Meistens ist der Schiedsrichter Schuld, wenn im Sport etwas schief geht. Doch nach dem sensationellen Fehlstart von Usain Bolt beim 100-Meter-Finale konnte dem Starter beim schlechtesten Willen kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. „Er machte einen guten Job“, sagten die Sprinter Yohan Blake, Walter Dix und Kim Collins. Die zeitliche Distanz zwischen den Kommandos „auf die Plätze“, „fertig“ und „los“ sei optimal gewesen. Und nach dem langgezogenen „Psst“ sei es absolut still im Stadion gewesen. „Es gab keinen Grund, so früh loszurennen“, erklärte Collins. Schneller als 0,1 Sekunden darf die Reaktionszeit nicht sein. Bolts lag bei minus 0,104, er war also schon vor dem Schuss gestartet.
Wer den Schaden hat, bekommt in der Regel den Spott noch obendrauf. Diesmal nicht. Denn obwohl die Medaillengewinner von Bolts Disqualifikation profitierten, begannen sie eine Diskussion um die verschärfte Regel Nummer 162.7. Demnach wird seit 2010 gleich der erste Fehlstart mit der Roten Karte bestraft. „Die Regel killt uns“, sagte Dix. „Ich denke nicht, dass sie richtig ist“, ergänzte Collins. Andere nannten sie „verrückt“, „grausam“ und „unsinnig“.
Bei der WM in Daegu sind schon mehrere Athleten über ihren verfrühten Laufdrang gestolpert, darunter die prominenten Briten Christine Ohuruogu und Dwain Chambers. Bei keinem wurde anschließend diskutiert. Sie sehnten sich allenfalls nach alten Zeiten. Denn früher hatte jeder Sprinter einen Fehlstart gut, im Mehrkampf sogar mehrere. Dadurch gelangte zwar Zehnkämpfer Jürgen Hingsen 1988 in Seoul dank seiner vier Fehlstarts zu peinlicher Berühmtheit, aber die Wettkämpfe und Fernsehübertragungen fielen aus dem Zeitplan.
Bevor es im vergangenen Jahr zu der nun gültigen Regelung kam, hatte es in jedem Lauf noch einen Freischuss gegeben. Doch das war unfair. Denn der erste Zocker unter den Sprintern, der vielleicht sogar mit den Nerven der Kollegen spielte, kam ungestraft davon, während der zweite Frühstarter direkt aus dem Rennen genommen wurde. Diese Version führte zu unwürdigen Schauspielen: bei der WM 2003 in Paris weigerte sich der Amerikaner Jon Drummond mit den Worten „I did not move“ die Bahn zu verlassen. Minutenlang trat er in einen Liegestreik auf der Laufbahn.
Von solchen Reaktionen sah Bolt am Sonntag ab. Er erkannte sein Dilemma sofort und flüchtete. Mit einigem Abstand gratulierte er, ohne zu lamentieren. Bolt hat die Regel also akzeptiert. Auf den ersten Blick mag das schwer zu verstehen sein. Wer ist nach jahrelangem Training für den entscheidenden Lauf unter dem enormen Druck schon unfehlbar? Wenn es doch um Hundertstelsekunden geht. Offenbar nicht mal der schnellste Mann der Welt. Bolt konnte die Härte der Regel nur ertragen, weil sie gerecht ist.
Vielleicht wollte Bold Weltrekord laufen
gisbert heimes (gisbert4)
- 30.08.2011, 02:04 Uhr