31.07.2010 · Betty Heidler gewinnt bei der Leichtathletik-EM in Barcelona überlegen das Hammerwerfen. Silke Spiegelburg und Lisa Ryzih schwingen sich zu Silber und Bronze im Stabhochspringen auf. Und Carsten Schlangen wird überraschend Zweiter über 1500 Meter.
Von Michael Reinsch, BarcelonaBetty Heidler hat bei den Leichtathletik-Europameisterschaften als dritte Deutsche eine Goldmedaille in Barcelona gewonnen, die Stabhochspringerinnen Silke Spiegelburg und Lisa Ryzih steuerten Silber und Bronze bei. Aber die größte Überraschung am Freitagabend lieferte der 1500-Meter-Läufer Carsten Schlangen.
Der 29 Jahre alte Berliner musste sich nach einem taktisch klugen Rennen in 3:43,52 Minuten nur dem spanischen Sieger Arturo Casado geschlagen geben, der 3:42,74 lief. Im Fotofinish verwies Schlangen den zweiten Spanier Manuel Olmedo (3: 43,54) auf Rang drei.
Betty Heidler, die 26 Jahre alte Hammerwerferin von der LG Eintracht Frankfurt übernahm mit einem unangestrengt wirkenden zweiten Wurf von 75,92 Meter die Führung und steigerte sich im fünften sogar auf 76,38 - mehr als einen halben Meter über ihrer besten Leistung der Saison. Damit hatte die Polizistin und Jurastudentin die zwischenzeitlich wegen Dopings gesperrte ehemalige Weltmeisterin Tatjana Lysenko aus Russland (75,65) und die Polin Anita Wlodarczyk (73,34), die ihr 2009 Berlin den WM-Titel weggeschnappt hatte, deutlich besiegt.
„Als Tatjana über 75 Meter geworfen hat, habe ich gedacht: Jetzt muss ich noch mal nachlegen“, schilderte die Weltmeisterin von 2007 ihre Gedanken. „Ich bin total happy, und ich glaube, auch mein Trainer ist zufrieden. Was sollte Michael Dehyle auch zu meckern haben, wenn seine Athletin beim Saisonhöhepunkt Bestleistung wirft und Gold gewinnt?
Silber und Bronze für Silke Spiegelburg und Lisa Ryzih
Im Stabhochsprung holten die Leverkusenerin Silke Spiegelburg und die Ludwigshafenerin Lisa Ryzih Silber und Bronze hinter der überlegenen Russin Swetlana Feofanowa, die sich mit nur fünf Sprüngen über 4,75 Meter Höhe katapultierte. Die beiden Deutschen versuchten sich ebenfalls an der Höhe, scheiterten aber.
Die 24 Jahre alte Silke Spiegelburg schoss von ihrer Einstiegshöhe 4,45 über 4,55 jeweils im ersten Versuch auf 4,65. Erst bei 4,70 Meter wurde das Springen im böigen Wind schwierig; zwei Mal riss sie. Ihren dritten Versuch nutzte sie für einen Versuch über 4,75 Meter. Die Medaille sei ja ganz schön, klagte sie, aber sie habe nicht umgesetzt, was sie eigentlich könne. Für sie wie die frühere Jugend- und Junioren-Weltmeisterin und U23-Europameisterin des vergangenen Jahres stehen damit 4,65 Meter in der Ergebnisliste.
Carsten Schlangen rettet die Ehre der deutschen Männer
Lisa Ryzih war damit hoch zufrieden. Auch sie ließ 4,75 Meter auflegen, lief aber durch, nachdem sie lange auf den richtigen Moment zum Anlauf gewartet und ihre Konzentration verloren hatte. „Ich konnte nicht mehr, war völlig fertig, konnte keinen Schritt mehr machen.“ Sie hatte für 4,35 Meter zwei Versuche und für 4,55 drei gebraucht - 4,45 ließ sie aus - und flog dann sicher im ersten Versuch über die auf 4,65 Meter liegende Latte - fünf Zentimeter über ihrer gerade einmal sechs Wochen alten Bestleistung. Bei 4,70 Meter lief sie im ersten Versuch durch und riss beim zweiten. Schließlich scheiterte sie dann an 4,75 Meter.
