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Leichtathletik-Kommentar : Hauptsache drüber

Falsche Verbindung: Die Latte bleibt auf dem Zubringer liegen, nicht auf dem Auflieger Bild: AP/dpa

6,07 Meter übersprungen! Die Latte bleibt oben, doch der Versuch ist ungültig. Stabhochspringer Renaud Lavillenie vergießt bittere Tränen. Und Björn Otto bringt das Problem auf den Punkt: „Eine Scheißregel.“

          Gültig ist, wenn die Latte oben bleibt. Dachte Renaud Lavillenie, dachte das Publikum in Göteborg, dachten die Fernseh-Kommentatoren bei Eurosport. Und alle zusammen jubelten über einen phantastischen Sprung des französischen Überfliegers: 6,07 Meter - was für eine Leistung! Denkste. Der Versuch des Olympiasiegers bei der Hallen-Europameisterschaft war ungültig. Obwohl die Latte oben geblieben war. Denn vor das Glück hat der Herr das Regelwerk gesetzt.

          Demnach ist ein Versuch nur dann etwas wert, wenn die Latte nach dem Überspringen noch immer auf dem 5,5 Zentimeter breiten Lattenaufleger liegt. Und nicht etwa auf der darüber angebrachten schmalen Zubringerstange, die nur als Hilfsmittel dient. Bei Lavillenies vermeintlicher Spitzenleistung war dieser unwahrscheinliche Fall eingetreten, der die trügerischen Glücksgefühle auslöste. Doch es gibt auch Anlagen, bei denen ein senkrechter Stift verhindert, dass die Latte auf den Zubringer fallen und liegenbleiben kann. Eine unbefriedigende, weil uneinheitliche Situation: In Deutschland ist der Abweiser vorgeschrieben, in Europa nicht.

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          Hauptsache drüber? Von wegen! :

          Lavillenie hätte sich mit 6,07 Metern zur Nummer zwei der ewigen Bestenliste aufgeschwungen. Hätte. So vergoss der Franzose bittere Tränen, obwohl er mit der ebenfalls grandiosen Höhe von 6,01 Meter Hallen-Europameister wurde. Sein mit Silber dekorierter deutscher Konkurrent Björn Otto brachte das Empfinden der gesamten Branche auf den Punkt: „Eine Scheißregel.“

          Und sie ist nur eine von vielen, die den Stabhochspringern seit 1999 das Leben schwer machen - und vor allem das Springen über große Höhen: Der Lattenaufleger wurde von 75 auf 55 Millimeter verkürzt. Die Enden der Latte sind nicht mehr quadratisch, sondern nur noch auf einer Seite flach, ansonsten rund: Sie müssen auf der flachen Seite liegen bleiben. Den Springern wurde es zudem untersagt, die Latte mit den Händen zu berühren und zu stabilisieren, was früheren Artisten in der Luft erlaubt war und gelang. Und schließlich wurde die Vorbereitungszeit der Springer von zwei auf eine Minute verkürzt, was in der Halle zwar keine Bedeutung hat, bei windanfälligen Freiluftveranstaltungen aber Einfluss auf den Wettkampf nehmen kann.

          Alle Eingriffe dienen angeblich der Gerechtigkeit: Nur wer sauber drüber kommt, so die offizielle Version, dessen Versuch soll auch gültig sein. Allerdings wird dabei außer Acht gelassen, dass es der Attraktivität des Wettkampfs dient, wenn knappe Versuche gelingen, wenn die Latte hüpft, aber liegen bleibt, auf welcher Kante auch immer.

          Die Verschärfungen haben zur Folge, dass noch immer einer über allen thront, obwohl er längst zurückgetreten ist, nur noch im Hintergrund als Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbands die Strippen zieht und in dieser Funktion den Regeländerungen nicht abgeneigt ist. Zu Sergej Bubkas Zeiten war es egal, wie der Athlet drüber kam, Hauptsache, die Latte blieb oben. Die 6,15 Meter des Ukrainers sind nicht zuletzt deshalb unerreicht - und wohl auf absehbare Zeit unerreichbar.

          Quelle: F.A.Z.

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