26.07.2010 · An diesem Dienstag beginnt die Leichtathletik-EM in Barcelona. Sie ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu großen Zielen, auch für die Deutschen. Für Sportdirektor Thomas Kurschilgen aber ist die EM die erste große Bewährungsprobe.
Von Michael Reinsch, Barcelona„Ich bin nicht der Kümmerer der Leichtathletik.“ Wer mit so einem Satz als Sportdirektor des Leichtathletikverbandes antritt, dem darf es nicht an Selbstbewusstsein mangeln. Thomas Kurschilgen, 49 Jahre alt, ist im vergangenen Jahr in die großen Fußstapfen von Jürgen Mallow getreten, und die lässige Absage ans kleine Karo hat er von ihm übernommen. Es ist, als habe er frischen Wind entfacht im Verband, dabei berufen sich er und der für den Spitzensport zuständige Vizepräsident Günther Lohre - der eine wie der andere früher Stabhochspringer - auf Kontinuität.
So gilt auch vor der an diesem Dienstag in Barcelona beginnenden Europameisterschaft: Dies ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg über die WM 2011 in Südkorea zu den Olympischen Spielen von London 2012. Ende vergangenen Jahres holte der Verband Kurschilgen aus der Marketingabteilung einer Sparkasse zurück zum Sport. Und auch wenn erst in zwei Jahren in Medaillen abgerechnet wird, ist Barcelona seine erste große Bewährungsprobe.
Einige neue Gesichter werden in die Kameras strahlen
Eine Prognose abzugeben, an der man Erfolg oder Misserfolg ganz einfach ablesen könnte, hat der Sportdirektor abgelehnt. Auch damit, mit eigenem Kopf und eigenem Charme, setzte er den Weg seines Vorgängers fort. Mallow hatte sich einen Spaß daraus gemacht, dass alle Welt seine Ansage für die Weltmeisterschaft 2009 in Berlin - neun Medaillen - für einen Scherz hielt. Und dann holten die deutschen Leichtathleten neun Medaillen.
Mindestens so viele sollen es im europäischen Maßstab auch werden, auch wenn Kurschilgen Wert darauf legt, an der Punktwertung vom ersten bis zum achten Platz gemessen zu werden. Darin wollen Kurschilgen und der DLV die Spitze in Westeuropa übernehmen, also nach den Franzosen auch die Briten hinter sich lassen und sich auf Augenhöhe mit den russischen Leichtathleten messen. Bei den Siegerehrungen im Olympiastadion von 1992 werden voraussichtlich einige neue Gesichter in die Fernsehkameras strahlen.
Nytra, Hingst und Reif als Nummer eins der Rangliste
Aus der etablierten und erfolgreichen Nachwuchsarbeit des DLV sind Favoriten wie Nadine Müller erwachsen, mit 67,78 Metern die Erste der Weltrangliste im Diskuswerfen. Die 1,93 Meter große Hallenserin, 24 Jahre alt, wirkt nicht im Geringsten schüchtern, in die Tradition deutscher Diskuswerferinnen einzutreten, die zuletzt mit drei Weltmeistertiteln Franka Dietzsch personifizierte.
Neben ihr und dem nicht minder groß gewachsenen Benjamin der Mannschaft, dem 19 Jahre alten Kugelstoßer David Storl, wirken der dreizehn Jahre ältere Titelverteidiger Ralf Bartels, der 26 Jahre alte Diskus-Weltmeister Robert Harting oder die genauso alte Hochspringerin Ariane Friedrich wie Routiniers. Auch Hürdensprinterin Carolin Nytra ist mit 12,57 Sekunden als Nummer eins der europäischen Rangliste in Barcelona eingetroffen, ebenso wie die Stabhochspringerin Carolin Hingst (4,72 Meter) und Weitspringer Christian Reif (8,27), der mit seinen 25 Jahren schon so etwas wie ein Comeback nach zwei Jahren Verletzungspause gibt.
„Ich will Athleten, die die Führung des Verbandes kritisieren“
Im Stabhochsprung hat sich mit den neuen deutschen Meistern Silke Spiegelburg und Malte Mohr ein Generationenwechsel vollzogen, der sich auch in den Debütanten Lisa Rysih, 21 Jahre, und Raphael Holzdeppe, 20, beide ehemalige Junioren-Weltmeister, personifiziert. Dass er sie alle zum „Team Building“ ins Trainingslager nach Kienbaum zitierte, kommentiert Kurschilgen mit der ihm eigenen Ironie. „Ich will keine willigen Athleten haben“, sagt er.
„Ich will Athleten, die die Führung des Verbandes durchaus kritisieren und sich differenziert äußern können.“ Das Ziel, aus 74 Einzelathleten eine Nationalmannschaft zu machen, scheint Kurschilgen gelungen zu sein. Zumindest ihn beflügelt der Mannschaftsgeist. „Wir sind wohl eine Individualsportart, und jeder strebt seine Saisonbestleistung an“, sagt Kurschilgen. „Wenn das eintritt, werden wir ein gutes Mannschaftsergebnis haben.“