergreifenden Gesamtwertung Platz eins für den DLV (326,5 Punkte) vor den favorisierten Russen (320) und Großbritannien (303).

Und während sich Ariane Friedrich zufrieden, aber ermattet davonschlich, nahm Christina Obergföll eine andere Erfahrung aus Leiria mit. Die 27 Jahre alte Speerwerferin hat sich erstmals in einem Wettkampf „schlapp gelacht“. Der unverhoffte Galgenhumor hatte auch ihre Kolleginnen erfasst. Da treffen im kunterbunten Stadion von Leiria mit der Tschechin Barbora Spotakova, der Russin Maria Abakumowa und Christina Obergföll die ersten drei der Olympischen Spiele von Peking aufeinander - und lachen. „Sonst kratzen wir uns im Wettkampf fast die Augen aus, aber heute war es so chaotisch, dass es schon wieder lustig war“, sagte Christina Obergföll. Dass sie am Ende mit der Jahresweltbestweite von 68,59 Metern diesen Lach-Kampf mit Olympiasiegerin Barbora Spotakova (65,89) und Maria Abakumowa (62,01) gewann, „war gut für mein Ego“, aber nicht so sehr das Thema.

„Ich habe dann den Kampfrichter gefragt, ob das so ist“

Das war eindeutig der neue Modus, (siehe Kasten am Ende des Textes). Der europäische Leichtathletik-Verband (EAA) ist in Leiria schließlich mit einem neuen Format angetreten, um die unter Zuschauerschwund und mangelnder Fernsehpräsenz leidende olympische Kernsportart in eine bessere Zukunft zu führen. Mit einem Regelwerk, das auf moderne Konsumgewohnheiten zugeschnitten sein soll. Und die Speerwerferinnen beschäftigte die Frage, wie man sich für das Finale der letzten Vier qualifiziert.

Keine wusste hundertprozentig Bescheid. „Ich dachte, ich muss den dritten Versuch machen, um überhaupt ins Finale zu kommen“, sagte Christina Obergföll. „Ich habe dann den Kampfrichter gefragt, ob das so ist. Er sagte nein: Da habe ich den ausgelassen.“ Dann fiel auch noch die Anzeigentafel aus. „Wenn schon wir Athleten uns fragen, was hier abgeht, was müssen dann erst die Zuschauer denken? Mich hat die neue Regel jedenfalls nicht begeistert“, sagte Christina Obergföll. Frau Spotakova schloss sich deren Meinung an.

Ja, dem Praxistest auf portugiesischem Terrain konnten die meisten Athleten wenig abgewinnen. Besonders am ersten Tag machten Begriffe wie Chaos, Verwirrung die Runde. Der Leverkusener Hammerwerfer Markus Esser, mit 77,62 Metern Dritter, wollte schon seine Handschuhe ausziehen, weil er annahm, er sei draußen. „Mein dritter Versuch war ungültig, und ich dachte, der zählt, um ins Finale der besten Vier zu kommen. Wenn von sechs Kampfrichtern nur zwei englisch sprechen - es war chaotisch.“

„Kann mir nicht vorstellen, dass das beim Zuschauer ankommt“

Stabhochspringerin Silke Spiegelburg kam sich dagegen wie eine Unvollendete vor. Vier Fehlversuche im ganzen Wettbewerb gesteht man Stabhochspringern bei dieser Team-EM noch zu, und das Ende kam abrupt. Trotz Platz drei mit der Saisonbestleistung von 4,60 Meter lautete das Fazit: „Es war nur ein halber Wettkampf, weil er mittendrin abgebrochen wurde“, sagte sie.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas beim Zuschauer ankommt.“ So viele haben es vor Ort nicht gesehen. Das Stadion von Leiria bietet zwar 23.500 farbenfrohe Sitzschalen, aber nur 5000 waren am Samstag besetzt. Am Sonntag sah es ein bisschen freundlicher aus. Die Zuschauer wachten jedenfalls immer richtig auf, wenn die einheimischen Athleten in Erscheinung traten. So wie Dreisprung-Heros Nelson Evora beim Sieg mit 17,59 Metern.

„Ich habe die Rote Karte gesehen, aber ich wollte zu Ende laufen“

Vielleicht haben sie sogar den anfänglichen Anflug von Anarchie auf der Laufbahn registriert. Da gilt auf den Langstrecken jetzt die Eins-zwei-drei-raus-Regel. Der Kölnerin Sabrina Mockenhaupt, über 5000 Meter Dritte (15:37,67), haben die ständigen Tempoverschärfungen zugesetzt, obwohl sie das trainiert. „So etwas brauche ich wirklich nicht mehr.“

Ganz dreist trieb es Natalia Rodriguez. Die Spanierin wäre tags zuvor über 3000 Meter eigentlich das erste „Opfer“ des Eliminierungsverfahrens gewesen, mochte aber partout nicht aufhören. „Ich habe die Rote Karte gesehen, aber ich wollte zu Ende laufen, weil ich so gut in Form bin. Ich mag die neue Regel nicht. Das ist doch irregulär.“ Und sie führte die Innovation der EAA laufend ad absurdum: Sie war als erste im Ziel. Was ihr die Disqualifikation nicht ersparte. Sie nahm es lächelnd hin.

Die wichtigsten Regeländerungen

Laufwettbewerbe: In allen Laufwettbewerben führt ein Fehlstart sofort zur Disqualifikation und zu null Punkten. In den Langstrecken- und Hindernisläufen scheiden im Verlauf des Rennens jeweils die drei schlechtesten Athleten aus. Über 3000 Meter und 3000 Meter Hindernis wird jeweils der letzte Läufer in der fünft-, viert- und drittletzten Runde aus dem Rennen genommen und muss spätestens nach 200 Metern die Bahn verlassen. Über 5000 Meter sind die siebt-, fünft- und drittletzte Runde die Eliminierungsrunden.

Weitsprung, Dreisprung und Wurfwettbewerbe: Ein Athlet hat maximal vier Versuche. Alle Athleten sind in den ersten beiden Versuchen zugelassen, im dritten nur noch die sechs Besten. Den vierten Versuch dürfen nur noch die vier am besten Plazierten bestreiten. Sieger ist der Sportler mit der größten erzielten Weite aus allen vier Versuchen.

Hochsprung, Stabhochsprung: Alle Athleten haben im ganzen Wettbewerb maximal vier Fehlversuche. Wer allerdings bei einer Höhe drei Fehlversuche hat, scheidet - wie bisher - aus.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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