Die überlegenen Leichtathleten der Saison haben in Berlin ihre Überlegenheit bestätigt - bis auf eine. Der jamaikanische Sprinter Asafa Powell (9,86 Sekunden) sowie die amerikanischen 400-Meter-Läufer Sanya Richards (49,81 Sekunden) und Jeremy Wariner (44,26) haben beim Istaf im Olympiastadion vor 48.000 Zuschauern jeweils ihren sechsten Sieg in der diesjährigen Golden League erreicht.
Damit sicherten sie sich ihren Teil, besser: ihre beiden Teile des Jackpots von einer Million Dollar: zusammen 249.999 Dollar. Die äthiopische Langläuferin Tirunesh Dibaba unterlag im Endspurt des 5000-Meter-Laufs ihrer Mannschaftskameradin Meseret Defar (15:02,51 Minuten) und rutschte damit in die Gruppe derjenigen, die mit fünf Siegen Zugriff nur auf eine Hälfte des Jackpots haben: neben ihr noch ihr Landsmann Kenenisa Bekele (5.000 Meter/12:57,74) und Weitspringer Irving Saladino aus Panama. Sie erhielten je 83.333 Dollar.
„Es ist eine Tragödie“
"Die Saison war schwierig", sagte Wariner nach seinem Rennen, das er wie gewohnt deutlich gewann. Nach dem Auftakt der Saison in Oslo am 2. Juni war wegen der Fußball-Weltmeisterschaft zunächst Pause, und der 22 Jahre alte Amerikaner kehrte zum Training zurück nach Baylor in Texas. Für die Leichtathletik-Europameisterschaft wurde die Serie nach Paris und Rom wieder unterbrochen. "Das war am schwierigsten", sagte Wariner, dann kamen er, seine ein Jahr jüngere Trainingskameradin Sanya Richards und ihr Trainer Clyde Hart wieder nach Europa zurück, um in Zürich, Brüssel und Berlin ihre Mission zu vollenden.
Über die Dopingfälle Justin Gatlin und Marion Jones sowie den gelegentlich mit Händen zu greifenden Verdacht der Manipulation, die es der Leichtathletik und den Leichtathleten auch immer schwerer machen, will Wariner nicht nachdenken. "Solange ich ordentlich trainiere und tue, was Coach Hart sagt, ist es okay", behauptete er im Olympiastadion. "Das Publikum hat jeden einzelnen von uns unterstützt, und ich bin großartig angefeuert worden." Noch am Freitag hatte er wütend die Pressekonferenz der Favoriten verlassen, als er mit der Bemerkung einer Zeitung von den Bahamas konfrontiert wurde, gegen ihn werde - noch geheim - wegen Dopings ermittelt. "Nicht alles stimmt, was in der Zeitung steht", sagte er am Sonntag. Sein Trainer wies darauf hin, daß noch nie ein Athlet aus seiner Trainingsgruppe positiv getestet worden sei. "Es ist eine Tragödie", klagte Hart. "Sobald sie schnell laufen, werden sie mit Leuten verglichen, die des Dopings überführt sind."
„Sonst würde ich sagen, neun von zehn sind gedopt“
Nicht einmal Leichtathleten sind frei von dieser Betrachtungsweise. Sechs von zehn Leichtathleten seien gedopt, hatte Asafa Powell in Zürich gesagt und angefügt, er sei nur so zurückhaltend, weil er selbst mitlaufe: "Sonst würde ich sagen, neun von zehn sind gedopt." Bevor er sich auf die Zunge biß und weitere Kommentare zum Thema verkniff, ließ er noch mitteilen, er habe nicht von der Leichtathletik im allgemeinen, sondern vom Sprint gesprochen. Dann dominierte er ihn weiter. In Berlin lief er zum elften Mal in dieser Saison eine Zeit unter zehn Sekunden.
Welche Spannung so ein Finale der Golden League verbreiten kann, hatte der Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF), Lamine Diack aus Senegal, am Anfang der Saison verraten. "Tatjana Lebedewa war die einzige, die im vergangenen Jahr in Berlin noch im Rennen um den Jackpot war", erinnerte er sich. "Das Risiko war groß, daß sie verlieren und niemand den Jackpot bekommen würde." Um nicht auf dem ganzen Geld sitzenzubleiben, änderte der Verband die Regeln. Die Prämie wurde in eine Hälfte für Sieger und in eine Hälfte für Sieger mit einer Niederlage geteilt. In Berlin durfte Diack am Sonntag sechs Athleten auszeichnen und belohnen.
Es gibt noch eine siebte im Bunde. Sprinterin Sherone Simpson hat in Berlin offiziell zum vierten Mal gesiegt (10,92 Sekunden). Durch die zu erwartende Sperre von Marion Jones für Epo-Doping und die Aberkennung ihrer Siege aber dürfte der Sieg von Paris der Jamaikanerin zufallen: macht fünf für Sherone Simpson. Die Nachrückerin wollte aber in Berlin weder Betroffenheit heucheln noch Freude über den Geldsegen zeigen. Sie verschwand nach ihrem wertvollen Sieg ohne ein Wort aus dem Olympiastadion.