03.08.2005 · Steffi Nerius hat kurz vor Beginn der WM am Samstag den Deutschen Leichtathletik-Verband und vor allem dessen Präsidenten Clemens Prokop heftig kritisiert. Bei den DLV-Erfolgsaussichten in Helsinki sieht die 33jährige schwarz.
Speerwerferin Steffi Nerius hat drei Tage vor Beginn der Weltmeisterschaften in Helsinki zu einem Rundumschlag gegen den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) ausgeholt. Die Olympia-Zweite von der LG Bayer Leverkusen kritisierte vor allem den Präsidenten Clemens Prokop, prangerte die Vorgehensweise bei der Nominierung an und zeichnete die WM-Aussichten in einem düsteren Bild.
„Bei Prokop habe ich überhaupt nicht das Gefühl, daß er sich wirklich für die Leichtathletik interessiert. Manchmal glaube ich, Prokop nutzt sein Amt nur zur Profilierung“, sagte Nerius in einem Interview. Vor der WM 2003 in Paris hatte Stabhochspringer Tim Lobinger mit heftiger Kritik am Verband und an den eigenen Kollegen („Ein Primadonnenclub aus Hosenscheißern“) geübt und damit vor dem ersten Startschuß vor Unruhe gesorgt.
Kritik erwischt Funktionäre eiskalt
Die Kritik von Nerius, die nicht als Lautsprecherin der Szene gilt, erwischte die Funktionäre eiskalt. „Im DLV-Präsidium sitzen sicher nette Männer, aber ich habe bislang nicht das Gefühl, daß sie auch zündende Ideen haben“, meinte die 33jährige weiter. „Man bräuchte frisches Blut, Leute aus der Szene, aber mit Elan.“ Gerade jetzt müßten die Probleme dringend mit Profil, Charisma und Sachverstand angepackt werden.
„Es ist eben keine Kommunikation da. Was habe ich den mit dem Verband zu tun? Herr Prokop hat nach meinem zweiten Platz in Athen nicht einmal meinem Trainer gratuliert“, beklagte sich Nerius über den Leiter des Amtsgerichts im bayrischen Kelheim. Bei der WM 2003 in Paris habe dem Verbandschef sogar die Geherin Melanie Seeger vorgestellt werden müssen, die gerade für einen deutschen Rekord gesorgt hatte. „Ausfälle dieser Art kommentiere ich nicht“, sagte Prokop am Mittwoch in Helsinki, kündigte jedoch an: „Wir werden aber das Gespräch mit der Athletin suchen.“
„Das ist inkonsequent und macht unglaubwürdig“
Mit nur zwei Medaillen bei den Olympischen Spielen in Athen war der DLV ganz tief in die Krise gerutscht. Nerius befürchtet, daß die Ausbeute in Helsinki möglicherweise noch schlechter ausfällt. „Es ist möglich, daß wir nur eine Medaille holen oder gar keine“, sagte die Vize-Europameisterin und „Leichtathletin des Jahres 2004“. Der DLV habe nur acht wirkliche Topathleten, die Weltklasseleistungen bringen. Das Problem sei, daß am Tag X oft nicht die Leistungen gezeigt würden, die möglich sind.
Die Zeiten, in denen die deutschen Leichtathleten zehn Medaillen geholt haben, „kommen kaum mehr wieder“. Die Speerwerferin bemängelte auch, daß der Verband bei der Nominierung nicht seine harte Linie durchgezogen habe, „auch wenn es bitter geworden wäre und wir nur mit 35 Leuten zur WM gefahren wären. Nun starten Athleten ohne jede Normerfüllung. Das ist inkonsequent und macht unglaubwürdig“, sagte Nerius. Prokop betonte jedoch: „Es ist auch entscheidend, daß man den Geist der Regeln beachtet und den Anspruch, der dahinter stehe, erfüllt.“