11.04.2007 · Im Fußball gab es Hoyzer; der Mord am Cricket-Trainer Woolmer wird der Wett-Mafia zugerechnet; im Tennis gibt es Gerüchte; Pferde- und Hunderennen gar nicht zu erwähnen. Nun bringt Leichtathleten-Manager Wagner mit Online-Wetten Unruhe in die Szene.
Von Michael ReinschFast jede große Sportart hat ihre Wettbetrügereien. Im Fußball gab es Hoyzer; der Mord an dem pakistanischen Cricket-Nationaltrainer Bob Woolmer wird der Wett-Mafia zugerechnet; im Tennis gibt es immer wieder Gerüchte; Pferde- und Hunderennen gar nicht zu erwähnen. Fast alle großen Sportarten haben, allein schon um den Anschein von Manipulationen auszuschließen, strikte Regeln, die Athleten und Offiziellen Wetten auf ihren Sport verbieten.
Die Leichtathletik, Kerndisziplin der Olympischen Spiele, gibt sich davon unberührt. Seit Februar bieten der Athleten-Manager Robert Wagner und sein Internetunternehmen AthleticBet.com mit Sitz in Wien Wetten auf Leichtathletik-Wettbewerbe an. Wagner ist nicht der Erste, der das tut, aber nie vor ihm hat ein Athletenmanager beruflich Wetten angeboten.
Wetten gegen die eigene Athletin
Deshalb hat der Weltverband (IAAF) den Finger gehoben und ein bisschen gedroht. „Allen Mitgliedern der IAAF-Familie“, teilt er mit, „sollte verboten werden, direkt oder indirekt an Wetten, Glücksspiel und ähnlichen Veranstaltungen oder Transaktionen in Verbindung mit leichtathletischen Wettbewerben . . . teilzunehmen.“ Auch die Beteiligung an Wettbüros solle verboten werden.
Geregelt ist damit gar nichts. Der Text ist keine neue Regel, sondern eine Resolution, die das Council bei der Cross-Weltmeisterschaft in Mombasa verabschiedete. Er wirkt wie eine persönliche Botschaft für Robert Wagner. Die Mahnung ist beim Adressaten angekommen. Vor vier Wochen, sagt Wagner, habe er sein Unternehmen World Athletics Management mit 27 Sportlerinnen und Sportlern seinem ehemaligen Klienten Mark McKoy, Olympiasieger im Hürdensprint von Barcelona 1992, übertragen. Bei AthleticBet.com sind seit gut zwei Wochen keine aktuellen Wetten mehr zu finden. „Ich will abwarten, bis sich alles beruhigt hat“, sagt Wagner.
Limitierte Wett-Gewinne
Zur Unruhe hat er selbst beigetragen. Noch im Februar bot er zum Einstieg ins Geschäft auch Wetten auf - oder gegen - die 800-Meter-Läuferin Jolanda Ceplak an, die Favoritin beim Hallen-Sportfest von Stuttgart. Sie brach ein, als sie versuchte, mit Sasha Spencer mitzuhalten, die viel zu schnell anlief und aufgab. Beide Läuferinnen gehörten Wagners Gruppe an. „Niemand hatte auf die 800 Meter gewettet“, sagt Wagner. „Aber wir haben die Brisanz gesehen und von Wetten Abstand genommen, in denen Athleten aus der Gruppe liefen.“
Nun hat er weitere beunruhigende Nachrichten. Unter denjenigen, die Zugriff auf seine Wetten beantragt hätten, seien Mitglieder der IAAF, behauptet er. „Das waren Offizielle, Schiedsrichter und Veranstalter. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass das nicht geht.“ Wagner will weiterhin Wetten anbieten. Das kann ihm niemand verbieten. Doch er will zugleich weiter zur Familie gehören. „Mit 47 Jahren will ich nicht mehr ständig reisen und der Leichtathletik dennoch etwas geben“, sagt er. Nach seiner Vorstellung sollte der Verband Wetten als Promotion verstehen und deshalb, zum Beispiel, auf seiner offiziellen Website eine Verbindung zu AthleticBet.com schaffen.
Der Leichtathletik Impulse geben
Wagner limitiert Gewinne auf 2500 Euro. Das soll verhindern, dass Athleten beim Buchmacher mehr verdienen können als mit Siegen. Wagner will Generalsekretär und Präsident der IAAF außerdem deutlich machen, dass sie ein Wettverbot für den inneren Kreis nur in Zusammenarbeit mit ihm durchsetzen können. Sein „Monitorsystem“ funktioniert so: „Ich sehe, wer wettet und wie viel er setzt. Wir kennen alle in der Leichtathletik.“
Wagner verspricht dem Verband ein Drittel seines Gewinns. Bei jährlichen Kosten allein für den technischen Betrieb der Website und für die österreichische Wettlizenz von zusammen rund 200.000 Euro sowie Lohn für fünf Beschäftigte dürfte ein substantieller Profit allerdings erst in einigen Jahren zu erwarten sein. Doch um Geld geht es Wagner angeblich nicht. „Reich wird man mit Leichtathletik-Wetten nicht“, sagt er. „Unsere Absicht war, der Leichtathletik Impulse zu geben.“ Er beruft sich darauf, die Idee der Internet-Wetten Weihnachten 2005 gemeinsam mit dem Generalsekretär der IAAF, Istvan Gyulai, entwickelt zu haben. Gyulai starb im Sommer vergangenen Jahres; sein Sohn Marton ist Geschäftsführer von AthleticBet.com.
„Dafür wissen wir zu viel voneinander“
„Gespräche mit dem verstorbenen Generalsekretär kann ich nicht in Frage stellen“, sagt Helmut Digel, Vizepräsident der IAAF. „Aber der Präsident hat davon nichts gewusst, und das Council war nie beteiligt.“ IAAF-Präsident Lamine Diack aus Senegal ist praktizierender Muslim und als solcher strikt gegen Glücksspiel. Digel, in der Führung der IAAF zuständig für Vermarktung, sagt zu der Idee einer Kooperation mit Wagner kühl: „Wenn er eine Sponsoring-Partnerschaft will, soll er ein Angebot machen; etwa über acht Millionen Euro.“
Er wolle nicht mit der IAAF streiten und glaube auch nicht, dass der Dachverband Streit mit ihm wolle“, sagt Wagner. Er schließt einen merkwürdigen Nachsatz an: „Dafür wissen wir zu viel voneinander.“