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Leichtathletik-Kommentar Angriff als Verteidigung

11.06.2009 ·  Die Zukunft des Istaf ist nicht sicher. Daher plant der Leichtathletik-Verband nun ein eigenes Sportfest in Berlin. Man musste handeln. Was die Zukunft bringt, liegt trotz allen Streits und aller Mühen außerhalb der Macht des Sports. Das Fernsehen definiert den Wert.

Von Michael Reinsch
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Was für eine Attacke aus heiterem Himmel: Der Deutsche Leichtathletik-Verband will im Berliner Olympiastadion ein eigenes, erstklassiges Sportfest veranstalten (siehe auch: Leichtathletik: DLV plant eigenes Sportfest in Berlin). Dabei eröffnet just an diesem Sonntag und just im Berliner Olympiastadion das traditionsreiche Istaf, das Sportfest mit den meisten Zuschauern der Welt, die Golden League der Leichtathleten; eine Serie, die im kommenden Jahr von der weltweiten Serie Diamond-League ersetzt werden soll.

Doch der DLV und sein Präsident Clemens Prokop wollen ihre Initiative nicht als hinterhältigen Angriff auf einen arglosen Mitstreiter verstanden wissen. Schließlich hat Gerhard Janetzky, Geschäftsführender Gesellschafter des Istaf, seit Wochen mehr als deutlich gemacht, dass er mit seiner Veranstaltung wohl eher nicht in der neuen Liga mitspielen und lieber in ein kleineres Stadion umziehen wolle. Der Berliner Unternehmer Werner Gegenbauer, der das Istaf aus der Insolvenz erwarb, als er die Bewerbung der Stadt um diese Weltmeisterschaft 2009 anführte, hat sich längst von der Leichtathletik abgewandt; er macht jetzt Schlagzeilen als Präsident des Berliner Fußball-Bundesligavereins Hertha BSC (siehe auch: Werner Gegenbauer: „Istaf-Verpflichtung bis 2009. Das ist es“).

Zusätzliche Sitzplätze, wo 1993 Geschichte geschrieben wurde

Das aber würde der nächste Rückschlag für diese Sportart sein: wenn gleich nach der WM im August die Diskussion darüber begänne, dass die blaue Bahn im Stadion zu viel Distanz schaffe zwischen Fußballspielern und ihren Fans – ein Oval, für das es keinen Bedarf und keine Zukunft außer vielleicht eine Berliner Olympiabewerbung 2024 gebe.

Stuttgart hat gezeigt, dass Politik und Leichtathletik-Lobby den Forderungen des Unterhaltungsbetriebes Fußball-Bundesliga nicht einmal mit dem internationalen Saisonfinale standhalten können. Derzeit werden im Stuttgarter Mercedes-Benz-Stadion viertausend zusätzliche Sitzplätze eingebaut, wo bei den Weltmeisterschaften 1993 noch Heike Drechsler und Sergej Bubka abhoben, wo Merlene Ottey und Frank Fredericks, Michael Johnson und Haile Gebrselassie freie Bahn hatten.

Solch eine Entwicklung in Berlin wäre mehr als der Verlust einer Sportstätte für die Leichtathletik. Sie würde auch nicht nur die Preisgabe des zentralen europäischen Marktes mit 80 Millionen Menschen für diese Sportart und ihre Sponsoren sein. Die Aufgabe des Olympiastadions von Berlin würde all jene desavouieren, die sich dafür eingesetzt haben, es bei seiner Modernisierung als Leichtathletik-Arena zu erhalten, einschließlich des Weltverbandes IAAF, der sich mit der WM für dieses Engagement bedankte. Man mag den Zeitpunkt kritisieren. Aber irgendwann musste der Verband handeln, um der Tradition und der Bedeutung seiner Sportart und seinem Anspruch als Ansprechpartner der Politik gerecht zu werden.

Ob im kommenden Jahr ein, zwei oder überhaupt kein Leichtathletik-Sportfest in Berlin stattfinden, liegt trotz allen Streits und aller Mühen außerhalb der Macht des Sports. Das Fernsehen definiert den Wert der Veranstaltung für Sponsoren. Davon sind Istaf wie Verband abhängig.

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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