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Leichtathletik-EM 2018 in Berlin : Bereit für Olympia

Gute Stimmung und schöne Bilder: Das Olympiastadion voll zu bekommen ist eine Frage der richtigen Kommunikation Bild: dpa

Berlin veranstaltet die Leichtathletik-Europameisterschaft 2018. Für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ist das noch nicht genug. Er will die Olympischen Spiele in die Hauptstadt holen.

          Waren das schöne Bilder: von der blauen Bahn im Olympiastadion von Berlin, auf der Usain Bolt zum Weltrekord von 9,58 Sekunden und zu drei Goldmedaillen sprintete, von den Marathonläufen Unter den Linden, die mit den Siegen von Bai Xue und Abel Kirui vor dem Brandenburger Tor zu Ende gingen. An diesem Samstag ist in Zürich ein Remake der WM 2009 beschlossen worden. Die Europameisterschaft 2018 soll im Olympiastadion von 1936, auf seiner blauen Bahn und in den Straßen der deutschen Hauptstadt stattfinden – ohne den schnellsten Jamaikaner der Welt selbstverständlich, ohne seine amerikanischen Konkurrenten, ohne die Läufer aus Kenia und Äthiopien, ohne die Besten der Welt in vielen Disziplinen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schöne Bilder soll es in fünf Jahren wieder geben und obendrein höhere Einschaltquoten im Fernsehen. Um von einer Wiederholung zu sprechen, sind Klaus Wowereit (SPD), der Regierende Bürgermeister von Berlin, und Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), viel zu höflich. Wowereit flog praktisch direkt aus Vietnam, wo er mit einer Wirtschaftsdelegation unterwegs war, in die Schweiz, obwohl er den so gut wie sicheren Zuschlag zu Hause hätte abwarten können. Berlin war der einzige Kandidat. Paris, Rom und zuletzt Budapest, insgesamt zehn Mitbewerber, haben zurückgezogen.

          Zur Attraktivität der deutschen Hauptstadt und des deutschen Marktes kam die Entschlossenheit des Bewerbers. Berlin betreibt mit der Akquise von Schwimm-Europameisterschaft (2014) und Champions-League-Finale (2015), von Deutschem Turnfest (2017) und voraussichtlich von Spielen der Handball- und Fußball-Europameisterschaften 2019 und 2024 offensiv Stadtmarketing. Und Prokop kann sich mit dem Zuschlag selbstbewusst zur Wiederwahl in zwei Wochen stellen.

          Sponsoren, Schüler und Soldaten sind keine Lösung

          Schöne Bilder vom Sport bedeuten auch: begeisterte Zuschauer, viele Zuschauer. Das ist im Olympiastadion mit seinen gut 74.000 Sitzplätzen eine Schwierigkeit. Die mächtige Kulisse ist nur etwas wert, wenn sie belebt wird. An den ersten Tagen der WM 2009 und jüngst bei der WM in Moskau zeigte sich, wie Lücken auf den Rängen die Stimmung verderben.

          Usain Bolts Laufsteg: hier sprintete der Jamaikaner 2009 zu Weltrekord und Gold
          Usain Bolts Laufsteg: hier sprintete der Jamaikaner 2009 zu Weltrekord und Gold : Bild: dpa

          Zwar verringern die voraussichtlich neunzig Kamerastandorte und mehr als tausend Presseplätze die Kapazität der Arena im Berliner Westen auf 55.000, zwar konzentrieren die Europäer das Programm auf sechs Tage (statt neun wie bei der WM). Doch selbst die daraus resultierenden 330.000 Plätze wollen erst einmal besetzt sein. Nicht nur Sponsoren reagieren indigniert auf Leerstellen in der Kulisse, auch der Senat macht kein Geheimnis aus dem politischen Willen zu einem vollen Stadion.

          Gerhard Janetzky, Präsident des Berliner Verbandes und Direktor des jährlich stattfindenden Sportfestes Istaf, kennt das Problem. „Tickets einfach über die Sponsoren zu verschleudern geht nicht“, sagt er. „Schüler und Soldaten auf die Tribünen zu setzen, so geht’s auch nicht.“ Er hat 2007 gemeinsam mit Sponsor DKB mehr als 70.000 Zuschauer ins Stadion gebracht – Rekord für die Leichtathletik. 800 Busse sammelten dafür in ganz Deutschland Interessenten ein, die für nur 17 Euro an jenem Sonntag Fahrt, Ticket und Kappe bekamen. Der Sponsor hat sich inzwischen zwar dem Verband zugewandt, von einer Wiederholung der Aktion während der EM-Woche kann jedoch keine Rede sein.

          Olympia? „Berlin steht bereit“

          „Wenn wir gemeinschaftlich zusammenarbeiten, können wir das Problem locker lösen“, antwortet Robert Harting auf die Frage nach seiner Haltung zur Zuschauerproblematik per SMS. Er ergänzt: „Es ist ein Traum, und es wird ein Finale.“ 2018 will der Diskus-Olympiasieger und dreimalige Weltmeister, dann 32 Jahre alt, wieder in „seinem“ Olympiastadion um die Goldmedaille kämpfen. „Ob ein Stadion voll ist oder nicht, liegt immer an der Kommunikation des attraktiven Produkts und der Geschichte, die erzählt wird“, sagt der Student der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. „Und nicht daran, ob die Leichtathletik attraktiv ist oder nicht.“

          Botschafter Berlins: Diskuswerfer Harting will auch 2018 noch jubeln
          Botschafter Berlins: Diskuswerfer Harting will auch 2018 noch jubeln : Bild: REUTERS

          Helmut Digel, emeritierter Soziologe und früherer Präsident des DLV, verlangt seit Jahren die Straffung des Programms und die Streichung der endlosen Vorläufe. „Leichtathletik hat die schönste Fankultur“, sagt er. „Es gibt keine Prügel, es gibt keinen Alkohol. Es gibt keinen Chauvinismus, und es werden die Gegner nicht unfair behandelt.“ Das Publikum der Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart erhielt den Fair-Play-Preis der Unesco.

          Gute Stimmung und schöne Bilder müssen beweisen, dass der politische Kampf um Laufbahn, Sprung- und Wurfanlagen im Olympiastadion, dass die Auseinandersetzung Wowereits mit Sparfüchsen und Fußball-Lobby nicht umsonst war. Die Europameisterschaft ist, wie die WM, Dank und Belohnung für das letzte große Leichtathletik-Stadion in Deutschland, Reservat einer Sportart. Und sie soll ein Beweis werden. Wowereits Mantra lautet „Berlin steht bereit“, und es bezieht sich auf eine Olympiabewerbung.

          In den Startlöchern: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und DLV-Präsident Clemens Prokop
          In den Startlöchern: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und DLV-Präsident Clemens Prokop : Bild: dpa

          Quelle: F.A.Z.

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