Nachdem zuvor alle Medaillen des deutschen Teams - drei Mal Gold, zwei Mal Silber und ein Mal Bronze - von den Frauen gewonnen worden waren, konnte erstmals mit Carsten Schlangen das sogenannte starke Geschlecht zum Medaillenspiegel beitragen. „Überraschend ist es schon. Aber ich wusste, dass es ein recht offenes Ende sein könnte“, sagte der 29-Jährige nach seinem fulminanten Endspurt, der ihm in 3:43,52 Minuten Silber einbrachte.
Lemaitre steigert sich im Schlussspurt und gewinnt zweites Gold
Zwei Tage nach seinem Sieg über 100 Meter gewann Christophe Lemaitre mit einem beeindruckenden Schlussspurt auch Gold über 200 Meter. Der Franzose siegte in 20,37 Sekunden vor dem lange führenden Briten Christian Malcolm (20,38) und Martial Mbandjock (20,42). „Ich genieße diesen Moment. Dies ist ein wichtiger Tag für Frankreichs Leichtathletik“, sagte Lemaitre, der nach der Hälfte des Rennens noch weit zurückgelegen hatte.
Unter Wert verkaufte sich Sebastian Ernst von der TV Wattenscheid 01, der im Halbfinale erst nach 20,95 Sekunden als Achter über die Ziellinie kam. „Es war ein Alptraum. Das Rennen war vorne und hinten schwach. Peinlich“, gab der Bundespolizist ehrlich zu.
Russische Siege über 400, 800, 400 Hürden und 3000 Hindernis
Marta Dominguez gewann mit Silber die erste Medaille für Gastgeber Spanien, musste sich im Finale über 3000 Meter Hindernis aber der Russin Julia Zarudnewa geschlagen geben. Über 400 Meter gab es sogar einen russischen Dreifachsieg: Tatjana Firowa gewann in der europäischen Jahresbestzeit von 49,89 Sekunden vor Ksenija Ustalowa und Antonia Kriwoschapka. Natalja Antjuch (ebenfalls Russland) hat das Finale über 400 m Hürden in europäischer Jahres-Bestzeit von 52,92 Sekunden klar vor dem Rest der Konkurrenz gewonnen. Marija Sawinowa, natürlich aus Russland, ist die neue Europameisterin über 800 Meter (1:58,22 Minuten).
Kevin Borlee hat die am Freitagabend erste Medaille für Belgien gewonnen. In 45,08 Sekunden holte er sich den Europameister-Titel über 400 Meter vor den Briten Michael Bingham und Marty Rooney, die beide in 45,23 Sekunden über die Ziellinie kamen. Deren Landsmann Andy Turner siegte über 110 Meter Hürden. Alexander John (Leipzig) wurde im Endlauf Achter und Letzter.
Robert Harting nervt mal wieder mit Sonderansprüchen
Beim Sieg des Franzosen Yohan Diniz im 50 Kilometer Gehen belegte der Berliner André Höhne den siebten Platz und war darüber „extrem glücklich“. Der 32-Jährige hatte mit Magenproblemen zu kämpfen. „Aber ich habe gezeigt, dass ich zur Weltspitze gehöre“, meinte er stolz.
Diskus-Weltmeister Robert Harting sorgte schon einen Tag vor seinem Qualifikations-Wettkampf für Aufsehen. Der 25 Jahre alte Berliner fordert vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) eine stärkere Unterstützung für seinen Bruder Christoph. „Wenn ich eine Medaille mache, will ich eine Förderungsgarantie für meinen Bruder“, schrieb Harting in einer Pressemitteilung. DLV-Präsident Clemens Prokop reagierte gelassen: „Wir haben Kaderkriterien, die für alle gelten. Er setzt sich für seinen Bruder ein, das ist legitim.“