22.11.2007 · Vor 22 Jahren, vier Monaten und 15 Tagen wurde der Held geboren, heute wird der Mensch vierzig: Boris Becker. Doch die Turbulenzen seines Lebens würden gut und gerne für ein sechzigjähriges Promi-Leben reichen.
Von Thomas KlemmUps, da haben wir uns aber gestern gehörig erschreckt! Boris! Becker! Vierzig! Selbstverständlich wussten wir seit Wochen, dass der deutsche Tennisheld an diesem Donnerstag seinen Geburtstag feiert, natürlich wussten wir auch, dass er vierzig Jahre alt wird. Aber irgendwie konnte sich der kluge Kopf nicht gegen das Bauchgefühl durchsetzen, irgendwie sahen wir in Boris Becker seit Jahren eine schier alterslose Erscheinung.
Was weniger daran lag, dass der dreimalige Wimbledonsieger sich als „17-jähriger Leimener“ auf ewig ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat; sondern vielmehr daran, dass Becker nach seinem Karriereende die Welt in so rasanter Folge mit Schlagzeilen über Erfolge und Misserfolge als Geschäfts- und Ehemann versorgte, dass die Turbulenzen gut und gerne für ein sechzigjähriges Promi-Leben reichen würden. Wird er, der sich ständig gehäutet hat, wirklich erst vierzig?
„Tennisjahre sind wie Hundejahre“
Wer Zweifel hegt, befindet sich in guter Gesellschaft: Selbst Boris Becker war sich, als er noch wie ein Berufsjugendlicher in Lederjacke und gegeltem Haupthaar daherkam, seines Alters nicht wirklich sicher. Schon vor der Jahrtausendwende, seine einzigartige Profikarriere lag schon hinter ihm und seine aufsehenerregende Scheidung noch vor ihm, litt er wie ein geprügelter Hund: „Tennisjahre sind wie Hundejahre“, sagte er, der damals Ausgelaugte, „manchmal fühle ich mich wie vierzig.“ Jetzt ist er es also wirklich, und seine Zwischenbilanz sieht so aus: „Ich bin dankbar für dieses Leben.“
Dankbar können auch andere sein: der Deutsche Tennis-Bund, der allerdings die Boom-Jahre mit den drei Ausnahmekönnern Becker, Graf und Stich nicht nachhaltig zu nutzen verstand; Personen in seinem Umfeld, vor allem Frauen, die im Schatten des Stars vorübergehend Berühmtheit erlangten; Boulevardmedien, die die kleinste Affäre mit großen Lettern begleiteten, und nun auch noch die Kinder dieser Welt, für die sich der dreifache Vater einer Patchwork-Familie öffentlichkeitswirksam einsetzt. Auch dieser jüngsten Häutung des einst bekennenden Egomanen kann nicht jeder folgen: Kämpft Becker wirklich für alle Kinder – oder nur um das Sorgerecht für seine uneheliche Tochter?
Hans-Wilhelm Gäb, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe, hat jüngst in einer Abschiedsrede sage und schreibe 21 „anständige Vorbilder“ der jüngeren deutschen Sportgeschichte aufgezählt, darunter Michael Stich und Steffi Graf: Wer fehlte, war Becker. Wer sich, wie anscheinend Gäb, damit schwer tut, den vierzigsten Geburtstag der öffentliche Person Boris Becker zu feiern, kann trotzdem getrost die Gläser heben: auf den ersten deutschen Wimbledonsieg: vor 22 Jahren, vier Monaten und 15 Tagen. Boris Becker ist eine schöne Erinnerung.